Nun ist es also da: das neue Jahr 2023. Von vielen ersehnt und auf zahllosen Neujahrskarten zum Ausdruck gebracht als ein gutes, als – so wurde es in vielen Wünschen benannt – ein „besseres“ als das vorige. Zu diesem Wunsch passt womöglich das Wort des Jahres 2022 dazu: die „Zeitenwende“, die Bundeskanzler Olaf Scholz mit Blick auf den russischen Überfall auf die Ukraine ausgerufen hatte. Der Jahreswechsel als eine „Zeitenwende“ – im etwas anders gedachten Sinne. Den Jahreswechsel als Markierung für eine (wieder mal) neue Gelegenheit zu nehmen, die Zeiten: zu wenden. Also: sie sich genauer anzuschauen, sie umzudrehen, zu gucken, was hinter und unter ihnen (verborgen) liegt, sie aus anderen Perspektiven in den Blick zu nehmen, zu inspizieren auf Belastendes und Ermöglichendes, sie womöglich mal richtig umzukrempeln, sie zu drehen und zu wenden eben, um für mehr Zeitwohlstand oder für mehr zeitliche Stimmigkeit zu sorgen. Das mit dem Zeitwohlstand hat vielleicht sogar „zwischen den Jahren“ ganz gut geklappt. War ja auch relativ easy. Selten gibt es eine so geringe Posteingangsdichte in den Mailfächern. Da fällt es leicht, die Abschaltbedürfnisse mal auszuleben. Aber jetzt – für viele: ab heute, dem 09. Januar – steht der Stresstest an. Die (Erwerbs-) Arbeit hat uns wieder, der (relative) Zeiten- und auch der Waffenstillstand (vermutlich ohnehin eine Mogelpackung) ist vorbei. Es wird wieder ernst. Umso wichtiger wäre eine echte persönliche „Zeitenwende“. Um sich selbst nicht immer mehr zu verlieren in den medialen Gemengelagen immer kürzer werdender Ereignis- und Erregungszyklen mit immer stärkeren Ausschlägen – und ja: leider auch mit Einschlägen, wie im Krieg oder wie auf den Straßen der Städte beim Jahreswechsel. Das schmerzt, tut weh. „Die Einschläge kommen näher …“ – blöder Spruch mit bitterem Beigeschmack. Der wird oft auch auf die eigene, absehbare Zeitlichkeit dahin gefloskelt. Das soll womöglich lässig klingen angesichts der Erwartbarkeit der (eigenen) Endlichkeit. Um es nicht auf diesem Niveau zu belassen, wäre tatsächlich im angedeuteten Sinne jetzt eine gute Zeit für eine Zeitenwende.

Und ja, auch – eine weitere Redewendung, die mir seit dem Verlust des Zeitweisen Karlheinz Geißler nicht mehr aus dem Kopf geht, nutzend – um „das Zeitliche zu segnen“. Auch dies verstanden in abgewandeltem Sinne der üblichen Verwendung zur Bezeichnung des Ablebens. Und zwar verstanden als eine Gelegenheit, der Zeit (wie es Karlheinz Geißler zeitlebens getan hat) uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu geben, sie zu würdigen, ihr in der jeweilig aktuellen eigenen zeitlichen Erfahrung „den Segen zu geben“, sprich: sie zu sehen, wie sie gerade im Augenblick ist und dazu das uneingeschränkte Einverständnis zu geben. Und in diesem Einverständnis das Verständnis zu suchen und zu finden, das nur möglich ist, wenn ich dem Gegenstand, um den es geht, innerlich ganz nahe bin, wenn ich – wie hier: mit der Zeit – gut und innig verbunden bin. Wenn ich in der Lage bin, sie in ihrer Vielfalt wahr- und anzunehmen, zu schätzen, sie mir zur Freundin zu machen, der ich – ja – „den Segen geben kann“. Für diese segensreiche Nähe braucht es zugleich Distanz, einen kleinen Stopp. Nähe und Distanz zugleich zu unseren Zeiten zu haben – das wäre segensreich. Beim Erhalten und Geben des Segens wird in kirchlichen Kontexten innegehalten, es herrscht Stille, der Kopf und der Blick wird „andächtig“ gesenkt, es herrscht Verbundenheit mit dem Augenblick und seiner spürbaren Qualität. Gestärt durch den Moment des Segens geht’s weiter in die hektische Welt hinaus. Gut verbunden und mit wachem Auge auf die Zeiten, wie sie sind – und wie sie doch auch anders sein könnten.

Nur derart verbunden ist so etwas wie zeitliche Stimmigkeit spürbar. Wenn ich der Zeit als etwas begegne, das als knappes Gut zu ordnen oder gar zu managen ist, dabei nie raste, sondern unentwegt haste, werde ich so etwas wie Zeitwohlstand nicht erleben. Deshalb doch lieber den Jahresbeginn zum Start in die Arbeitsphase zum Anlass genommen, die Zeiten mal zu wenden, sie „zu segnen“ – und damit dann gut in und durch ein hoffentlich schönes, ein „besseres“ neues Jahr zu kommen.

Was das Wenden und Segnen konkret bedeuten könnte? Beispielsweise die Reduzierung von Möglichkeiten, die leicht etwas Erdrückendes haben heutzutage. Stichwort „mediale Dauerpräsenz“. Folge: keine Zeit zu haben für gar nix, sich in der Zeit zu verlieren, konkret: sich zu verdaddeln. Oft übrigens versehen mit schnell durchschaubaren und wirkungslosen, unbeholfenen Versuchen, doch irgendwie alles und noch viel mehr unterzubringen. Manche Zeitgenoss:innen erhöhen z.B. die Abspielgeschwindigkeit von Serien oder Filmen (u.a. der Youtube-Player bietet diese Möglichkeit). Oder sie schauen sich statt der Originale sogenannte „Movie-Recaps“, also Kurzzusammenfassungen von Filmen an. Die gehen immer irgendwo zwischendrin noch schnell mal rein! Wenn dann noch beides – Abspielgeschwindigkeit und Kurzzusammenfassung – kombiniert wird, bleibt noch Zeit für … noch mehr … Aber von was – und vor allem: für was, wozu? Egal. Aufreger gibt’s ja an jeder Ecke – auch wenn sie extra gemacht werden muss, um von ihr aus (nicht ganz uneigennützig) die „Untergangsgeilheit“ zu bedienen. Es ist ja alles so dramatisch, so skandalös, so krass, erschreckend, unfassbar, unbelievable. Und irgendein neues Steigerungswort dafür ist sicher auch im Angebot – und animiert uns hinzuschauen, sich ab- oder wohin auch immer lenken zu lassen (und sich dabei – oft ganz unbemerkt – selbst aufzugeben). Frau und man will ja schließlich gut informiert und „im Bilde sein“ sein über die ganzen Krisen und Katastrophen, die Schreckensszenarien, über das Versagen und die Griffe ins Klo. Um sich dann darüber – auf einem anderen Niveau – noch mehr aufzuregen (oft ohne echt daran teilzuhaben). Das beschleunigt die Erregungsspirale immer weiter und wir sind mittendrin im Hamsterrad. Günstigstenfalls steigen wir deshalb nicht aus, weil manche/r doch die Illusion hat, die Welt retten zu können oder zu müssen. Bei sich selbst anfangen mit der Rettung, das wär‘ ja auch mal was. Aber nein, die Gletscher tauen einfach so dahin und verlassen uns – oder der Frieden, der Konsens, die politische Verantwortung, die Solidarität, die guten Ideen oder Sitten, die Werte, leider nicht die Inflation. Und schon sind wir wieder mittendrin im Dauerwahn- und leider oft auch im Schwach-Sinn, den wir zugunsten eines neuen Unsinns lieber schnell wegwischen. Mit einem Wisch ist alles weg. Einschließlich unserer selbst – und unseres Selbst.

Geht’s noch? Das fragt sich nicht nur der Zeitforscher in einer der seltenen „ruhigen Minuten“?

Dann doch lieber mal das Zeitliche segnen – und das Smartphone erst nach dem Frühstück zur Hand nehmen und nie nach der Tagesschau um 8. Und es mal mit einem digital Detox-Zeitbiotop versuchen. Manche haben es sich vorgenommen – und bei manche/n hat’s beim Nichtstun „zwischen den Jahren“ auch funktioniert. Aber jetzt wird’s ernst. Machen Sie mal Ernst: Entdecken Sie Zeitformen wie Innehalten, Pause machen, Warten, Müßiggang, die Langsamkeit oder die geschmähte Langeweile wieder. Nicht nur die Zeit, sondern insbesondere Ihr Selbsterleben wird es Ihnen danken. Und Sie bekommen womöglich tatsächlich hin, was ich hier „Zeitenwende“ genannt habe – und nennen es anders. Ist auch egal. Hauptsache, Sie haben ein gutes Gefühl dabei. Immerhin sind wir von unseren Gefühlen gesteuert. Ein gutes Gefühl machen – unter anderem – zeitliche Selbstbestimmung und Autonomie. Mit diesem Gefühl, und mit allem, was das ganz (lebens-) praktisch auslöst, kann sie denn gelingen: die (gefühlte!) Wiederaneignung der Zeit (verbunden mit der Wiederanneignung der Urteilsfähigkeit angesichts der Dauererregungslawinen). Oft sind das nicht die großen Würfe, sondern kleine zeitliche Inseln, zeitliche „Biotope“, die Nähe und Distanz gleichermaßen ermöglichen – und die Sie deshalb unter besonderen Schutz stellen sollten. Weniger ist mehr. Vielleicht – und hoffentlich – haben Sie dabei den Eindruck, Sie hätten endlich mal wieder „das Zeitliche gesegnet“, Ihre Zeit wieder entdeckt, sie sich – nebst der verschüttet gegangenen Inhalte – wieder angeeignet. Zeit wär’s ja für solche segensreichen Zeiten. Die wünsche ich Ihnen für dieses Jahr.

Und: Machen Sie mal langsam bei alledem. Das braucht’s sowieso, um wieder auf Tempo kommen zu können 😉

Wenn Sie dann etwas Zeit für sich haben, dann hören Sie mal in den ORTHEYs-Zeitzeichen Podcast hinein:

Oder Sie schökern in den Zeitzeichen:

ZEITZEICHEN

Ein ABC unserer Zeit.

ISBN 978-3-7504-3216-1

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Kategorien: Zeitforschung

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