Es ist die Langsamkeit, die den Blick für die Nähe

und das Nahe fürs Detail und fürs Besondere ermöglicht.

„Die Entdeckung der Langsamkeit“, so heißt der Roman-Klassiker von Sten Nadolny. Auch als Urlaubslektüre geeignet (gerade ist Urlaubs- und Sommerzeit) – und ein schöner Führungsroman rund um den Seefahrer John Franklin.[1] Ich habe ihn zum Geburtstag 1985 geschenkt bekommen und er begleitet mich bis heute. Mir fiel der Titel vergangene Woche in der Früh ein, als wir – als Einstieg in die diesjährige ORTHEYs-Sommerzeit – zum Kirchsee radelten, um zu schwimmen. Nun bietet Oberbayern ohnehin keine Landschaft, die für Schnelligkeit und Hetze steht, aber der Anblick der an dem kleinen Moorsee morgens versammelten Badenden, erzeugte bei mir eine Stimmung, die ein Gefühl der Verlangsamung entstehen ließ. Ruhe, Stille, wenig Bewegung und Menschen, die am und um den Steg herum die Sonne und mal kurz das kühlende Nass genossen. Die meisten schauten in die Landschaft, einige in die Tageszeitung, wenige in Bücher, Smartphones spielten keine Rolle in meiner Beobachtung. Die Situation hatte nahezu etwas Andächtiges. Hier verlangsamte sich meine Zeit spürbar. Ich war plötzlich mitten drin statt nur dabei. In der Situation, im Hier-und-Jetzt. Wähnte mich in einem guten Rhythmus, obschon der Tag noch jung und gerade erst losgegangen war. Ich fand, das hatte Stil, den Tag so – in dieser Langsamkeit – zu beginnen. Es war mir ein Gewinn. Auch und weil es dann schnell weitergehen musste – mit Büro, Terminen und diesen eiligen Sachen eben. Das schien mir übrigens die Badenden zu verbinden: keine ganztägig Langsamen schienen das zu sein, keine Angehörigen einer der vielen schicken Slow-Bewegung, eher wohl Menschen, die sich eine halbe Stunde Zeit nahmen in ihrem Tagesrhythmus für diese Zeitform, oft um dann (zu) schnell über die schmalen Zufahrtstraßen des oberbayerischen Sees in den turbulenten Tag weg zu rauschen.

Unter der Überschrift „Rhythmus, Stil und ‚hermetische Gewinne‘ der Langsamkeit“ stellt Sten Nadolny in einem Artikel die These auf, dass durch „Verlangsamung überhaupt erst so etwas wie ‚Stil‘ entsteht, im Gegensatz zu einer kalkulierenden Planung oder zum nur reaktiv-defensiven Handeln. Dabei wird etwas sehr Wichtiges erst möglich: reißende Beschleunigung nach gemächlichem Beginn, begeisternde Steigerung, ‘künstlerische‘ Losgelassenheit im Dienst der Sache und ihrer Möglichkeiten. Man entdeckt so etwas neuerdings wieder als ‚flow experience‘. Turbulenz ist nicht immer nur, was es zu meistern gilt, wir sollten sie auch herstellen und selbst ‚turbulent‘ werden können – eine offensive Antwort auf die Krise, und oft nicht die schlechteste. Aus musikalischen Strukturen und vom Musizieren können wir lernen, dass gerade ein langsamer Grundrhythmus die rauschhafte Intensitätssteigerung erst möglich macht – und sei bleibt steuerbar.“ (Nadolny 1992, S. 42/43)[2] Ich denke bei diesen Sätzen von Sten Nadolny an die Orgelpassacaglien von Max Reger, die sich über langsamen Grundrhythmen zu höchst turbulenten Orkanen auftürmen. Geschwindigkeit und Schnelligkeit, die ja oft sehr hilfreich und notwendig ist, entsteht aus der Langsamkeit heraus, braucht sie genau genommen als Voraussetzung. Und das nicht nur in philosophischer Perspektive, sondern ganz lebenspraktisch. Ich kann aus der Langsamkeit heraus beschleunigen, auf Geschwindigkeit kommen und eine Schnelligkeit erreichen. Rennfahrer, die ja von Berufs wegen der Schnelligkeit verpflichtet sind, pflegen häufig vor dem Start in ihr schnelles Gewerk meditative Routinen. Als einer von ihnen, der das Rennfahren hobbymäßig betreibt, weiß ich, wie entscheidend die Ruhe, die Stille, der Stillstand beim sogenannten Vorstart ist. Für mich ist das eine ganz wichtige Phase – bis dann die Motoren angelassen werden und es richtig schnell werden kann. Auf Basis einer inneren Langsamkeit, die höchste Konzentration – und höchste Geschwindigkeit – ermöglicht. Und die aus der Ruhe am Vorstart genährt wird. Langsamkeit und Schnelligkeit: Das eine ohne das andere gibt es nicht. Beides ist wichtig als Ressource, auf die bei der Gestaltung der eigenen Zeit zurückgegriffen werden kann. Beides bedingt einander, braucht einander. Das eine ohne das andere ist nicht hilfreich. Eine Beschränkung auf eines von beiden ist Murks. Sie vernachlässigt die Produktivität von Gegensätzlichkeiten, wie sie mir gerade draußen als Regenbogen nach einem Sommergewitter in den Blick kommt. Schönheit, Stil, Rhythmus entstehen aus Gegensätzen, aus Langsamkeit und Schnelligkeit. In einem lebendigen Wechsel – oder auch mal gleichzeitig in der musikalischen Vielstimmigkeit. Unten im Pedal-Bass das ruhende und langsam dahinziehende Thema, und darüber toben die Turbulenzen – mit schier unglaublicher Geschwindigkeit.

John Franklin, Hauptfigur in Nadolnys „die Entdeckung der Langsamkeit“, der gegen Ende des Romans meint, die richtige Methode des Lebens, Entdecken und Regierens gefunden zu haben, kommt zu dem Ergebnis: „An der Spitze müssen zwei Menschen stehen, nicht einer und nicht drei. Einer von ihnen muss die Geschäfte führen und mit der Ungeduld der Fragen, Bitten und Drohungen der Regierten Schritt halten. (…) Der andere hat Ruhe und Abstand, er kann an den entscheidenden Stellen nein sagen. Denn er kümmert sich nicht um das Eilige, sondern schaut einzelnes lange an, er erkennt Dauer und Geschwindigkeit allen Geschehens und setzt sich keine Fristen, sondern macht es sich schwer.“ (Nadolny 1983, S. 273) Damit gelingt es Franklin übrigens, sein Geschwindigkeitsdefizit, die Langsamkeit, die ihm wie eine Behinderung erschien, zur Ressource zu machen und sie als solche zu nutzen. Da könnten sich Führungskräfte heutzutage auch noch was abschauen. Aber langsam: Pflegen Sie Ihre Zeiten und Orte der Langsamkeit. Besonders dann, wenn Sie mal Schnelligkeit brauchen und Beschleunigung angesagt ist.

Schöne Urlaubs- und Sommerzeit. Immer schön langsam.

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[1] Nadolny, Sten: Die Entdeckung der Langsamkeit. München, Zürich, Piper Verlag 1983

[2] Nadolny, Sten.: Entdeckung der Langsamkeit. Wahrnehmen und Entscheiden in turbulenten Zeiten. In: Schuppert, D. (Hg.): Langsamkeit entdecken, Turbulenzen meistern: wie sie sich für turbulente und dynamische Zeiten rüsten können. Wiesbaden, Gabler 1992, S. 41-46

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Aktuelle Veröffentlichung zum Thema „Zeit“: Frank Michael Orthey: Im Konflikt der Zeiten. In: Die Mediation. Fachmagazin für Wirtschaft, Kultur und Verwaltung. Ausgabe III/2018, Steinbeis Stiftung, Stuttgart, S. 17 – 21

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Kategorien: Zeitforschung

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