Erschreckende Erkenntnis am Frühstückstisch. Schätzfrage bei Bayern 1: Wie viele Meter wischen wir durchschnittlich täglich über das Display unseres Smartphones? Erste Reaktion: Ich sowieso nicht so oft, na ja, vielleicht (viele andere) durchschnittlich ein, zwei, eher doch mehr Meter … Weiß auch nicht. Entsetzen dann: Tatsächlich sind es 173 Meter. Fassungslosigkeit. Recherche mit dem Ergebnis, dass dies die Bildzeitung schon Tage vorher wusste.[1] Die Nachrichtenlage ist insofern medial befriedigend abgesichert, aber 173 Meter – ich bitte Sie! Das ist mehr als … – ja (übereinstimmender Vergleich aller Quellen): als der Kölner Dom hoch ist. Der bringt es auf 157 Meter. Wir scrollen 173 Meter. Durchschnittlich in 59 Minuten pro Tag. Aber ich doch nicht. O.k., ich gehöre auch zu den über 55-jährigen. Die tun es nur ca. 10 Minuten. Gestrige eben. Diejenigen, die es tun, tun es vor dem Fernsehen (sehr gerne), im Bett (30,7 %) beim Arbeiten oder in der Schule und auf dem Klo. Aber wohin scrollen wir? Das Leben wird doch so zum 173 Meter langen Wischi-Waschi pro Tag. Zu einem einzigen Bildlauf, durch den wir uns durchrollen. Scrollen, so scheint es, ist die neue Kulturtechnik, die global geteilt wird. O.k., die Dänen sind mit 133 Metern noch etwas hinten, dafür die Italiener mit 263 Metern ganz vorne mit dabei.[2] Die deutschen 173 Meter (10 hinter dem europäischen Schnitt von 183 Metern) gehen drauf für Facebook (38,7 Prozent), YouTube (30 Prozent) und für Nachrichtenseiten (24,2 Prozent). „60,7 Prozent der Befragten gaben an, nicht nach bestimmten Informationen zu suchen.“ Schreibt die BILD. Aha. Also einfach nur mal so durchgescrollt. Wir scrollen ohne was zu wollen. Interessante Kulturpraktik. Viel Wischi-Waschi um nichts. Aber vielleicht kommt ja noch was Interessantes. Also weiter mit Scrollen. Im permanenten Scrollen verdichtet sich womöglich die Sehnsucht, die Erlebnisdichte ganz unerwartet doch noch zu erhöhen. Und zwar durch den Kick, den es noch braucht, um vom bloßen inhaltsleeren Bildlauf, der die Augen anstrengt, zu etwas zu gelangen, das echte Erlebnisqualität vermittelt, etwas Neues, Unerwartetes, Interessantes zugänglich macht. Also weiter. Die Hälfte (51,7 Prozent) der Deutschen bevorzugt dazu den Zeigefinger, 32,2 Prozent verwenden den Daumen. 18- bis 34-Jährige bevorzugen den Daumen, Ältere hingegen den Zeigefinger. Das ist Erkenntnisgewinn. Ich habe nur etwas runtergescrollt (mit dem Daumen übrigens – mit 58!) und schon finde ich was Bemerkenswertes. Bemerkenswert! Oder auch nicht. Kommt eben immer drauf an, welche Erkenntnisse ich haben will und was für mich tatsächlich die Qualität von Erlebnissen – den Sinn – ausmacht. Diejenigen, die das (noch) nicht wissen, setzen womöglich auf Erlebnisdichte, sprich auf Beschleunigung (des Bildlaufs) und Vergleichzeitigung (unterschiedlicher Tätigkeiten oder zuweilen auch: unterschiedlicher Geräte). Womöglich reizt sie der Reiz des (vermeintlich) Unbestimmten, das ihnen schlaue Algorithmen „auf der Rückseite der Cloud“ aus ihrem bisherigen Scrollverhalten so anbieten beim Weiterscrollen. Es ist natürlich längst durch künstliche Intelligenzen genau bestimmt und keinesfalls unbestimmt, wirkt aber, als wäre es was Neues, das überraschenderweise passt. Mit dieser Hoffnung geht’s weiter auf den täglichen 173 Metern. Andere lassen sich derweil die Sonne ins Gesicht scheinen für Nichts. Das Ergebnis ist vergleichbar: Nichts. Die erste Variante zu Nichts zu kommen ist – nicht nur für die Augen – anstrengender. Die zweite schont die Augen und der ruhende Geist kommt womöglich völlig ohne neue Eindrücke zu spontanen Ideen und Erkenntnissen. So könnte es jedenfalls auch sein. Aber da es immer auch anders sein könnte – die postmoderne Kontingenz lässt uns einfach nicht in Ruhe – scrollen wir weiter. Auch wenn wir nichts suchen und nichts finden. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich bitte sie: ein paar kleine Bewegungen mit einem Finger für so viele Möglichkeiten, die ich zu sehen bekomme. Das ist doch was ganz anderes als in der Sonne rumzudösen. Einstweilen verrinnt die Zeit. Viele deutsche Nutzer verbringen über vier Stunden davon täglich mit Scrollen. Na ja, wenn sie es wollen. Sollten Sie etwas anderes wollen, und die ganze Scrollerei entpuppt sich als Verlegenheitsritual angesichts einer sinnverdünnten Umgebung, dann überprüfen Sie mal, ob es nicht auch andere Möglichkeiten der Sinnsuche gibt. Ohne Scrollen und ohne ein Wischi-Waschi-Ergebnis. Und nein, dazu müssen Sie jetzt nicht wischen und scrollen. Einfach mal liegen oder stecken lassen reicht auch. Auch Ausschalten könnte eine Möglichkeit sein, die eigene Zeit von relativ dürftigen Aktivitäten der Sinnsuche zu entlasten. Nur mal so als Experiment. Damit es im Leben noch was anderes gibt als Wischi-Waschi.

Gute Zeiten!

[1] https://www.bild.de/digital/smartphone-und-tablet/handy-und-telefon/smartphone-nutzung-wie-viel-meter-scrollen-die-deutschen-pro-tag-64880684.bild.html, abgerufen am 09.10.2019 um 15.21 Uhr. Zitiert wird eine europaweite Befragung des Smartphone-Herstellers OnePlus. Mehrere andere Seiten berichten ähnliches, z.B. der Weser-Kurier am 20.09.2019: https://www.weser-kurier.de/startseite_artikel,-unglaubliche-zahlen-so-viele-meter-scrollen-wir-taeglich-auf-dem-smartphone-herum-_arid,1861971.html abgerufen am 09.10.2019, 16.11 Uhr. Die Originalquelle wird allerdings nirgends offengelegt. Aber womöglich hat der Rechercheur da auch noch zu wenig gescrollt.

[2] „Die gescrollten Meter ergeben sich aus der Anzahl der einzelnen Social-Media-Beiträge, die während des Zeitraums gelesen werden können, und ihrer physischen Größe auf einem Smartphone-Display.“ Heißt es unter https://schwartzpr.de/newsroom/oneplus/studie-deutsche-scrollen-jeden-tag-durchschnittlich-173-meter-auf-ihren-smartphones/ abgerufen am 09.10.2019, 16.13 Uhr. Aha.

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Kategorien: Zeitforschung

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