„Mir ist langweilig!“ So der gefürchtete Satz bei Eltern und anderen mit Aufsichts-, Erziehungs- und Unterhaltungsverpflichtungen und –ambitionen für unterbeschäftigte Kinder befassten Menschen. Einst war das so. Die Langeweile ist eine Zeitform, die ausstirbt. Bevor sie, die gefürchtete, artikuliert wird und sofortigen Handlungsdruck erzeugt, werden DVD-Player an Kopfstützen der Mittelklasse-Kombis und SUVs montiert oder allerlei Spiele zum Zeitvertreib auf der Rücksitzbank freigegeben. Damit es auf dem vorderen Gestühl dann nicht zu Langeweile kommt, weil nix mehr vorgelesen werden oder beantwortet werden muss, reicht der Griff zum Smartphone. Und schon ist eine neue Möglichkeit da. Langweilig wird’s nimmer heutzutage, so scheint es. Ähnlich wie andere Zeitformen, die auf Innehalten oder Verlangsamen hin angelegt sind, wie das Warten, die  Pause oder die Muße wird die Langeweile bekämpft. Wie ihre Artverwandten löst sie offenbar Zuschreibungen „verlorener“, nicht gut „genutzter“, unerfüllter Zeit aus. Das geht gar nicht. Schließlich wollen wir ja was erleben in unserem begrenzten Leben. Möglichst viel soll das sein. Damit wir, wenn wir denn für immer die Augen schließen, endlich mal erschöpft zur (ewigen) Ruhe kommen können und auf ein erlebnisverdichtetes Leben zurückblicken. Das haben Beschleunigung und Vergleichzeitigung ermöglicht. Wir haben dann möglichst viele Erlebnisakte in unseren fragmentierten Zeiteinheiten untergebracht. Ohne Anfang und Ende und ohne Zäsuren. Wir haben unsere Zeit abgelebt, dem Möglichkeitsüberschuss folgend meist in Eile. Ohne Langeweile. Schade eigentlich.

Andererseits ist es ja bei der Langeweile so, dass sie erst gefühlt wird, wenn das Nichtstun, das gelegentlich heute im Rahmen der Verlangsamungstrends als Teil der Selbstoptimierungswelle wiederentdeckt wird, anfängt weg zu tun. Nichtstun, Innehalten, bisschen Meditieren, seine Mitte suchen und finden, o.k. Aber dann schnell weiter – zurück in den üblichen Trott der Zeiten. Wenn wir diesen Schritt weglassen und weiter – und immer weiter – nichts tun, erst dann beginnt die Langeweile. Wenn wir nichts mit uns, mit anderen und der Welt anzufangen wissen. Und wir dazu gezwungen sind. Dann stellen sich ungute, unangenehme Gefühle ein, die auf der anderen Straßenseite der Lust liegen. Dort treiben sich das Nichts und die Leere herum. Erzwungenes Unausgelastet- oder Unterfordert-Sein ohne Ausweg langweilt uns. Das ist nicht schön – im Gegensatz zur Muße, die sich ja sogar auf die ein oder andere philosophische Referenz berufen kann (z.B. Senecas „otium“) und als Ressource auf dem Weg (zurück) zu mehr Gelassenheit gilt. Das macht Sinn. Langeweile ist sinnfrei. Systemtheoretisch gesehen ist der letzte Satz bedenklich, eher sinnverdünnt. Denn in diesem Denkmodus ist Sinnfreiheit kaum vorstellbar; Sinnfreiheit wäre ja dann der Sinn. Macht das Sinn? Sich einem Zustand der erzwungenen „Sinnfreiheit“ auszusetzen?

Es kann dann Sinn machen, wenn eben dies – die Langeweile – der Zumutungsbereich für Menschen ist, die im Hamsterrad von Erlebnisverdichtung und Möglichkeits- und Sinnüberschüssen gefangen sind. Sie könnten sich (selbst!) mal zur Langeweile zwingen – aber Achtung: sich langweilen ist harte Arbeit. Der Nutzen dieser hart erarbeiteten Langeweile, der erzwungenen Leere im Kopf, kann darin bestehen, aus dem schmerzlichen Differenzerleben heraus zu neuer Kreativität, Spontaneität und Aktivität zu kommen. Jenseits des Hamsterrades. Gelangweilt zwangsstillgelegte Hirnzellen freuen sich auf neue Herausforderungen und lassen die Synapsen schnapsen 😉 Der Langeweile sei Dank. Einstweilen wird von Psychologen wie wild daran herumgeforscht, was das denn überhaupt ist, die Langeweile. Vermutlich wird’s darauf hinauslaufen, dass das individuell ganz unterschiedlich ist, es werden aber dabei sicher mehr Systematiken zu Arten und Formen der Langeweile und dann Langeweile-Typen entstehen. Damit‘s den Forschern nicht langweilig wird. Womöglich wäre aber eben das ganz hilfreich, wenn die Ressource der Langeweile ein Neustart, ein Reset ist, aus dem heraus etwas Neues entsteht – und nicht Immergleiches. Kreativität, so die These, kann aus der Langeweile heraus entstehen bzw. neuen Antrieb bekommen. Nehmen Sie sich mal eine lange Weile Zeit. Für Nichts.

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Langweilig?

Dann vielleicht …

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Kategorien: Zeitforschung

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