In der Schule markierte in den 1980-er Jahren ein mechanisch erzeugtes Klingelzeichen Anfang und Ende der oft herbeigesehnten Pause. Unser Abiturstreich sah vor, alle Klingeln im Schutze eines lautstarken Umzugs, der als Ablenkungsmanöver groß inszeniert wurde, zu demontieren. Nach der durchgängig gelungenen Operation klingelte es in keinem der weitläufigen Flure der Klosterschule mehr – und der Schulbetrieb geriet ins Straucheln. Da es nicht wieder geklingelt hatte, ging die Pause weiter – statt der anstehenden Unterrichtsstunde. Die Pause war mit dem Klingelzeichen klassisch konditioniert verbunden, vermutlich nebst Speichelfluss beim Klingelzeichen. Durch dessen Ausbleiben waren Schüler und auch Lehrer verwirrt – und erfreut. Das war unsere Absicht gewesen. Die Klingeln wurden verpackt und per damals noch recht gemütlich transportiertem Postpaket ans Rektorat zurückgeschickt. Die Schulleitung war not amused, kündigte rechtliche Schritte an und sagte die Abiturfeier ab. Und markierte für den Abiturjahrgang damit eine ungeahnte Pause, indem die allerletzte schulseitig bestimmte Zeit, die ja eine gewisse Bedeutung für Schüler und deren Familien hatte, gestrichen wurde.

Pausen haben – im Gegensatz zu den heute ständig üblichen Unterbrechungen – einen Anfang und ein Ende. Beides wird in unterschiedlicher Art und Weise angezeigt. In der Schule gibt es Klingelzeichen in den Klassenfluren, in der Musik finden wir unterschiedliche Pausenzeichen in den Partituren. Werden diese Markierungen weggenommen, gibt es entweder keine Pause oder die derart markierte Zwischenzeit hört nicht mehr auf. Völlige Orientierungslosigkeit entsteht dann, wenn fest verankerte und ritualisierte Pausenzeichen entfernt werden. Es beginnt ein zeitlicher Dauertaumel. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass wir heute erst gar keine Klingeln mehr für unsere Pausen montieren. Pausen kommen deshalb auch kaum noch vor in unserem Arbeitsalltag. Der gleicht ja insofern in seiner Pausenlosigkeit auch einem zeitlichen Dahintaumeln ohne jegliche Begrenzungen und Zäsuren. Das, was wir womöglich gelegentlich noch „Pause“ nennen, und es meist mit dem Zusatz „kurze“ versehen, sind eher beliebige Unterbrechungen. Pausen sind das nicht. Denn Pausen – das bestätigt ein Blick in die einschlägigen Definitionsversuche – haben einen bestimmten Zweck, eine Funktion. In Pausen ruht etwas, findet etwas nicht statt, wird etwas nicht getan (Wikipedia). Es wird etwas sein gelassen. Pausen sind zeitliche Phasen des Nichts- oder Anderes-Tuns, Zeiten des (Aus-) Ruhens. Solche Zeiten dienen der Erholung. Oft waren und sind sie zeitlich fixiert. Ich erinnere die allmorgendliche Frühstückspause in der Zimmererkolonne auf der Baustelle um 09.00 Uhr. Die wurde wie auch die Mittagspause um 12.00 Uhr zuverlässig eingehalten – da fiel quasi der Hammer dafür. Für eine Erholungsphase für die körperlich anstrengende Arbeit. „Erholung“ ist in anderen Pausenarten etwas anders codiert. Da geht es nicht so sehr um die Erholung von körperlichen Anstrengungen, wie beispielsweise auch in der Halbzeitpause beim Sport, sondern es geht in anderen Pausenarten um ein Abstandnehmen von dem, was gerade die „eigentliche“ Qualität der Zeit rund um die Pause ausmacht. Also beispielsweise in der Werbepause oder der Pause im Theater. Da wird Abstand genommen vom (vermeintlich) Eigentlichen zugunsten nötiger Eigenzeiten und Zeiten im Kontakt mit anderen. Wir folgen biologischen Ver- und Entsorgungsnotwendigkeiten, tauschen uns zur Aufführung oder zu etwas ganz anderem aus. Wir pausieren jedoch auch hier, um zur Ruhe zu kommen, um entlastet zu werden und mit neuer Energie weitermachen, weiterzuhören oder zusehen zu können. Auf längere Zeiten angelegte Pausen, wie Spielpausen, saisonale Sommer- oder Winterpausen zeigen eine weitere Ressource der Pause: die Lust und die (Vor-) Freude kehren zurück. Manche kennen dies auch von Beziehungspausen. Pausen fördern zudem die Rückkehr der Aufmerksamkeit. Zu bemerken ist dies bei bewusst gesetzten, etwas längeren Sprechpausen. Da ist der Zuhörer oder die Zuhörerin kurz irritiert – und die schwindende Aufmerksamkeit ist zurückgekehrt für den Text, der nach der Sprechpause folgt. In Pausen tun wir zudem etwas anderes als in den Zeiten darum herum. Wir setzen auf Differenz. „Differenzen“ sind definitionsgemäß Unterschiede, die Unterschiede (möglich) machen. Unterschiede im Denken, im Fühlen, im Handeln. In der Pause essen wir, wir gehen spazieren, reden mit Kollegen, gehen zu Sporteln und machen ein Nickerchen. Tun also etwas Anderes – und lassen dafür für einen gewissen Zeitraum gezielt etwas sein oder weg. Pausen sind bewusst gesetzte zeitliche Zäsuren. Die haben in der Musik eine ganz wesentliche Funktion für die Wahrnehmung von Melodie und Rhythmus. Also für das, was wir oft als ästhetisch „schön“ empfinden. Pausen dienen insofern der Schönheit des Werkes, das sie (ver-) zieren.

Das sind viele Gründe dafür, sich wieder der heute oft verloren gegangenen Pausen zu bemächtigen, sie wiederzuentdecken und sie zu festen Ritualen zu machen.

Übrigens sind Pausen oft fremdbestimmt, z.B. von der Schulleitung, vom Arbeitgeber, von der Sendeanstalt usw. Also von derjenigen Instanz, die gerade die Zeithoheit innehat. Pausenzeiten sind in diesen Fällen Zeiten, die mit Macht gesetzt werden. Zeit ist ein Machtinstrument derjenigen, die mit der ökonomisierten Variante Geld verdienen – oder das jedenfalls meinen und es gestern wie heute in der Floskel „Zeit ist Geld“ herunterleiern. Da sie Pausen für unproduktive Zeiten halten, werden sie gesetzt, begrenzt und manchmal auch verkürzt oder gestrichen. Mittlerweile ist auch in diesen Kreisen ein Paradigmenwechsel im Gange. Da Pausen heutzutage eine Produktivkraft zugeschrieben wird, entstehen in derart „innovativen“ Unternehmen, kreativ ausgestatte Pausenzonen und –räume. Da stehen Kicker und Tischtennisplatten rum, Ruhesessel laden zum Verweilen ein und manchmal auch Liegen für den geschätzten „Powernap“. Pausen werden organisationsseitig als Zeiten entdeckt, die produktiv sind – oder es jedenfalls wieder machen sollen. Pausen machen Unterschiede. Oft schaut die Welt nach einer bewusst gesetzten Pause – überraschenderweise – anders aus als zuvor. Der Grad der Genervtheit ist niedriger, die zuvor erlittenen Dramen erscheinen kleiner – und manchmal ist zwischenzeitlich auch etwas geschehen, das die Qualität der als belastend empfundenen Situation grundlegend ändert. Menschen haben Abstand gewonnen, haben in Pausen miteinander gesprochen, sich beruhigt. Das alles spricht für Pausen. Übrigens auch für solche, in denen die Gegenstände, die unser Alltagsleben durchgängig besetzen und die wir wie Monstranzen vor uns hertragen und sie ständig erwartungsfroh anstarren, ruhen und aus der Hand gelegt werden sollten. Denn unsere Smartphones versorgen uns ja mit Dauer-Unterbrechungen. Und Pausen sollten davor geschützt werden, damit sie ihre Wirkkraft erhalten. Dann sind Pausen ein Gewinn.

Was allerdings wirklich nicht geht, ist, in der Pause die Pausenzeichen zu entfernen, wie in unserem Abiturstreich geschehen. Die Organisation, die die Zeithoheit hat, findet das nicht witzig, weil die Macht über die Zeit eine wichtige ist. Sie zahlt es machtvoll zurück und streicht eine Zeit, die (vermeintlich) wehtut: die Abiturfeier. Andere, die die Pausenzeiten überdehnen, müssen nachsitzen, werden beim Chef einbestellt und bekommen es anderswie mit der Macht der Zeithoheit zu tun. Pausen sollen heilig sein, ja bitte. Aber in den gesetzten Grenzen. Soviel (zeitliche) Ordnung muss sein. Produktivkraft hin oder her.

Umkehrschluss: Halten Sie persönlich die Pausenzeiten ein – egal ob sie gesetzt oder selbstbestimmt definiert sind. Schließlich tun sie auch Ihnen gut. Unterbrechen Sie sich auch nicht in ihren Pausen – und halten sie die Endzeiten ein. Sonst laufen sie Gefahr danach in Stress zu geraten. Und dann ist die schönste Pause schnell kein Gewinn mehr – und wird deshalb dann oft ganz weggelassen. Bewusst gesetzt, gehalten, gepflegt und begrenzt wird die Pause (wieder) zu einem entlastenden Ritual, das nützlich und hilfreich ist für die Arbeits- und Lebenszeiten davor und danach.

Schöne (Sommer-) Pausen!

Übrigens: Die besten Pausen sind diejenigen, die man macht, bevor man sie braucht.

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Aktuelle Veröffentlichung zum Thema: Frank Michael Orthey: Im Konflikt der Zeiten. In: Die Mediation. Fachmagazin für Wirtschaft, Kultur und Verwaltung. Ausgabe III/2018, Steinbeis Stiftung, Stuttgart, S. 17 – 21

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Kategorien: Zeitforschung

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