In der Nacht von Samstag auf Sonntag (genau genommen am Sonntag um 02.00 Uhr) war es wieder soweit. Womöglich zum (vor-) letzten Male: Die Uhr wurde um-, sprich um eine Stunde vorgestellt, von Winter- auf Sommerzeit. Momentan wird der feine, häufig reklamierte Unterschied zwischen Zeit und Uhr meistens eingeebnet: es ist fast ausschließlich von „Zeitumstellung“ die Rede. Dabei ist die Zeit ja nicht die Uhr. Dazu gibt es in diesem Blog die ein oder andere klärende Notiz.

Die ursprüngliche Motivlage für die Uhrumstellung war die der Energieeinsparung. Nachdem 1893 in Deutschland die mitteleuropäische Normalzeit die vorher vorherrschende „Zeitenvielfalt“ abgelöst hatte, wurde staatlicherseits dreimal an der Uhr gedreht: Das erste Mal während des Ersten Weltkrieges (1916 – 1919), das zweite Mal während des Zweiten Weltkrieges, das dritte Mal als etwas verspätete Reaktion auf die Ölkrise – und unter dem Druck der europäischen Nachbarn. Auch im Nachkriegsdeutschland wurde an der Uhrzeit rumgestellt: 1947 und 1949 gab es eine Hochsommerzeit. Da wurden die Uhren noch einmal eine Stunde vorgedreht. Durch alle dieser Drehereien an der Uhr sollte das Tageslicht besser ausgenutzt bzw. Energie gespart werden (was sich allerdings nicht bestätigte). Die Uhrumstellung war dazu das Kriseninterventionsinstrument. Heutzutage sind diese Anlässe und Voraussetzungen nicht mehr gegeben. Die Energieeinsparung durch die Nutzung von LED-Straßenlampen soll größer sein als diejenige durch die Sommerzeit. Geblieben ist die zweimalige Rumfummelei und Verwirrung pro Jahr. Der soll es aber jetzt nach einer EU-Befragung, bei der sich 4,6 Millionen (von mehr als einer halben Milliarde EU-Bürgern) gegen die zweimalige Uhrumstellung pro Jahr ausgesprochen haben, an den Kragen gehen. Daraufhin wurde von der EU-Kommission mit Blick auf die Uhr entschieden, dass Schluss sein soll mit dem zweimal jährlichen Rumgedrehe am Uhrwerk. Seither häufen sich die Umfragen, ob wir dafür oder dagegen sind, dass es gemäß Beschluss 2021 rum ist mit dem Rumgedrehe. Künftig sollen die Mitgliedsstaaten entscheiden, ob ganzjährig Sommer- oder Winterzeit gilt. Die Kanzlerin soll für die Abschaffung sein, Umfragen scheinen das zu bestätigen. Aber wer bestätigt? Na ja. Umfragen eben. Die Sommergriller sind womöglich dafür – sie dürfen sich auf etwas ausgedehntere laue Grillabende freuen. Diejenigen, die sich bei dem bisherigen zweimaligen Rumgedrehe entrhythmisiert fühlten, womöglich auch. Sie hoffen auf einen nun ungestörten Schlafrhythmus ohne diesen Jetlag im Westentaschenformat. Nun treten die Experten auf den Plan und weisen – berechtigterweise – darauf hin, dass bei ständiger Sommerzeit – da würde es im Winter (noch) eine Stunde später hell – der Schulweg gefährlicher würde. Am stärksten betroffen von dauerhafter Sommerzeit sollen die Teenager sein. Die sind nach innerer Uhr und diversen Alltagserfahrungen Langschläfer (vielleicht haben sie am Abend zuvor zu lange gegrillt). Für sie ist der Schulstart um acht Uhr wie für andere ein Arbeitsbeginn um vier Uhr (morgens). Die ewige Sommerzeit auch im Winter, wenn es schneit, würde das noch verschlimmern. Manche/r ist jetzt bereits ausgestiegen und weiß gar nicht mehr, ob es jetzt um Sommer- oder um Winterzeit geht – und was das bedeutet. Die meisten Menschen, so scheint es mir jedenfalls mit Blick auf meine relevante Umwelt, freuen sich nicht auf die Stunde mehr Schlaf oder beklagen (wie heute), dass sie eine Stunde geklaut bekommen, nein, sie müssen erst mal googeln, in welche Richtung die Uhr denn diesmal umgestellt werden muss. Auch für diejenigen wäre eine Eindeutigkeit hilfreich.

Andererseits bedeutet diese Ratlosigkeit ja auch, dass wir uns gezwungenermaßen mit der Zeit beschäftigen müssen – die ja nicht die Uhr ist. Siehe oben. Wir müssen auf die Uhr schauen und können uns mit Zeit beschäftigen, die relativ, subjektiv, beobachterabhängig, die eine Vorstellung, eine Konstruktion ist. Und nicht dieses ewige vom Takt der Uhr bestimmte Rumgehetze. So gesehen macht die Uhr- oder die momentan gerne genommene „Zeitumstellung“ Sinn, denn sie kann die Zeit wieder mal in unseren Blick rücken. Wir können uns anlässlich des erzwungenen Blickes auf die Uhr und deren Umstellung mal fragen, wie es denn ausschaut mit unserer zeitlichen Stimmigkeit. Und den Blick mal von der Uhr abwenden und ihn auf die Zeit richten.

Das wäre ja ein Nutzen in den heutigen, von Zeitverdichtung, Zeitfragmentierung und Vergleichzeitigung geprägten Zeiten. Wir drohen uns in diesen Zeiten zu verlieren, wenn sie gespickt mit vielen zeitlichen Anforderungen an uns vorbei zu rauschen scheinen und wir uns dann gelegentlich fragen, wo sie denn geblieben ist, die Zeit. Dabei versuchen wir doch so viel zu machen mit der Zeit. Wir planen sie, wollen sie einteilen, sogar managen. Alles mittels der Uhrzeit. Dadurch wird Zeit für uns abstrakt und vom wirklichen Erleben abgekoppelt. Dieser Qualitätsverlust ist seit der flächendeckenden Verbreitung der Räderuhren beobachtbar. Zeit wird in Uhrzeit „gerechnet“ – und von bestimmten Erlebnisqualitäten abstrahiert. Es ist nicht mehr im natürlichen Rhythmus der Zeiten eine bestimmte Zeit angesagt, beispielsweise diejenige zu Säen oder zu Ernten. Das und anderes wird gemacht, wenn die Uhr es vorsieht – oder meistens: vorschreibt. Nix mehr mit Erleben. Eher Abarbeiten nach der Uhr ist angesagt. Unser sowieso bereits weitgehend von natürlichen Zeiten und Qualitäten abgekoppeltes Zeitempfinden ist heute zudem durch ständige (Selbst-) Unterbrechungen, durch permanente Störungen gekennzeichnet. Unser Erleben ist fragmentiert, die Qualität der Zeit, die auch über Zeitspannen und die Wahrnehmung von Dauer entsteht, weicht einem immerwährenden zeitlichen Hick-Hack (das ist die postmoderne Variante des Tick-Tack ;-). Oder – mit Blick auf unsere Lieblingsbewegung auf dem Display – besser wohl einem Wischi-Waschi. Wir verwischen die Konturen unserer Zeiten, indem wir ihnen alle Begrenzungen nehmen. Mit einem Wisch ist alles weg – und sofort was anderes da. Wir sind ja für alles offen. Auch für den abgenudelten Spruch: Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Na ja, wie auch immer, wir verlieren so jedenfalls den Kontakt zu unserer Zeit in ihren Qualitäten. Und beklagen es dann umso heftiger.

Insofern nehmen Sie das Gerede um die Zeitumstellung mal wieder zum Anlass, um über die Qualität Ihrer Zeiten nachzudenken.

Die Dimensionen unserer Zeit nach Orthey 2017.
  • Welche Qualitäten meiner Zeiten schätze ich?
  • Welche zeitlichen Erfahrungen belasten mich?
  • Wie kann ich die Qualitäten, die ich schätze, bewahren und weiterentwickeln?
  • Wie kann ich die zeitlichen Belastungen reduzieren?
  • Was kann ich weglassen?
  • Wie kann ich mich be- und abgrenzen in meinen Zeiten?
  • Wer kann was tun, um mich zeitlich zu entlasten?
  • Was kann ich dazu tun?
  • Wie werde ich mich in diesem Vorhaben womöglich (wieder mal) selbst sabotieren?
  • Wie werde ich dem entgegenwirken?
  • Was wäre für mich das Idealbild „zeitlicher Stimmigkeit“?
  • Was ist ein erster kleiner konkreter Schritt dahin?

Und dann folgen Sie der ZEN-Weisheit: „Verbringe jeden Tag einige Zeit mit Dir selbst.“

Das wäre doch mal eine Zeitumstellung, die es in sich hat!

***

Mehr Fragen und Antworten zur Zeit finden Sie in meiner Zeitumstellung.

Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware.

Leseprobe unter www.zeitumstellung.jetzt

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Kategorien: Zeitforschung

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