Noch während die S-Bahn-Tür an diesem nebligen Novembertag vor mir öffnet und die angestrengt auf ihr Mobilteil starrenden morgendlichen Aussteiger an mir vorbeiströmen, wische ich über das Display meines Smartphones. Mache ich immer so, ist ein Ritual quasi und gerade auch eine günstige Gelegenheit. Geht ja so nebenher. Beim Ein- und Aussteigen, meine ich. Ich checke die SMS, meine WhatsApp Gruppen, tippe auf ein Video, das ich bekommen habe und das mich ausnahmsweise wirklich mal zum Schmunzeln bringt, gehe schnell in meine Google-Kreise und als Höhepunkt des morgendlichen S-Bahn-Aufenthaltes sichte ich die Facebook-Neuigkeiten. Ich klicke einige Likes und schreibe zwei, drei Kommentare, die ich passend mit Smilies verziere. Den Clip, den ich eben bekomme habe, poste ich und freue mich, dass das bis zu meinem heutigen S-Bahn-Ausstieg 5 Freunden gefällt. Das Vibrieren meines Telefons erinnert mich an den anstehenden Arbeitstag. Ich nehme kurz an, während ich mich zwischen unzähligen Displays und wenigen Zeitungen (Wer liest sowas heute noch bitte?) auf den Bahnsteig dränge und zur U-Bahn haste. Geschäftliche Dinge eben. Hatte heute Nacht schon einige auf der Mailbox von drüben, da wo unsere Entwickler sitzen, weil sie dort billiger sind, aber da bin ich radikal. Nachts ist mein Mobiltelefon auf Vibrieren geschaltet! Nun, während ich auf die U-Bahn warte, ist, nachdem ich kurz meine Lieblingsonline-Portale gecheckt habe, der Moment gekommen: Ich öffne erstmalig mein Outlook, checke die heute anliegenden Termine und Meetings sowie die eingegangenen Mails – seit gestern Abend bloß 57 an der Zahl. Lässig. Ich verstehe es einfach nicht, weil ich Mails so fürchterlich antiquiert finde. Aber na ja. Um mich abzulenken, chatte ich kurz mit meinen Kumpels. Wegen dem After-Work-Bier heute. Vielleicht treffen wir uns heute schon gegen sieben im „time-out“ – ist eine oberangesagte Bar gerade. Oder wir disponieren nochmal um. Ist ja kein Problem, sind ja alle immer online. Outlook blinkt und avisiert eine TelCo in 5 Minuten. Ich stelle die Musik ab, die ich mir auf dem Weg zur Arbeit immer gönne, und starte ein E-Book, das ich gestern begonnen hatte, mir reinzuziehen. Ein bisschen Weiterbildung muss ja sein. Es geht in dem Buch um „Verständigung im Turm zu Babel“, um Multichannel-Kommunikation und proaktives Zuhören – und so diese Sachen eben.[1] Ganz witzig. Les‘ ich während der TelCo. Wär‘ für die Kollegen vielleicht auch lustiger als dieses ewige alberne sinnfreie Rumgeleiere. Ich glaube aber, dass alle das beibehalten mit der täglichen TelCo, weil sie so in der Früh in aller Ruhe ihre Mails abarbeiten können. Manche schauen glaub ich auch Netflix-Serien. Muss halt jede/r selber wissen, was er oder sie immer noch so tut nebenher. Ich investiere da lieber in Bildung. Oh, apropos, ich muss noch die Abholung vom Großen aus der Schule organisieren. Hat heute früher aus. Ich tippe schnell eine WhatsApp-Nachricht an Max, unseren Nachbarn. Der ist Freiberufler und immer im Home-Office. Der kann die Jungs aus der Schule karren und sie vielleicht noch kurz beim Amerikaner verpflegen. Ich mach‘ das mit dem Home-Office nur an zwei Tagen die Woche. Ist mir echt zu anstrengend. Meine Kleine muss zum Reiten raus auf den Hof, da kümmert sich wie immer Ina drum. Passt für sie ganz gut. Da hat sie auch mal Ruhe, um ihren Posteingang abzuarbeiten und die wichtigsten Telefonate zu erledigen. Der Kalender meines Smartphones blinkt auf. Mensch, gut dass ich mir das notiert hatte, heute ist ja unser Kennenlerntag. Ich jage kurz einen Blumengruß raus, während ich aussteige und mich bei der TelCo anmelde. Reserviere schnell noch einen Tisch beim Japaner beim Running-Sushi. Wir mögen das beide. Dass immer irgendwas neues Leckeres vorbeikommt, meine ich. Ich schaue kurz auf meine Uhr, weil ich die so herrlich antiquiert und irgendwie klassisch finde. Ist ja auch eine „Automatic“ eines sehr angesagten Edel-Uhrmachers, ein richtiges Schmuckstück, finde ich. Die Zeitanzeige registriere ich gar nicht mehr, die ist ja sowieso ungenau. Ich bekomme meine zeitlichen Informationen über mein Smartphone und allerlei Termingehilfen. Aber die ist schon sehr schick, freue ich mich. Auf der Rolltreppe blättere ich durch mein E-Book. Bis ich ins Büro geschlendert bin, bin ich sicher wieder drin. Dort kann ich mich dann in den Text vertiefen bei der TelCo. Man will ja schließlich heute auf allen Kanälen klarkommen …

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Vergleichzeitigung ist die Signatur der heutigen Zeitkonstruktionen. Es ist nicht mehr immer schneller immer mehr Neues hintereinander – wie in der Moderne – angesagt, sondern in der sogenannten „Postmoderne“ geht immer mehr Neues und Alltägliches gleichzeitig. Dies lässt sich insbesondere an der Mediennutzung beobachten. Die gibt es ja an allen Orten und zu allen Zeiten. Beim Kochen, beim Autofahren, beim Fernsehschauen, beim Gehen, Laufen – und natürlich ist auch das stille Örtchen nicht mehr ganz still. Warum auch? Bietet sich ja auch an, beim Pinkeln mit der freien Hand noch was Sinnvolles zu erledigen. Das Erleben wird ganz schön gefordert – manchmal ist es auch überfordert. Aber nichtsdestoweniger steigen die Erwartungen an ein erfülltes Leben unentwegt weiter. Die medialen Möglichkeiten potenzieren dies auch zeitlich. Die Erlebnisüberforderung durch zu viele Erwartungen ist der Dauerzustand unseres Daseins. Es ist nicht mehr nur erfüllt, es ist überfüllt. Jede noch so kleine Zeiteinheit ist besetzt. Und das nicht mehr nur einfach, sondern gleich mehrfach. Der Gleichzeitigkeitsanfall steigt. Da kriegen manche einen Anfall – andere entwickeln kunstfertige Umgangsformen, nicht selten gekoppelt mit haptischen Fingerfertigkeiten in der Bedienung der Vergleichzeitigungsmaschinchen. Das geht manchen auf den Keks. Die derart Belästigten gehören aber eher zur Umwelt der vermeintlich stark gefährdeten Medienjunkies. Sie machen sich aber nicht selten zu deren Anwälten und weisen unentwegt auf die allerschlimmsten Gefahren hin. Für viele der sogenannten Betroffenen ist die Normalität der Gleichzeitigkeit viel weniger aufregend. Besonders Jugendliche und junge Erwachsene verstehen die Medienkritik kaum. Sie entwickeln stattdessen neue Umgangsformen, die die anderen noch mehr nerven. Gleichzeitig.

Nur mehr hastende und rastlose Menschen, die sich immer und überall nicht nur gehetzt sondern auch vernetzt irgendwie durchwursteln. Damit das besser klappt, verfeinern sie ihre Kompetenzen zur Vergleichzeitigung. Sie werden zu immer besseren und besesseneren „Simultanten“. Nein, das ist kein Druckfehler, es sind keine Simulanten sondern „Simultanten, Meister des Simultanen, Künstler der Vergleichzeitigung von Unterschiedlichem“, so hat sie Karlheinz A. Geißler 2007 zutreffend betitelt. Sie stauen sich in ihrem klimatisierten Fahrzeug, das häufig ein Stehzeug ist von Termin zum nächsten Meeting, nutzen die Zeit mit zahlreichen Vernetzungshelfern zum Telefonieren, Mails abarbeiten oder Simsen, vertwittern sich dabei gelegentlich und tauchen aus den Untiefen von Facebook irgendwo wieder auf. Sie haben immer mehr vor als überhaupt geht und freuen sich, wenn sie es mal wieder geschafft haben, schneller als der Kollege von Nebenan zu sein. Oder wenn sie mehr gleichzeitig gemacht haben als er oder sie. Manchmal tricksen sie die Werkzeuge des Outlook-Terminsynchronisierungs-Wahnsinns gerissen aus, indem sie Termine simulieren, die es dann nicht wirklich gibt (dann sind in der Tat Simultanten auch Simulanten). Vielleicht schnaufen sie dann mal durch auf ihrem Stepper im Fitnessstudio oder tun sich irgendwas anderes Gutes.

Avanti Dilettanti!

Dieser Wunsch, den Joschka Fischer 1997 – und das war vor den Zeiten der Vergleichzeitigung – der Kohl-Regierung spöttisch zurief, gilt leicht abgewandelt und ohne spöttischen Unterton den Vergleichzeitigern von heute. Immerhin kommt der Dilettant ja vom italienischen diletto „Freude/Vergnügen/Genuss“ … Und bitte: Wer hat die Glühbirne erfunden, die Relativitätstheorie, das Internet? Alles Dilettanten!

In diesem Sinne: Avanti Simultanti!

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[1] Dueck, Gunter: Verständigung im Turm zu Babel: Über Multi-Channel-Kommunikation und proaktives Zuhören. Campus Verlag, Frankfurt, New York 2013

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Wenn Sie im digitalen Zeitalter stattdessen die Muße suchen, dann finden Sie Anregungen dafür hier bei timesandmore.

Wenn Sie mehr Lust auf solche und andere „Zeitumstellungen“ haben, dann finden Sie die hier:

Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware.

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Kategorien: Zeitforschung

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