Heute ist der Heilige Abend. Ein besonderer Tag für die allermeisten, oft auch unabhängig von religiöser Orientierung. Der Heilige Abend ist für viele Menschen ein besonderer Tag, obwohl er kein Feiertag ist. Er ist formal ein Arbeitstag, der allerdings so ab Mittag einen ganz eigentümlichen und einzigartigen Charakter annimmt: vormittags eilig, nachmittags dann heilig. Die ganze trubelige Besinnungslosigkeit kippt in das, was verlegenheitshalber „Besinnlichkeit“ genannt wird. Eben noch überfüllt, sind die Supermarktparkplätze und diejenigen vor den Konsumtempeln wie leergefegt, die SUVs, Familienkombis oder die ökologisch vernünftigeren Lastenräder rumpeln mit letzten Einkäufen und notdürftig verzurrten Weihnachtsbäumen in die Wohngebiete und vor die Treppen- und Reihenhäuser. Einkäufe und Halleluja-Stauden werden gemeinsam in die vorgeheizten vier Wände verfrachtet und dann … – fällt die Tür ins Schloss und es ist „heiliger Abend.“ Es weihnachtet sehr. Das ist die Zeit für die Ankunft, im christlichen Sinne: des Herrn. Im alltäglichen: all dessen, was in der manchmal hektischen, wenig besinnlichen Vorweihnachtszeit so herbeigesehnt wurde. Im Kreise der Lieben die Familie um sich habend, sich dem widmend, was sonst zu kurz kommt: gemeinsames Essen und die Pflege der Rituale dieses Tages, Kartoffelsalat und Würstchen (zur Entlastung des kochenden Teils der Familien), schöne Bescherung (hoffentlich), manchmal Kirch- oder jedenfalls Spaziergang (so viel Besinnlichkeit soll sein, die Gottesdienste sind die am besten besuchten im Jahr, auf den Spazierwegen ist einiges los). Ungestört und in gemeinsam verbrachter Ruhe beschenken und beschenkt werden. Das ist ein Stück heile Welt – „heil“ ist ja der Wortstamm von heilig: Störungsfreiheit, Ruhe, Gemeinschaft und dann auch noch Geschenke – wo gibt’s das sonst noch in unserer Hektomatik-Welt der Immer-für-alles-offen-und-für-alles-und-noch-viel-mehr-bereit-Seienden? Heute am Heiligen Abend wird innegehalten. Das ist ein Gegenmodell zu den häufig belastenden Alltagserfahrungen des „immer schneller“ und „immer mehr zugleich“. Das genießen viele – hoffentlich, das ist jedenfalls zu wünschen. Was das Geschehen am Heiligen Abend so einzigartig macht, hat womöglich mit der christlichen Botschaft zu tun, die – auch wenn sie oft unausgesprochen bleibt oder gänzlich unbekannt ist – in der Luft liegt. Es ist eine Botschaft der Hoffnung. Immerhin soll ja einst an dem Tag, den wir heute begehen, der Erlöser geboren worden sein – unscheinbar, als wehrloses, armes Kind in einer Krippe im Stroh. Vielleicht hat das Geschehen am Heiligen Abend in diesen Widersprüchlichkeiten – das Kind als Erlöser, Armut als Reichtum – etwas Erlösendes: bezogen auf die Last der Vergangenheit, die heute abfällt und in der Hoffnung darauf, dass es einst nach der heilen Zeit „zwischen den Jahren“ dann doch etwas weniger turbulent, insgesamt ruhiger, weniger hektisch und eilig, ja: „stimmiger“ weitergehen könnte nach einer Zeit der Ruhe und des Miteinanders. Das wäre eine frohe Botschaft für viele Zeitgenoss*innen heute, auch für diejenigen die sich zu den spirituellen Atheisten rechnen. Damit diese Hoffnung realistisch wird für alle, die es haben und gebrauchen wollen und können, kann es hilfreich sein, den heutigen Heiligen Abend heilig und heil zu halten. Heilig und heil im Sinne von: besonders, geschützt und abgegrenzt vom Alltags-Aller- und Einerlei. Heilig und heil in der ge- und erlebten Begegnung mit sich selbst, den eigenen Bedürfnissen, mit anderen geschätzten und geliebten Menschen – und mit der Welt und dem, was und wie anders sie auch noch sein könnte.

Halten Sie sich den heutigen Abend heilig und heil. Heiligen Sie ihn, so wie er für Sie heil sein kann. Ehren und verehren Sie den Abend – und genießen Sie die Momente der Gegenwart. Als Geschenk. Im Englischen gibt es für beides nur ein Wort: „present“. Für die Gegenwart und für das Geschenk. Beschenken Sie sich mit der Gegenwart des Heiligen Abends. Schöne Weihnachten!

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Die ORTHEYs-Website hat „zwischen den Jahren“ am 27. und am 28.12. eine Auszeit für Umzugs- und Wartungsarbeiten.

Kategorien: Zeitforschung

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