Zeitliche Ordnungen mit verlässlicher (Handlungs- oder Kommunikations-) Struktur schätzen wir als Rituale. Ausgelöst werden sie meist durch wiederkehrende Ereignisse. Wenn am Freitagnachmittag in der Werkstatt der Hammer fällt, dann gibt es das Dienstabschlussbier. Immer. Darauf ist Verlass. Das gibt Orientierung und Sicherheit. Es entlastet zudem, weil Rituale etwas Verlässliches sind in einer Welt mit wenig zeitlicher Kalkulierbarkeit. Da kann heutzutage ja alles jederzeit reinkommen und die Ordnung stören. Das Ritual indes hat allem zum Trotz Bestand. Mittwochabend ist Stammtisch. Das ist heilig. Punkt.

Rituale zeichnen sich durch klare Regeln oder Strukturen aus. Meist werden sie anlassbezogen praktiziert und wiederholt, z.B. zu Tagesbeginn, zum Feierabend, zum Wochenabschluss, am Jahresende, zum Lebensende, zu Beginn und am Ende der Erntezeit, zu religiösen oder kulturelle Anlässen, beim Essen und Trinken oder bei persönlich gesetzten Ereignissen. Bei manchen Ritualen ist die Wiederholung selbst als Strukturmerkmal in die Wiederholung hineinkopiert, wie beim katholischen Rosenkranzgebet oder in den Gebetsformen der Litaneien. Diese werden rituell wiederholt und ihre innere Struktur ist die Wiederholung (mit Variation). Manche heutigen Zeitgenossen haben Rituale, um sich ihre Mantras in stetiger Wiederholung aufzusagen.

Rituale gibt es in unterschiedlichen Zeitdimensionen, vor allem als Eigenzeiten, Sozialzeiten und besonders als Kulturzeiten. Sozial- und kulturzeitliche Rituale haben zusätzlich den Aspekt des gemeinschaftlichen Erlebens, zum Beispiel in den gemeinsamen Gebeten in religiösen Kontexten. Solche Zeiten im Kontakt haben durch das kollektive Erleben eine Entlastungsfunktion. Der „Leichenschmaus“ entwickelt sich oft aus der Trauergesellschaft zu einer Gemeinschaft von Menschen, die freudvoll Geschichten teilen, die sie mit dem Verstorbenen erlebt haben. Dabei wird auch gelacht. Das entlastet die Trauer, die hier geteilt und mitgeteilt werden kann. Das Ritual gibt ihr einen anderen gemeinschaftlichen Rahmen, der im Durcheinander der Gemengelage widersprüchlicher Gefühle ordnend und einheitsstiftend wirkt.

Je mehr die durchmedialisierte Welt Wirklichkeiten inszeniert und wir von Simulationen auf Bildschirmen und Benutzeroberflächen bestimmt sind, umso wichtiger wird die Sicherheit verlässlicher und spürbarer Wirklichkeiten. Diese haben eine andere Ästhetik und damit eine andere emotionale Resonanz als virtuelle Realitäten. Insofern macht es Sinn, sich (zeitliche) Rahmenmarkierungen verfügbar zu halten, die Orientierung und Sicherheit geben, die verlässlich sind und emotional akzeptabel oder besser noch: anregend oder berührend. Wohlgemerkt: Rahmenmarkierungen in solchen Wirklichkeiten, in denen Menschen ihrer natürlichen oder sozialen Umwelt im echten Kontakt begegnen. Wenn es schon zum Ritual geworden ist, morgens als allererstes über ein Plastikkästchen zu wischen und es anschließend einige Minuten lang anzuglotzen, dann müsste es doch auch möglich sein, ein kleines persönliches Übergangsritual von der Arbeits- zurück in die Freizeit einzurichten, das darüber hinaus geht den (tatsächlich vorhandenen) Ausschaltknopf zu betätigen …

Neben der Nutzung kultureller Rituale bietet es sich mit Blick auf das angestrebte stimmige Zeiterleben an, persönliche zyklische Rituale zu etablieren, also beispielsweise morgens mit dem Rad zur Arbeit zu fahren oder abends nach dem Nachhausekommen eine kleine Joggingrunde zu drehen. Um dann in der Familie gemeinsam zu Abend zu Essen. Das ist dann schon mal sicher – und fix. Jeden Tag. Diese Verbindlichkeit und Bindungskraft wissen auch die heute aller Orten und Zeiten herbeigepredigten agilen Organisationen zu nutzen. Dort gibt es neben vielem agilen und flexiblen wenig Fixes. Aber das ist ritualisiert, wie beispielsweise die morgendlichen 15-minütigen daily standup meetings.

Übrigens: Manche Rituale verstehen – und sehen oft – nur Eingeweihte. Seien Sie insofern einfallsreich, wenn Sie für Sie passende und hilfreiche Rituale überlegen. Nur Sie müssen diese verstehen (und einhalten). Für manche Menschen ist es von höchster Bedeutung, in welcher Reihenfolge und mit welchen Bewegungen morgens die Schuhe geschnürt werden oder die Brotzeitdose verstaut wird. Rennfahrer nutzen fixe kleine Rituale, um in der Aufregung und der Dauerbelagerung durch Medien- und Sponsorenvertreter, Techniker und andere auch noch Wichtige vor dem Start Sicherheit und Konzentration zu halten. Und klar, viele steigen nach der immer gleichen Ankleideprozedur immer von der gleichen Seite mit den gleichen Bewegungen ins Auto. Das zeigt, dass Rituale von ihrem Symbolgehalt und –wert leben. Zudem haben Rituale noch einen ganz praktischen Charme: sie stellen sicher, dass nichts vergessen wird. Denn im Gegensatz zu abstrakten und seelenlosen Check- und ToDo-Listen sind ritualisierte Handlungen in Fleisch und Blut übergegangen. Ein weiterer Vorteil von Ritualen ist, dass ich nicht immer alles neu erfinden muss. Auch nicht Zeiten für das, was mir Freude bereitet. Denn die habe ich sicherheitshalber ritualisiert.

Versuchen Sie es mal mit einem kleinen persönlichen Ritual für mehr zeitliche Stimmigkeit.

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Kategorien: Zeitforschung

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