Es ist Adventszeit. Obschon es seit Wochen an vielen Orten der notorischen Früher-Dran-Seier-Gesellschaft vorweihnachtlich vor sich hin bimmelt und jingelt und nun bereits Weihnachtsbäume erstrahlen, beginnt die Adventszeit in den lateinischen Kirchen am ersten Adventsonntag. Im religiösen Sinne geht es um die Erwartung der Ankunft des Herrn. Adventus ist im Lateinischen die Ankunft. Ja, das waren noch Zeiten! Als die Ankunft (hier: des Herrn) freudig erwartet wurde – oder je nach Lebensalter kaum erwartet werden konnte. Und dies unter den Bedingungen der Verlässlichkeit der Ankunftszeit, die sich in diesem Falle aus dem Kirchenjahr ergibt und genau angegeben werden kann. Aber jetzt auch hier wie überall: Flexibilisierung, Dynamisierung, Beschleunigung, Vergleichzeitigung – nebst aller Umschlageffekte, die dies mitproduziert: Verhärtung, Erstarrung, Verzögerung und rasender Stillstand. Diese Widersprüchlichkeit ist einstweilen Grund genug, zum Beginn einer wichtigen Ankunftszeit einmal auf beide Seiten zu schauen: einerseits – andererseits. Verfrühte, vorverlegte vs. verzögerte Ankunft.

Einerseits: Verfrühte, vorverlegte Ankunft. Die Adventszeit scheint ein sehr geeigneter Anlass, die Eventisierung unseres Lebens weiter zu befeuern. Versehen mit sentimentalen, religiösen und in Familientraditionen geerdeten Beimengungen, eignet sich die adventliche Ankunftszeit wie kaum eine andere, um damit Geld zu verdienen. Darauf läuft es ja letztlich hinaus, dass es bereits ab dem Herbst entsprechende Warenangebote gibt. Damit wir in einer Dauer-Warteschleife des ersehnten Ankommens vor uns hindämmern können. Was wir früher kaum erwarten konnten, ist heute auf Dauer gestellt. Der Advent ist (kalendarisch) noch nicht da, aber es wird einstweilen so getan, als wäre es bereits Zeit für die Erwartung der Ankunft. Viele kennen die religiösen Ursprünge dieser Zeit ja auch gar nicht mehr. Und so wird die Vorverlegung der adventlichen Erwartung von vielen Zeitgenoss*innen gar nicht bemerkt, wird eher eine (weitere) abgekoppelte, inhaltsleere Kitsch-Routine, reduziert auf Gebäck, Glühweingeruch und rührselige Musikberieselung. Ein weiterer Event, der Advent. Wie auch die Fastenzeit war die Adventszeit im kirchlichen Kontext ehedem eine „geschlossene Zeit“ – in den orthodoxen Kirchen ist sie bis heute eine sechswöchige Fastenzeit. In „geschlossenen Zeiten“ durfte nicht gefeiert oder gar getanzt werden. Damit war eine etwas andere Form der Besinnlichkeit angedacht als diejenige, die heute oft bis zur Besinnungslosigkeit betrieben wird – um dann unterm Baum erschöpft zusammenzusinken. Die „geschlossene Zeit“ sollte eher genutzt werden, in sich zu gehen, um dann innerlich geklärt und aufgerichtet, für die Ankunft (des Herrn) und das damit verbundene Fest bereit zu sein. Die Eventisierung des Adventlichen treibt uns hingegen vom Adventsgrillen (Ja!) über die ungezählten Märkte in die gut geheizten Konsumtempel, wo wir den Verlockungen des Überflusses erliegen dürfen und regelmäßig außer uns geraten. Bis 20.00 Uhr. Dann ist ja noch Zeit, um mal in sich zu gehen, wenn der dann anliegende Zustand fortgeschrittener Sedierung und Dämmerung nicht Schlimmeres verursacht.

Zeitliche Markierungen geben unserem Leben wichtige Orientierungen und Rahmungen. Ich kann nicht überall gleichzeitig sein. Wir brauchen Verortung und wir benötigen Verzeitlichungen, um uns als Menschen im Nacheinander zu erleben und zu organisieren. Eine Form solcher zeitlicher Orientierungen sind tradierte Rituale, wie hier die Adventszeit. Wenn diese entgrenzt wird, indem der Beginn dieser auf Ankunft hin gerichteten Zeit vorverlegt wird, ist das wenig hilfreich für eine Orientierung gebende zeitliche Gliederung unseres Lebens. Wir taumeln dann eher durch eine „irgendwas-ist-immer“-Kultur. Aber keine Bange. Es ist wie mit anderen Vergleichzeitigungsmaschen auch. Mit einem Wisch ist alles weg. Kaum sind die Engel verstaut, werden uns nach einem rauschenden Jahreswechsel die Masken anstarren. Dann ist ja gleich wieder Fassenacht – und ja, Ostern kommt auch bald. Die gefärbten Eier gibt es ganzjährig. Egal. Die Zeiten ändern sich eben. Ankunft hin oder her. Man kann ja mal so tun als ob. Dauernd.

Andererseits: Die Ankunft verzögert sich. Das lehren ja diverse Alltagserfahrungen. Die häufig für ihre Verspätungen gescholtene Bahn ist das Aushängeschild dieser Ankunftsverzögerungs-Kultur. Aber auch Flugzeuge in Warteschleifen und Autos in Staus produzieren Verzögerungen und Verspätungen bei der Ankunft. In einer auf Perfektion angelegten Gesellschaft steigt auch die Störanfälligkeit. Vor wenigen Tagen hat sich wegen einer technischen Panne am Regierungsflieger die Ankunft der Bundeskanzlerin beim G 20-Gipfel in Buenos Aires um mehrere Stunden verzögert. Sie schaffte es noch rechtzeitig zum Kulturprogramm. Immerhin. Wenn sich die Ankunft verzögert, sind oft andere, krassere Erfahrungen angesagt, die meist etwas mit Warten in unbequemen Positionen zu tun haben. Verharrend im „rasenden Stillstand“(Virilio). Wenn wir dann endlich ankommen, dann lassen wir etwas hinter uns. Das ist oft etwas Beschwerliches, wie eine lange Reise, manchmal mit Verzögerungen und ungeplanten Wartezeiten. Die Ankunft hat insofern etwas Befreiendes. Was wir angestrebt hatten, das tritt nun ein. Im Moment der Ankunft mit sofortiger Wirkung. Das ist meist ein Grund zur Freude. Insofern wird die Ankunft im Alltagsbetrieb unseres Lebens oft mit Sehnsucht erwartet – besonders wenn sie sich unerwartet verzögert. Er-Leben und genießen Sie das Er-Warten. Warten heißt auf etwas, was auch noch anders oder Anderes geschehen könnte, zu verzichten. Im gelebten, bewussten Verzicht der „geschlossenen Zeit“ macht sich Vorfreude breit. Sie setzt der Erfahrung des „es geht immer noch mehr!“ ein Alternativprogramm entgegen. Es entsteht ein schönes, ein (vor-) weihnachtliches Gefühl – wenn wir uns denn an die Grenzen der adventlichen Zeitordnung halten.

Wenn die Erwartung der Ankunft zu weit vorverlegt wird und sich damit die Ankunft verzögert, verlieren viele Erfahrungen, die wir dann machen (müssen), ihre Schönheit. Die Schönheit entsteht aus Begrenzung heraus – auch zeitlich. Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Und erlebt sich dann bedauerlicherweise auch so.

Genießen Sie deshalb die Adventszeit als eine Zeit der Erwartung der Ankunft. Nutzen Sie die „geschlossene Zeit“ dafür, um zur Ruhe – und das heißt: zu sich selbst – zu kommen und kontrastieren Sie die Inszenierungen der Advents-Events im Inneren. Damit Sie dann – nach der Ankunft – eine schöne Weihnachtszeit genießen können. Dann sind Sie angekommen – in sich. „Die beste Freude ist wohnen in sich selbst.“ (Goethe)

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Kategorien: Zeitforschung

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