Jetzt – Anfang des neuen Jahres – holt sie uns ein, die sogenannte „Realität“. Insbesondere betroffen sind solche Wirklichkeitsopfer, die es nach den eher ernüchternden Erfahrungen des vergangenen Jahres mit den guten Vorsätzen doch nicht ganz haben sein lassen können. Ich nenne sie in der Folge gVe (Pl.) – die guten Vorsätze, meine ich. Das geht schneller, weshalb es auch im jugendsprachlich befeuerten Trend im Netzjargon aber auch IRL liegt, (IMHO völlig abstruse) Abk. (Abkürzungen) zu verwenden. AIUI. 😉

BTW schweife ich vom Thema ab. SRY. Nun aber asap B2T. Die Sache mit der Abk.. „GV“ habe ich beim Streiflicht der Süddeutschen Zeitung (Abk. SZ) am vergangenen Samstag gefunden und gleich abgeschrieben. Schluss jetzt, zurück zum Anfang: d.c. (Abk. für da capo).

Zurück also zu den gVen. Viele von ihnen kamen eher heruntergefahren daher, nachdem im Jahr 2020 klar geworden war, dass das mit den gVen so eine Sache werden könnte. Mal abgesehen von eigenen Begrenztheiten, die manchen schon am Abend des 01. Januars, des Neujahrsabends, beim (gottlob schon wieder möglichen) Zuprosten wie Schuppen aus den Haaren fielen, wenn sie statt eines freudigen Zurückprostens verstörte Blicke ernteten. „Gestern hast Du doch hoch und heilig versprochen, in diesem Jahr keinen Alkohol mehr …“ OMG. Kann doch nicht sein. Ich muss von Sinnen gewesen sein. Oder Du? GV mit nicht so gF (guten Folgen). Und dann – kleine Ablenkung von den eigenen Begrenztheiten – diese Corona-Sache, die sowieso alles durcheinandergebracht hat, innerlich, äußerlich, gesundheitlich, gesellschaftlich, politisch und eben auch vorsätzlich. Die Vorsätze gerieten in den freien Fall 2020. Corona hat also doch was Gutes, taugt nämlich ausgezeichnet als gute Entschuldigung (gE) für allerlei. „Tja, ich konnte halt nicht raus, musste ja zuhause bleiben. Ich nehm‘ so was echt ernst.“ „Und irgendwie muss man ja auch was für die kleinen Craft-Brauereien, die Winzer und die Brennereien tun. Da hab‘ ich jetzt hier im Dorf eine ganz vorzügliche gefunden – echte Empfehlung. Und abends nach dem ganzen Online-Horror ist so was ja auch entspannend …“

GVe als Formen, Komplexität (in eine bestimmte Richtung) zu reduzieren, schließen andere Möglichkeiten aus: der gV, nurmehr Mineralwasser zu trinken und täglich zwei Stunden Sport zu treiben, schließt Weinkonsum und kuscheligen Müßiggang auf dem heimischen Sofa aus. Womöglich wird dabei auch Produktives, Weiterführendes ausgeschlossen. Der berufliche gV vom März 2020, nurmehr im „echten“ sozialen Kontakt zu erarbeiten (und wenn es die Möglichkeiten dazu nicht gibt, so lange zu warten, bis es sie wieder gibt), schließt alle Online-Formate kategorisch aus. Das wurde dann für manche/n gV-lerIn* kritisch: Einschränkung, die zum weitgehenden Ausschluss führte.

Bei allen gVen ist zu bedenken, dass sie einschränken. Und das sollte am besten vorher geschehen (das Bedenken), um sich nicht im (womöglich alkoholisch vernebelten) Dusel aufzuerlegen, ab morgen keinen (und nie mehr!!! Alkohol) zu konsumieren. Das Spüren der Einschränkung kann dann zu einem bösen Erwachen führen, wenn klar ist, was diese Einschränkung tatsächlich bedeutet. mom …

GVe setzen Entscheidungen voraus. Und Entscheidungen sind nachvollziehbar und tragfähig, wenn klar ist, was der Rahmen, was die Referenz der Entscheidung ist. Ist es nun die persönliche Gesundheit oder die gesellschaftliche Anerkennung oder der soziale Frieden – diese (und andere) Unterschiede machen Unterschiede im Bewusstsein, in der Haltung, im Verhalten – und damit in der Wirkung. Wohin das nicht reflektierte Referenzdilemma führen kann, zeigte der gestrige Sonntagsabend-Schirach „Feinde“ in zuspitzender Form: Wem bin ich in meiner Entscheidung verpflichtet? Dem Opfer und seinem Schutz oder dem Rechtssystem und dem Gesetz? Und was, wenn mich meine Entscheidung in den Widerspruch zu einer anderen Referenz bringt, die ich teilen will/muss?

Einfacher wird das Referenzthema, wenn ich mich vorab selbst befrage, wozu ich mir den gV denn vornehme? Was will ich damit (erreichen)? Zu welchem Zweck? Dann nehmen gVe auch andere sprachliche Formen an und enthalten z.B. ein „um zu“ oder ein „damit“. Und gewinnen an Klarheit und an Verbindlichkeit. „Um wieder Spaß an der Bewegung zu bekommen, meine Leistungsfähigkeit zu erhalten und im Juli 2021 wieder rund um den Tegernsee laufen zu können, laufe ich jetzt zweimal die Woche mindestens 45 Minuten. Das gönne ich mir! GL&HF!“

Manche gV-lerInnen* fügen noch kleine Ausführungsbestimmungen oder Risiken und Nebenwirkungen an – oder bestenfalls eine Belohnung bei Erfolg. Wobei – wie die SZ im Wochenend-Steiflicht anmerkt, „nur notorische Nörgler“ Anstoß daran nehmen werden, wenn Du nach zwei Tagen erfolgreicher Umsetzung des gV, keinen Alkohol zu trinken, „diese Leistung mit einem kleinen Hugo feierst“ und Dich angemessen belohnst.[1]

Hilfreich ist es für manche Menschen – insbesondere in Unsicherheitslagen – Möglichkeiten zu reduzieren. Das spricht für gVe – in überschaubarer Anzahl und realistisch formuliert.

Wer allerdings das Bedürfnis hat, sich höchste Flexibilität und den „Möglichkeitssinn“ (Musil) vollumfänglich zu erhalten, der- oder diejenige sieht eher von gVs ab.

Manch kreativer Kopf macht es allerdings auch andersherum und nutzt die Kraft der paradoxen Intervention im gV: „Um mein Hirn noch mehr zu unterfordern, schaue ich mir in diesem Jahr täglich mindestens zwei schwachsinnige Serien an (wobei die zweite noch schwachsinniger sein sollte als die erste).“ ROFLMAO

Gerne übersehen wird übrigens mMn, dass ein „Verstoß“ gegen die gVe oft Ressourcen und Kompetenzen zeigt, z.B. kreativen Einfallsreichtum im Umgang mit (zweifelhaften) Regeln, ausgeprägte Flexibilitäten, Deutungsvielfalt – und all diese Sachen, die nützlich sein können, wenn frau und man sich mittels der aktuellen gVe allzu sehr in Verlegenheit gebracht hat – oder auch sonst beim Leben und Arbeiten. Insofern können auch nicht eingehaltene gVe viel wert sein. Denn sie zeigen ziemlich viel über die gV-MacherInnen* und ihre und seine möglicherweise sonst ungenutzten Ressourcen und Kompetenzen. Bleibt die Frage, ob die- oder derjenige das immer wissen möchte. OMG

Viele Freude mit gehaltenen und gebrochenen, mit vorgenommenen und nicht vorgenommenen gVen.

Gute und gesunde Zeiten im neuen Jahr – mit Einsichten und Umsichten auf diesem und höherem Niveau. Und mit Zuversicht.

P.S.: In einem unserer Freundeskreise steht die Abk. GV übrigens für „Grüner Veltliner“. Aber das muss nun wirklich unter uns bleiben. 4U: VS NfD (Verschlusssache, nur für den Dienstgebrauch)

GLG

P.P.S.: Guter Vorsatz des Autors: Um die Verständlichkeit der Blog-Texte nicht noch weiter zu beschädigen, werde ich künftig möglichst auf Abkürzungen verzichten. JFYI

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[1] Süddeutsche Zeitung. 77. Jahrgang/53. Woche/Nr. 1, München, Samstag/Sonntag, 2./3. Januar 2021, S. 1

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Kategorien: Allgemein

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