Es ist eine sensible Angelegenheit mit der Stimmung gerade. Ich meine damit nicht die gefürchtete Novemberstimmung, die gerade vom Lockdown light und allerlei unübersichtlichen Gemengelagen befeuert wird. Nein, das ist es nicht, was bei mir für Missstimmung sorgt. Mir macht die Stimmung eines Zungenregisters an meiner Kirchenorgel mit Pfeifenwerk zu schaffen. Die „Grundstimmen“ als Basis des Orgelklangs sind ganz stabil, aber das Zungenregister namens „Regal 8‘“ ist höchst anfällig auf Umweltveränderungen. Diese kristallisieren sich aus Sicht der relativ komplex angelegten Regal-Orgelpfeife in ganz leichten Temperaturunterschieden. Ich versuche, den Raum temperaturmäßig stabil zu halten, aber das Regal ist höchst empfindlich. Schnell ist die Stimmung dahin. Zunächst ist das gemeiner Weise nur die Stimmung einzelner Töne: In der Annahme, dass die Stimmung stabil geblieben ist (und ohne vorher alle Töne durchgespielt zu haben), wird dann mal ein cantus firmus, also eine hervorgehobene Melodiestimme, mit dem Regalregister fein verziert hervorgehoben gespielt und plötzlich mittendrin von einem verstimmten Einzelton aufs heftigste ge- und zerstört. Dann geht jählings auch die Stimmung des ambitioniert zu werke gehenden Orgelspielers dahin. Unsere innere Stimmung mag keine Misstöne.

Die stimmungsempfindlichen Pfeifen des Regalregisters: vierte und fünfte Reihen von vorne.

Das Regal-Register bedarf ständiger aufmerksamer Beobachtung und Nachstimmung – auch in feinen Nuancen. Hilfreich kann es dabei sein, es gemeinsam mit einer (relativ stabilen) Grundstimme zu stimmen – es klingen also beide Pfeifen des Tons (Grund- und Regalregister) gleichzeitig. Dann ist dem Orgelstimmer immer klar, wo die (Regal-) Stimmung abweicht und wo sie wieder hingehen soll. Die Stimmung braucht immerwährend Beobachtung und oft täglich Pflege, sonst wird das charmante schnarrende Regal-Register irgendwann gar nicht mehr verwendet, weil es ganz durchgestimmt werden muss und das (zeitlich) zu aufwändig ist. Schade eigentlich. Ein bisschen Zeit fürs Nachstimmen hätte wohlgetan und die klangliche Ressource erhalten. Manchmal ist aber auch das Nachstimmen – jedenfalls für den freudig, sprich dilettantisch zu werke gehenden Schreiber – nicht frei von Überraschungen. Kürzlich stimmte ich die höheren Regaltöne nach und verwendete eine Grundstimme dazu – um mir das Stimmerleben leicht zu machen und zugegebenermaßen auch um die Hörnerven vor den Zumutungen „in den höchsten Tönen“ zu schonen. Ich meinte all meine Feinfühligkeit anzuwenden, klopfte die Stimmkrücke mit dem speziellen Stimmeisen ganz leicht hoch und runter, aber es wurde immer schlimmer. Einige Verzweiflungen später wurde klar, dass es diesmal die als Referenz zur Hilfe genommene Grundstimme war, die völlig verstimmt war beim angeschlagenen Ton. Der Regalton stimmte. Da musst Du erst mal draufkommen, dass der stimmliche Missklang nicht aus der Verstimmtheit der hochsensiblen Tonreihe, sondern von der stabil geglaubten Basis kommt. Auf deren Stabilität hatte ich mich aber verlassen. So kanns gehen. Auch die – vermeintlich – stabile Basis kann‘s mal treffen mit den Verstimmungen. Zugeschrieben wird’s aber den sensiblen Tönen.

Oder dies: Gestern stimmte ich abends auch wieder am Regal herum – bei den anfälligen hohen Tönen. Und da ich zunehmend Routine entwickle, ging das ganz gut. Auch wenn ich viel Zeit investierte, weil es ja gut werden sollte. Dann zog ich das in der Pfeifenreihe davorstehende Mixtur-Register und – oh Graus – da stimmte gar nichts mehr. Und dabei hatte ich mir solche Mühe gegeben – und nochmal und nochmal an einzelnen Regaltönen rumgefeilt. Und jetzt das. Vergessen hatte ich meinen Atem und die Körperwärme, die ich durch mein Tun den winzigen hohen Pfeifen der Mixtur angetan hatte. Das quittierten einzelne mit Heulerei oder schrägen Tönen. Nachdem ich mich distanziert hatte und sie wieder auf gleichmäßige Temperatur mit ihren Nachbarpfeifen gekommen waren, waren sie wieder stimmig. Das hat lange gedauert vorgestern am Abend mit der Stimmerei. Gespielt habe ich dann nicht mehr. Auch schade.

Wenn jetzt Ihre Gedanken von meinen Orgel-Stimmungserfahrungen in die Analogie zur derzeitigen emotionalen Krisen-Stimmung weiterschweifen, dann geht es Ihnen wie mir. Manche sensible Stimmung wird aktuell viel leichter angegriffen als die soliden und verlässlichen Grundstimmen. Seien es die eigenen inneren Stimmungslagen oder auch die von Mitmenschen. Das momentane Klima verursacht sensible innere Reaktionen und Veränderungen, die nach außen hin allerdings sehr störend hörbar werden.

Manchmal ist es aber auch das vermeintlich Stabile, das herangezogen wird, um die Stimmungen zu vermessen – und das dann überraschenderweise für Misstöne sorgt. Das geschieht meist, wenn Grundbedürfnisse verletzt werden. Der werte Hörer meint einstweilen, es sei das höchst sensible Werk in ihm, das da Missstimmung verursacht, doktert daran herum und macht’s nur schlimmer (und nennt es dann Novemberdepression ;-). Hätte sie oder er sich doch besser mal um die Grundstimmung gekümmert 😉

Oder wenn Sie sich ganz intensiv und sorgsam Ihrer Stimmung widmen und dabei Wirkungen im unmittelbaren Umfeld verursachen, die Sie so nicht bedacht hatten. Dass es ausgerechnet die Nähe und die Wärme der Arbeit an der eigenen Stimmung war, die da im Umfeld für Missstimmung sorgte – das war wohl erst recht nicht bedacht. Es ist halt so eine Sache mit den Stimmungen. Eine sehr feinfühlige.

Nehmen Sie sich deshalb Zeit für Ihre Stimmungen. Angemessene Zeit. Wenn Sie nicht hin und wieder nachstimmen, dann können sie das ganze Werk bald vergessen. Wenn Sie aber zu viel Zeit in die Reflexion und Feinjustierung Ihrer Stimmung investieren, dann kann diese Zuviel- und Mehr-desselben an Rumdenkerei und -macherei auch Schaden anrichten. Bei sich selbst, weil die intensive Stimmerei von der Aktion, vom Tun ablenkt – und auch im Umfeld, das irritiert reagiert. Innere Stimmung und äußere Wirkung hängen untrennbar zusammen.

Die Stimmung – gedacht im Sinne des spürbaren Gefühls – ist nur die Füllstandsanzeige für darunter liegende (verletzte) Bedürfnisse. Und wenn das Bedürfnis beispielsweise darin besteht, zu spielen oder das Hören zu genießen, dann können Sie mehr für Ihre Stimmung tun, wenn Sie tun, was Sie gerne tun. Und dabei auch mögliche kleine Missstimmungen in Kauf nehmen. Statt sich immerzu nur mit den Füllstandsanzeigen zu beschäftigen.

Gute Zeiten für eine erbauliche Stimmung.

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