Immer weniger nehmen wir ihn wahr: den Blick unserer Zeitgenoss*innen zur Uhr am Handgelenk. Ebenso wie der eigene, Orientierung suchende oder erschrockene Blick zur Uhr, bleibt dieser auch bei vielen Mitmenschen immer öfters aus. War er früher obligatorisch für Berufshektiker, Zeitgeplagte und die ganz Wichtigen – oder wurde eher verlegenheitshalber gewählt -, so ist er heutzutage fast verschwunden, jedenfalls wenn mich meine alltagsempirischen Beobachtungen nicht täuschen. „Die Uhr kann gehen“ – so heißt fein- und doppelsinnig der Titel des neuen Buches meines timesandmore-Kollegen Karlheinz A. Geißler.[1] Ich selbst gehe, wie auch viele meiner Zeitgenoss*innen oft ohne Uhr am Handgelenk aus dem Haus. Sollte ich tatsächlich eine zeitliche Orientierung brauchen, hilft ja der Blick aufs Smartphone. Und der findet ja sowieso ständig statt. Den Blick zur Uhr haben viele durch ein ständiges Wischi-Waschi ersetzt.

Insofern stimmt es, dass – so die Geißler‘sche Argumentation – die Uhr als Zeitmesser immer weniger gebraucht und genutzt wird. Als Schmuckstück macht sie jedoch Höhenflüge – auch preislich. Da lassen sich viele Zeitgenoss*innen ihre Uhren schon eine Menge kosten. Das kann leicht in höheren fünfstelligen Beträgen enden. Dann werden die guten Stücke nicht ganz unauffällig als kleine aber feine Herrschaftsinsignien über die Zeit (und das Geld!) zur Schau getragen. Oder eben, weil die Träger*innen – wie ich – sie schön finden. Den modischen Zeitschick gibt’s auch für das breitere Publikum im Flieger-, Zeppelin- oder Bauhaus-Look. Klar, dass nichts ausgelassen wird für jede noch so kleine Marktnische für Romantiker und Modebewusste. Mit der Zeit und dem funktionalen Nutzen hat die Konjunktur der Uhr als Schmuckstück nichts mehr zu tun, denn Uhren sind heutzutage kaum noch von Bedeutung in einer Welt, in der alles agil, flexibel und chaotisch immerzu drunter und drüber geht. Das ist übrigens kein Makel, sondern ein von wirtschaftlichen Kräften im Sinne der Verbesserung ihrer Anpassungsfähigkeit getriggertes Konzept in der VUCA-Welt, in der alles jederzeit und überall auf Zuruf schnell und gleichzeitig gehen muss. Uhren sind insofern heutzutage überflüssig, und zugleich sind sie schick. Das ist ein weiterer der bekannten postmodernen Widersprüche, die uns oft neue Freiheiten und zugleich neue Abhängigkeiten bescheren. Insofern gewinnen wir durch die Loslösung von der Veruhrzeitlichung und den Pünktlichkeitszwängen viel Freiheit und Flexibilität. Andererseits steigen die Anforderung an Selbstorganisation, an Koordination und Synchronisation. Viele können dies leicht festmachen an den Fluten von Messenger-Nachrichten, wer jetzt, wann und wo und dann doch wann anders kommt oder kurzfristig gar nicht (weinender Smiley) usw.

Die größte Schattenseite der neuen Kultur tragen kurioserweise viele wiederum am Handgelenk: Was heute oft dort getragen wird, das ist der Uhr in ihrer Unterwerfungsfunktion bereits jetzt um Längen voraus – und zeigt nebenbei auch noch die Zeit an. Die Fitness-Tracker wissen alles und noch viel mehr über ihre Träger*innen, vernetzen sie mit der Welt und kontrollieren und steuern sie auf Schritt und Tritt. Jederzeit und nicht nur wenn die Benutzer*innen draufschauen wie bei der guten alten Uhr, wo die Zeiger oder Ziffern den Fortgang der Zeit anzeigten. Und sonst nichts. Ganz analog meistens. Die digitalen Tracker ermöglichen es indes, uns in all unseren psychischen und physischen Details zu beobachten. Sie leisten vom Handgelenk aus einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zu dem Entfremdungstrend, dass wir uns tendenziell immer öfters in der dritten Person anschauen. Die neuen Dominatoren an den Handgelenken sind mit Smartphone, Alexa und anderen undurchsichtigen Vertretern der Digitalisierung verbunden. Zu allen Zeiten und an allen Orten ermöglichen sie uns die Ablenkung von uns selbst, denn sie arrangieren einen distanzierten Blick auf uns und lenken uns insofern vom Kontakt mit uns und der Welt über unsere menschlichen Sinne ab. Sie ersetzen uns die Sinne – auch jenen für die richtigen Zeiten und geben uns sogar Orientierungen über die – vermeintlich – rechten Zeitpunkte (z.B. für neue Aktivitäten der Selbstoptimierung durch Sport: Start jetzt!). Das Ende der Gehorsamskultur, wie sie uns Karlheinz Geißler in seinem lesenswerten und unterhaltsamen Buch diagnostiziert, wird abgelöst durch eine neue viel weitreichendere Gehorsamkeit. Die bezieht sich nicht nur auf Diktate der Zeit, sondern auf Diktate für unsere ganzheitliche Selbstoptimierung. Zu jeder Zeit und an jedem Ort. War es früher die Messung der Uhrzeit, die an unserem Handgelenk angezeigt wurde, so erfolgt heute von dort aus die nahtlose Vermessung unseres Selbst. Auf den ersten Blick schaut der Tracker allerdings aus wie eine Uhr. Raffiniert!

Angesichts dessen würde ich fast lieber die schöne alte Uhr behalten statt der schick verpackten Unterwerfungsmechanismen der durch Künstliche Intelligenzen gesteuerten Tracker. Das sind wahre „Aufspürer“, „Spürhunde“ oder technisch „Nachführeinrichtungen“ so die Übersetzungen von „Tracker“. Wer derart aufgespürt und nachgeführt werden will, der- oder diejenige legt sich diese neuen Fesseln der Unterwerfung und des absoluten Gehorsams ans Handgelenk. Wer es nicht will, greift zur guten alten Uhr und erfreut sich an der Zeit. Und das geht natürlich auch ohne Uhr. Insofern kann die Uhr gehen, wohin sie will. Hauptsache sie geht mit der Zeit. Und nicht gegen sie. Das erledigen einstweilen andere neue Unterwerfungsmaschinen, die uns (nicht nur) unsere Zeitsouveränität schwer machen. Wie schön wär’s doch mal ganz zeitlos

Go slow!

***

[1] Karlheinz A. Geißler: Die Uhr kann gehen. Das Ende der Gehorsamkeitskultur. Stuttgart, Hirzel-Verlag 2019 (zum Verlag)

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Kategorien: Zeitforschung

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