Die Wahrnehmung von Zeitknappheit und die damit einhergehende „Vordringlichkeit des Befristeten“ (Luhmann)[1] führen heute zu Beschleunigung, Zeitverdichtung, Vergleichzeitigung und Versofortigung. Diese „Zeitzeichen“ – so die grundlegende These – begünstigen das Modell des Lernens. Denn Lernen ist eine Form der (reflexiven) Aneignung von Zeit, indem es „Sinn“ zugänglich macht, der eine Verortung im Fluss der Zeit ermöglicht. Und (neuen) Sinn brauchen wir immer häufiger dann, wenn feste Referenzen beim Leben und Arbeiten – wie z.B. Religion, Lebensberuf, lebenslange Partnerschaft, organisationale Stabilität usw. – durch ein immer wieder neu zu komponierendes loses Geflecht unterschiedlicher Bezüge ersetzt werden. Zwar nennen wir uns angesichts der Dauerzumutungen dann gerne „flexibel“ und „agil“, dennoch bedeutet die ständige Veränderung, dass „Identität“ immer öfters neu (re-) konstruiert werden muss. Identität wird in der (temporär begrenzten) Markierung von Grenzen zu den als relevant eingeschätzten Systemen der Umwelt gewonnen. Wir erfinden uns an diesen Grenzen notwendigerweise immer wieder neu. Angesichts der Ablösung des Lebensberufes durch die Patchwork-Erwerbsbiografie und die der stabilen Unternehmen durch immer wieder neu konstruierbare virtuelle – natürlich agile! – Betriebsamkeit, wird diese Leistung immer häufiger gebraucht. Wir müssen uns immer öfters an Grenzen abarbeiten, um uns wieder und wieder unserer selbst zu vergewissern – und uns unseres Selbsts sicher sein zu können.

Die dafür notwendigen Entscheidungen brauchen Sinn. Der wird von Personen, sozialen Systemen und angeblich auch von Organisationen aus dem Lernen gewonnen. Wir „wissen“, warum wir entscheiden, wie und was wir entscheiden. Und dadurch machen wir uns auch die Zeit zugänglich. Wir werden uns der Zeit besser gewahr durch unser Lernen. Das liegt an der „verlangsamenden“ Wirkung der reflexiven Distanz, die das Lernen als Form „sich zu geben“ auszeichnet. Die Zeit des Gegenstandes der Reflexion nimmt durch die Zeitlichkeit des Reflexionsprozesses mehr Raum ein. Wenn ein Klient eine herausfordernde Führungssituation im Coaching bespricht, dann bekommt in der Reflexion das Thema Führung mehr Raum und mehr Zeit. Das beeinflusst unsere Wahrnehmung. Wir nehmen in der ganzen Hektik die Lernzeit als eine Möglichkeit wahr, Sinn und damit auch Zeit zu „gewinnen“. Wir gewinnen für uns neue Positionen „im Raum der Erkenntnis“ (Paul Virilio)[2] und dies hat Auswirkung auf unsere Möglichkeiten der Zeitwahrnehmung. Häufig gehen Führungskräfte, die anspruchsvolle Situationen besprochen haben, nach dem Coaching zeitlich deutlich gelassener in den Führungsalltag zurück – obwohl das Coaching zwei Stunden (ihrer sehr kostbaren Zeit) „gebraucht“ hat. Manche finden gar kein Ende im zeitlichen Biotop des Lernens.

Lernen bedeutet auch, einer dem Lernen vorgelagerten Gemengelage von Unentschiedenheit im Lernereignis selbst einen imaginären Wert entgegen zu setzen. Dieses „Lern-Ereignis“[3] wie auch der „imaginäre Wert“[4] erlauben die Bezeichnung dessen, was noch nicht entschieden ist so, als wäre es bereits entschieden. Im Coachingprozess werden beispielsweise unterschiedliche Handlungsoptionen durchgespielt. „Tun wir mal so als ob‘“ – was wäre dann (anders)? Das hat sachliche, soziale, und eben auch zeitliche Auswirkungen: einerseits bezogen auf das Lernereignis, das einen „geschützten Raum entschiedenen Simultanprozessierens zum Unentschiedenen“ (so habe ich das wirklich 1999 genannt ;-)) bereitstellt, den wir angesichts der turbulenten Hektik unserer Alltagserfahrung auch als neue Variante der selbstbestimmten Eigenzeit wertschätzen. Andererseits kommen wir durch den „imaginären Wert“ beim Lernen auch zu Vorstellungen zur Zeitordnung, die unser Lerngegenstand „braucht“ – und auch: die wir mit ihm brauchen. Wir genießen einerseits unsere Eigenzeiten beim Lernen und wir lernen andererseits etwas darüber, wie wir unsere Zeit mit dem Thema des Lernens (z.B. einer anspruchsvollen Führungssituation) künftig verbringen.

Dergestalt lernend finden wir letztlich eine „Sprache“ für das, was uns um– oder antreibt. Auch dadurch entwickeln wir ein (anderes) Bewusstsein von Zeit. Peter Hoeg hat das Gemeinte sehr schön in Sprache gebracht: „Zeitbewusstsein aber besteht aus dem doppelten Gefühl von Unveränderlichkeit und Veränderung. Es kann nur denen zugeschrieben werden, die es auch ausdrücken können. Und das ist nur möglich in Verbindung mit der Sprache, und nur der Mensch hat Sprache. Zeitgefühl und Sprache gehören untrennbar zusammen.“[5] Zeit und Lernen auch. Immer öfter. „Auch die Zeit selbst ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“ (Luhmann)[6] Lernen ist ein zeitlich bedeutungsvoller Unterschiedsgenerator. Lernen oszilliert zwischen Aneignung und Ablehnung: Wir sind innerlich hin- und hergerissen zwischen Unveränderlichkeit und Veränderung. Das bringt neue Unterschiede „zur Sprache“. Nachdem wir uns Zeit zum Lernen genommen haben, haben wir eine Sprache für das Gelernte, können den Sinn zum Ausdruck bringen und weiter nutzen. Das ist heutzutage ein hoher Nutzen bei dem ganzen sinnverdünnten Dauergewusel und -gequassel. Und der ist seine Zeit wert. Deshalb brauchen wir heute und „zeitlebens“ viel „Zeit zu Lernen“ (Orthey 2003).[7]

Und dabei lernen wir auch etwas über (uns und) die Zeit.

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[1] Immer wieder gerne zitiert von mir: Luhmann, Niklas: Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten. In: Die Verwaltung 1/1968, S. 3-30

[2] Virilio, Paul: Ästhetik des Verschwindens. Merve Verlag, Berlin 1986, S. 121

[3] Orthey, Frank Michael: Zeit der Modernisierung. Zugänge einer Modernisierungstheorie beruflicher Bildung. Hirzel Verlag, Stuttgart 1999 (mit umfangreicher CD-ROM-Version), S. 178ff

[4] Beides teilt Lernen mit gängigen Zeitbegriffen: „Und beides, das Ereignis wie auch der imaginäre Wert, haben darin ihren Sinn, dass sie das zu bezeichnen erlauben, was (noch) nicht entschieden ist.“ Vgl. Baecker, Dirk: Wozu Systeme? Kulturverlag Kadmos, Berlin 2002, S. 77f

[5] Hoeg, Peter: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Roman. München, Wien 1995, S. 266

[6] Luhmann, Niklas: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Frankfurt am Main 1995, S.82

[7] Orthey, Frank Michael: „Zeit zu Lernen.“ Gegenrede. In: Grundlagen der Weiterbildung, 6 (2003), S. 277 – 280

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Falls Sie Zeit (und Lust!) haben, etwas über Zeit und „Zeitzeichen“ zu lernen, dann können Sie diese für kleine Lektüren in meinem neuen „ABC unserer Zeit“ nutzen. Dort finden Sie Texte und Impulse für gute Zeiten, z.B. zu den Stichworten: Abschluss – Anfang – Augenblick – Auszeit – Beschleunigung-  Chillen – Dauer – Eigenzeit – Eile – Endlichkeit – Entschleunigung – Ewigkeit – Fastenzeit – Gelassenheit – Hektik – Knappheit – Langeweile – Langsamkeit – Moment – Muße – Naturzeit – Pause – Qualitätszeit – Rasten – Rituale – Schnelligkeit – Sofortness – Sommerzeit – Stau – Takt – Rhythmus – Trödeln – Uhr – Unterbrechung – Urlaubszeit – Vergleichzeitigung – Warten – Weile – Wiederholung – Zeitfenster – Zeitfresser – Zeitmanagement – Zeitmangel – Zeitverlust – Zeitwohlstand – Zukunft – Zwischenzeit.

Gute Zeiten!

ZEITZEICHEN

Ein ABC unserer Zeit.

ISBN 978-3-7504-3216-1

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