Viele Zeiten begleiten uns übers Jahr. Es sind ganz persönliche, wie beispielsweise Arbeitszeiten, Frei- und Urlaubs- oder Reisezeiten. Oder es sind solche, die gesellschaftlich, kulturell oder von einer Religion her gewidmet sind, wie die Ferienzeit, die Karnevalszeit, die Fastenzeit oder der Ramadan. Eine besonders herausragende Rolle spielt hierzulande die Weihnachtszeit. Sie wird – im Vergleich zu anderen Zeiten – noch sichtbarer, noch spürbarer und (für viele leider auch) hörbarer zelebriert und in Szene gesetzt. Dass seit einigen Jahren dabei ihre zeitlichen Begrenzungen, die klassischerweise vom Kirchenkalender markiert sind, verschoben werden, steht nicht nur für allgegenwärtige Entgrenzungserscheinungen, sondern ist auch ein Indiz dafür, dass die Weihnachtszeit besondere Bedeutung hat. Das haben nicht nur Discounter entdeckt, die spätestens im Frühherbst Lebkuchen anbieten. In diesem Jahr haben wir eine besonders kurze Adventszeit. Oh Gott (für alle die bei Weihnachten überhaupt noch an so was wie Gott denken)! Das erhöht für viele den Stress in der Vorweihnachtszeit, die im christlichen Sinne als Adventszeit eine Zeit des Wartens, eine Zeit der Erwartung der Geburt Jesu Christi ist. Es ist eine Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten. Diesmal also besonders kurz. Dabei ist sowieso gegen Jahresende viel zu tun. Von Berufs wegen und auch privat. Mal ganz abgesehen von den Besorgungen, die das herannahende Weihnachten für viele mit sich bringt. Und dem, was das Ritual sonst noch braucht, damit wir es in festlichen Rahmen und angemessen geschmückt und behängt begehen können.

Und dann hören wir noch von allen Seiten die Wünsche nach Besinnlichkeit. Und irren wie von Sinnen durch die hektischen Großraumbüros (mit Adventskranz!), die virtuellen Welten und stolpern über Weihnachtsmärkte und im Kaufrausch durch die Konsumtempel. Und landen in Zuständen völliger Besinnungslosigkeit – und damit meine ich nicht die Glühweindämmerung, sondern diejenigen inneren Zustände, die entstehen, wenn keine Zeit für nichts mehr scheint. Diese Zustände werden ja in diesem Jahr durch die ständigen Verlautbarungen zum ach so kurzen Advent zusätzlich dauerbefeuert. Getrieben von den vielen vermeintlichen Notwendigkeiten und noch mehr verlockenden Möglichkeiten, verlieren wir den Kontakt zu uns selbst – und damit zu dem, was (den) Sinn macht. Die Besinnungslosigkeit wird durch die ständigen medialen und kommunikativen Hinweise und Ablenkungen aber auch durch vom Ereignis entkoppelte Ästhetisierungen und Folklorisierungen forciert, beispielsweise durch die Musikauswahl der Radiosender oder durch überverkitschte Bilder von dem, was wir für Weihnachten halten. Und so taumeln wir besinnungslos dem Fest entgegen, damit die Bilder, die viele von Weihnachten zeitlebens mit sich herumschleppen, hoffentlich bald wieder mal Wirklichkeit werden. Unterm Baum im Kreise der Lieben und so. Mit der jährlichen „schönen Bescherung“ und dem üblichen Familienstreit am zweiten Festtag, der in diesem Jahr allerdings vermieden werden soll. Soviel ist sicher – das ist jedenfalls die jährlich wieder aktivierte Hoffnung.

Aber jetzt schnell weiter, noch dies und das besorgen, abschließen, erledigen. Manch eine/r hat sich indes bereits ein bisschen besonnen und widmet sich der Familie und den Freunden, schenkt nix, sondern spendet. Leicht ist es allerdings nicht, sich der vorweihnachtlichen Dynamik der Besinnungslosigkeit zu entziehen – und sich tatsächlich so zu besinnen, damit Weihnachten gut kommen kann. Und dann auch „Sinn macht“. Zu erdrückend ist die Macht der Bilder und Töne und der eigenen und der an uns von außen gerichteten Erwartungen nach einem schönen und friedlichen, einem (ja!) „besinnlichen“ Weihnachten. Dass das schön und besinnlich werden soll und muss, das ist angesichts der ganzen Gewalt-, Kriegs- und Terrorismusgräuel und anderer Enthemmungen um uns herum ja bitte auch klar – oder? Hohe Erwartungen also an Besinnlichkeit – bei aktueller Erstarrung in hyperaktiver Besinnungslosigkeit.

Was aber kann das heißen: sich besinnen?

Es könnte bedeuten innezuhalten – und „in sich“ zu gehen. Sich anzuschauen mit allen Sinnen – nicht bloß rational nachzudenken, sondern sich auch zu erhören, zu erfühlen, zu erspüren. Damit das gehen kann, braucht es geschützte Räume. Mitten in dem reizüberflutenden Besinnungsgedudel fällt es schwer, zur Besinnung zu kommen. Ruhe, Stille, eine ungestörte und abgegrenzte Zeit, vielleicht ein inspirierender, nicht ablenkender Ort – das könnte der ersehnten Besinnung einen guten Rahmen geben. Fern von der Pseudobesinnlichkeit der Weihnachtsmärkte und ähnlicher das geschundene Herz berührender substanzverdünnter Inszenierungen. Die dort ansetzende vermeintliche Besinnlichkeit hat manchmal auch was mit Alkohol zu tun und mündet in nicht ganz seltenen Fällen in Zuständen tatsächlich körperlicher Besinnungslosigkeit. Ganz anders könnte jedenfalls die abgeschiedene Stille eines halbdunklen Kirchenraumes oder eines Waldweges wirken. An solchen Orten könnte es gelingen, sich Zeit zu nehmen und/oder zu geben für Besinnliches: Für die innere Einkehr zum Kern der eigenen Person, den Werten, die mich ausmachen und dem, was mich auszeichnet, was mich leitet in meinem Sein und Tun, zu dem, was mich so besonders und einzigartig macht, die Einkehr zum eigenen, heute so wenig gefragten und manchmal auch ver- und bekümmerten Fühlen, Ein- und Mitfühlen – insbesondere zu und mit sich selbst. An solchen Orten könnte es gelingen, sich Zeit zu nehmen für das Hören auf die eigenen Bedürfnisse, Anliegen und Sehnsüchte. Das Spüren und Fühlen von Widersprüchen und Ambivalenzen, die mich plagen und manchmal auch quälen. Die vermutlich aber vor allem gesehen und gehört werden wollen, denn sie verbergen oft Energie und Kräfte: Unterschiede, die verbunden werden können zu Neuem und Anderem, Differenzen, die es sich zu bilden lohnt, weil sie Bildungswerte haben. Besinnung ermöglicht es auch, freundlichen Kontakt zu dem aufzunehmen, was uns sonst zu beschwerlich erscheint. Besinnung, das ist auch die Zeit, um zu erforschen, was mir nicht schmeckt – und auch dessen, was mir stinkt. Und was daran auch gut ist – und was ich gut sein lassen kann.

All das und vieles mehr kann uns die Besinnung zugänglich machen. Das braucht manchmal eine Rückbesinnung auf Vergessenes und Vergangenes, auf Untergegangenes, aus dem Blick geratenes. Und es ermöglicht gelegentlich eine Umbesinnung auf Wesentliches. Und es ermöglicht Abschied von solchen Sinnzuständen, die mir eingesickert waren, und deren Sinn bei genauem Hinsehen für mich fragwürdig und wenig hilfreich ist. Besinnlichkeit heißt, genauer Hinschauen auf sich selbst – genauer noch als wir das in den für viele Menschen nicht unüblichen „Reflexionsschleifen“ unterjährig tun. Wenn ich mich so auf mich besonnen habe, dann kann ich mich fragen: Was löst dieser Zustand der innehaltenden Ruhe der (sogenannten) Besinnlichkeit bei mir aus? Was ermöglicht er mir zu denken und zu fühlen? Um sich dann auch zu fragen, was denn ein Nutzen für mich sein könnte – und zwar auch in solchen Zeiten, die sicher keine „Besinnlichkeit“ erlauben. Die kommen vermutlich schneller wieder, als uns lieb ist. Spätestens nach der Zeit „zwischen den Jahren“, im neuen Jahr, das garniert mit den ganzen Vorsätzen vor uns liegt und mit dem Reiz des Zukünftigen und neuer Möglichkeiten blendet, drohen wieder Überfälle, die uns in die Besinnungslosigkeit treiben.

Aber ich möchte uns die Besinnung, die da gerade womöglich Kontur anzunehmen begann, nicht zerstören. Das ist nicht der Sinn dieses vorweihnachtlichen Textes. Deshalb besinne ich mich auf den roten Faden und das nahende Ende des Wartens. Und auf die aufkeimende freudige Erwartung des von vielen so genannten „Festes der Liebe“. Die Vorbereitung auf diese Botschaft, die für uns ganz persönlich hinter diesem ursprünglich christlichen Zugang steht, kann von (der Wiederentdeckung) der Besinnlichkeit genährt werden. Und diese kann sehr wohl auch von Elementen der – heute oft geschmähten – Wiederholung profitieren. Denn Menschen schätzen Sicherheit und sie lieben bestimmte Rituale. Auch wenn sie manchmal etwas überkandidelt und verkitscht erscheinen. Wenn es denn dazu dient, dass uns warm ums Herz wird, dann macht das Sinn – und manchmal eben auch Besinnung. Denn Besinnung heißt auch, sich zu erwärmen – für sich selbst und für andere. Das kann über vorweihnachtliche Rituale gefördert werden, die beim Plätzchenbacken beginnen, über Weihnachtsmärkte zum Tannenbaum holen und schmücken gehen und im immer gleichen Weihnachtsessen und in der Dämmerung der Christmette enden. Auch, wenn wir das ganz schick heute schnell zu kitschig finden wollen, haben solchen Wiederholungen einen stabilisierenden Wert. Wem das zu langweilig ist, dem sei das Konzept der „Wiederholung mit Variation“ nahegelegt. Das Rituelle, das Geschätzte mit kleinen Veränderungen zu beizubehalten, das wirkt stabilisierend und lebendig zugleich. Singen Sie halt mal was anderes, oder variieren das Weihnachtsmahl – oder versuchen es mit einem anderen Verständnis von „Verschenken“. Oder schauen sich an, wie andere Kulturen oder Religionen diese Zeit begehen. Könnte ja auch interessant sein. Um dann gemeinsam zu feiern. Versuchen Sie mal eine kleine Variation.

Und sich dabei selbst nicht vergessen – sich darauf zu besinnen, das wären ganz gute Voraussetzungen dafür, dass Weihnachten ein Fest der Liebe werden kann. So war’s ja mal gedacht.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen besinnliche Zeiten vor und zu Weihnachten!

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Kann zur Förderung der Besinnlichkeit dienen: Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware.

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