Der aktuellen Corona-Krise wird seitens der politischen Steuerungsinstanzen mit zeitlichen Mitteln begegnet. Die ergriffenen Maßnahmen dienen dazu, den Verlauf der Infektionen zeitlich auszudehnen, um eine Überforderung des Gesundheitssystems zu verhindern. Nur so lassen sich die gesundheitlichen Folgen für die Infizierten, aber auch für die Wirtschaft und für das gesellschaftliche Leben einigermaßen beschränken. „Es geht um das Gewinnen von Zeit.“ So Bundeskanzlerin Angela Merkel am vergangenen Freitag. Und der Gesundheitsminister: „Je langsamer es geht, desto besser können unsere Ärzte reagieren.“

Die Zeit soll es also richten. Bislang wurde sie eher mit Beschleunigungs- und Vergleichzeitigungshoffnungen und -optionen besetzt und genutzt. Immer schneller und immer mehr gleichzeitig sollte möglich sein. Das war das vermeintliche Erfolgsmodell angesichts sich rasant verändernder Umweltanforderungen. Und nun geht’s mit Corona noch rasanter zu in einem „dynamischen Ausbruchsgeschehen“. Und dann: Verlangsamung als Reaktion. Jetzt mal langsam! Das verwirrt viele ZeitgenossInnen. Sozialisiert auf immer mehr Beschleunigung und Vergleichzeitigung, sind sie irritiert durch die Entschleunigungsinterventionen, die ab heute noch mehr unser Alltags- und Arbeitserleben bestimmen werden. Jetzt geht’s schnell und immer schneller hinein in die kontinuierliche Verlangsamung des gesellschaftlichen, des sozialen und des individuellen Lebens. Die derart zwangsentschleunigten ZeitgenossInnen sitzen nun zuhause und kommen mal wieder zu dem, was so lange liegengeblieben ist angesichts der bislang orts- und zeitüblichen Dringlichkeitsdynamik – und sie kommen dabei auch mal wieder – das jedenfalls ist zu hoffen – zu sich selbst. Sie machen sauber, räumen auf, schaffen Ordnung in den entstandenen Unübersichtlichkeiten, die sich aller Orten in Kleiderschränken, Kellern und PC-Untiefen angehäuft haben. Zeit ist jetzt ja zur Abwechslung mal genug da. Das verwirrt offenbar einige so stark, dass sie sich die Zeit mit der Inszenierung von fake-news und anderen Schrägheiten im Netz vertreiben. Die Kinder, die zuhause bleiben müssen, haben in ihrem ganzen Bildungshunger eben den „Schule daheim“-Server zum Absturz gebracht. Sehr brav. Unser Leben kommt in ungeahnte Schräglagen. Und dazu gehören auch unübliche, ungewohnte, vergessene, zu kurz gekommene und neue oder noch neu zu erfindende zeitliche Ordnungen. Das ist aus einer Zeitforschungsperspektive das Interessante und ja auch: die Ressource dieses eben in Bayern ausgerufenen Katastrophenfalls. Die Wahrnehmungen der Zeit ändert sich: Was bis vor einigen Tagen noch ungesehen vorbeiraste, ist nun nahezu zum Stillstand gekommen, wird dadurch sicht- und erkennbar, gewinnt (andere) Konturen und es braucht andere Umgangsformen und wird anders bewertet. Die Zukunft ist nicht mehr die Fortsetzung der Gegenwarten unter den Bedingungen dessen, was uns die Algorithmen so unterjubelten. Das, was jetzt ins Haus steht, hatte uns jedenfalls kein Einkaufsalgorithmus so vermittelt oder anempfohlen. Da scheint noch Luft nach oben zu sein bei den künstlichen Intelligenzen. Jedenfalls schaut nicht nur die Gegenwart gerade völlig anders aus, auch die Zukunft hat ihre Bilder verändert. Sie blendet nicht mehr mit Verheißungen und immer mehr neuen Möglichkeiten. Ihre Füllstandsanzeiger sind allesamt abgestürzt, einschließlich des Leitindex. Eine Zukunft mit weniger statt mehr Möglichkeiten. Ist es denn die Möglichkeit? Da kommt Mann und Frau ja ganz durcheinander. Diese Umkehrung bekannter Muster führt eher zur (Rück-) Besinnung. Auch dafür ist Zeit nicht nur da, sie ist auch reif dafür. Innehalten, die Gegenwarten neu ordnen und die Zukünfte neu denken und entwerfen. Einschließlich der sonst gerne verdrängten Endlichkeit. Auch um darüber nachzudenken, ist endlich mal wieder Zeit.

Gute Zeiten mit Gesundheit und Gelassenheit.

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Für diejenigen, die Lust haben, diese Zeit mit Lesen zu füllen, gibt es die „Zeitzeichen“, mein neues „ABC unserer Zeit“. Dort finden Sie Texte und Impulse für gute Zeiten, z.B. zu den Stichworten: Abschluss – Anfang – Augenblick – Auszeit – Beschleunigung-  Chillen – Dauer – Eigenzeit – Eile – Endlichkeit – Entschleunigung – Ewigkeit – Fastenzeit – Gelassenheit – Hektik – Knappheit – Langeweile – Langsamkeit – Moment – Muße – Naturzeit – Pause – Qualitätszeit – Rasten – Rituale – Schnelligkeit – Sofortness – Sommerzeit – Stau – Takt – Rhythmus – Trödeln – Uhr – Unterbrechung – Urlaubszeit – Vergleichzeitigung – Warten – Weile – Wiederholung – Zeitfenster – Zeitfresser – Zeitmanagement – Zeitmangel – Zeitverlust – Zeitwohlstand – Zukunft – Zwischenzeit.

Gute Zeiten!

ZEITZEICHEN

Ein ABC unserer Zeit.

ISBN 978-3-7504-3216-1

€ 19,99 [D] incl. MwSt.

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Kategorien: Zeitforschung

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