Was „Krise“ tatsächlich bedeutet, das können wir in der Corona-Krise erleben. Da wurden die bisher kursierenden Krisenszenarien Lügen gestraft. Denn diese Krise ist nicht die Krise eines Systems oder eines Teilsystems, sondern sie überschreitet nahezu jede Systemgrenze: Gesundheitssysteme, Staaten- und Gesellschaftssysteme, Wirtschaftssysteme, profit- und non-profit-Organisationen, soziale Systeme wie Familien und Personen sind betroffen – und diese Betroffenheit ist mit anderen Systemen in komplexer, kaum zu verstehender Art und Weise vernetzt. Diese Krise entgrenzt sich permanent selbst. Auch, wenn die Grenzen dichtgemacht wurden, wächst sie ständig über sich selbst und über alles andere hinaus. Diese Krise ist nicht „nur“ eine Wirtschaftskrise oder eine Gesundheitskrise. Sie ist alles und – wie sich permanent zeigt – noch viel mehr. Diese engtrenzten und enthemmten Auswirkungen, das, was jederzeit und an jedem Ort alles und noch viel mehr sein kann, wirkt verstörend. „Es ist nicht nur die Gesellschaft, die sich schwankend anfühlt.“ So der britische Philosoph John Gray. „Auch die Stellung des Menschen in der Welt tut es.“ Das macht die Besonderheit dieser Krise aus: Sie scheint die Grundlagen des Daseins der Menschheit zu berühren. Zudem breitete sie sich auch mit zeitlich völlig unklaren Auswirkungen aus. Wie lange gelten die Einschränkungen noch? Wann kann wieder normal gearbeitet werden? Wann wird die Wirtschaft wieder anspringen? Üblicherweise werden Krisen als „zeitlich begrenzt“ definiert. Das ist hier ziemlich sicher auch der Fall, aber es ist nicht klar, um welchen Zeithorizont es sich handelt: Wochen, Monate, Jahre? Die Zukunft war bisher etwas, das uns gestaltbar erschien. Diese Illusion befeuerten wir, indem wir Pläne machten und dadurch die Zukunft für machbar und wahrscheinlich hielten. Jetzt aber stellt sich die grundsätzliche Frage, ob es überhaupt noch eine Zukunft gibt. Auch die Zukunft ist heruntergefahren. Die besorgte Frage vieler Menschen ist, ob es für eine Zukunft, die wir uns ausmalen, planen und dann gestalten, einen wirkungsvollen Reset gibt. Viele Menschen wähnen sich insofern in einer Zeitenwende.

Krisen kommen meist plötzlich und unerwartet. Diese hier kam mit Ansage, aber dann umso heftiger. Kaum einer wollte es wohl glauben. Vielleicht hatten auch Selbstberuhigungsroutinen dazu beigetragen, dass die sich abzeichnende Krise nicht so ernst genommen wurde, wie es ihr angemessen gewesen wäre. Aber auch das gehört zu Krisen: im sogenannten Vorfeld werden sie oft klein- oder schöngeredet, auch von Menschen in verantwortlichen Positionen, die sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen wollen, die um ihren Ruf und allzu viele nicht zu beantwortende Fragen fürchten oder die eigene Ängste ruhigstellen möchten. Das wird in Krisen-Modellen als „Phase des „Nicht-wahrhaben-Wollens“ beschrieben.

Und dann ist sie doch da, die Krise – obwohl sie eigentlich schon längst da war – und ja, in diesem Sinne, weil sie zuvor ausgeblendet wurde, kommt die Krise „plötzlich und unerwartet“. Sie wurde vorher nicht als Krise beobachtet. Jetzt wird in den Krisenmodus umgeschaltet. Und das ist heftig – ein Sinneswandel, wie er kaum zu glauben ist. Selbst Herr Trump konnte es nicht fassen, er hatte es nicht geglaubt. Und machte dann die Grenzen dicht. In dieser „Phase der aufbrechenden, chaotischen Emotionen“, so wird das Geschehen (hier von Verena Kast 1982/2013) modellhaft genannt, geht es drunter und drüber – emotional: Schmerz, Wut, Zorn, Freude, Angst vor Leben und Tod, Suche nach Schuldigen oder auch Selbstbeschuldigungen, das Gefühl, sich zusammennehmen zu müssen gemischt mit der verzweifelten Frage: Warum ich? All das beschäftigt die Personen, die das Geschehen als Krise beobachten oft gleichzeitig. Das ist schwer auszuhalten, auch nachts, denn dann wird oft nicht mehr geschlafen, sondern gegrübelt, was die Krisenbeobachtungen eher weiter befeuert. Dies „Chaos der Emotionen“ auszuhalten und nicht zu verdrängen, ist herausfordernd, aber umso notwendiger, denn es ist die Voraussetzung, um die Krise bewältigen zu können. Auch Menschen in Positionen, die rollengemäß angehalten sind, „Krisenmanagement“ zu betreiben, sind ja selbst emotional betroffen, spüren das emotionale Chaos in sich selbst. Und sollen doch wohlüberlegt, angemessen und souverän reagieren. Das kann nur gelingen, wenn die eigene Resilienz gut ausprägt ist, wenn es gelingt, angesichts der kaum auszuhaltenden Belastungen auf eigene Ressourcen zurückzugreifen und den Mindset umzustellen von „Gefahr“ auf „Chance“. Dass Krisen auch Möglichkeiten freisetzen, die es ohne sie nie gegeben hätte, das zeigt die Corona-Krise sehr eindrucksvoll, beispielsweise in neuen Formen und Qualitäten von Solidarität. In China wird übrigens der Begriff Krise durch zwei Schriftzeichen dargestellt, die die Bedeutung von Gefahr (wie) und Chance/Gelegenheit haben (ji).

Diese Umstellung von „Gefahr“ auf „Chance“ ist der Wendepunkt, um in eine „Phase des Suchens, Findens, und Sich Trennens“ (Kast) übergehen zu können. Jetzt kann das Geschehen akzeptiert werden, es wird wieder (Eigen-) Verantwortung übernommen und der Sinn der Einschränkung, des Verlustes oder der Krankheit wird einsichtig. Oft stellt sich hier auch wieder Zufriedenheit, Freude und Erleichterung ein. Dies ist Voraussetzung, um „neuen Selbst- und Weltbezug“ (Kast) entwickeln zu können, also sich Neuem zu öffnen, Altes loszulassen, sich neue Orientierung und Werte zu erschließen und neues Verhalten und Erleben zu testen. Indizien zum Übergang in diese Phase sind in den letzten Tagen zunehmende Verlautbarungen, die zu erkunden beginnen, was aus der Krise denn gelernt werden kann. Und mit welchem (neuen) Zweck und Nutzen.

Der entscheidende Punkt ist derjenige, an dem bei Betroffenen der Mindset von „Gefahr“ auf „Chance“ umgestellt werden kann. Aber auch jetzt in dieser Phase der Neuorientierung wird’s nochmal richtig anstrengend und manchmal auch kritisch, weil es darum geht, begonnene Entwicklungen, die ja der künftigen „Krisenfestigkeit“ dienen sollen, so zu gestalten, dass sie konsequent verfolgt und nachhaltig umgesetzt werden können. Wenn das gelingt, dann können Krisen schöpferische Prozesse freisetzen und sein.[1]

„Ich krieg‘ die Krise“ lautet ein flapsiger Jugendspruch. Da beginnt’s bei manchen schon zu „kriseln“. Jenseits solcher verfremdenden oder verharmlosenden Alltagssprachlichkeit werden Krisen von folgenden Aspekten bezeichnet.

  • Aufgrund einer sich meist schon lange abzeichnenden Funktionsstörung eines (Teil-) Systems kommt es zu einer Eskalation, die plötzlich nicht mehr begreif- und handhabbar erscheint. Das jeweilige System (Personen, Organisationen, Gesellschaften usw.) „stürzt in eine Krise“.
  • Krisen sind Störungen, die dazu führen, dass das gesamte Leben sich auf ein Problem hin zu verdichten scheint. Der Beobachtungsblick verengt sich angesichts der Massivität der Wahrnehmungen und deren emotionaler Wirkung.
  • Die Betroffenen erleben Angst, Panik, Hilf- und Ausweglosigkeit. Sie fühlen sich in ihrer Identität und Kompetenz – oft existentiell – bedroht. Ihre Problemlösungs- und Entscheidungsfähigkeiten sind angesichts der Krise ausgereizt und überfordert.
  • Zugleich gibt es keine Flucht- und Entzugsmöglichkeit.
  • Diese Gleichzeitigkeit von Machtlosigkeit und nicht gegebener Entzugsmöglichkeit führt oft zur Lähmung, zum Kontrollverlust und zu Haltlosigkeitserfahrungen. Die psychische Belastung ist kaum zu ertragen.
  • Menschen, die sich in einer Krise befinden, ziehen sich oft zurück, um sich auf sich selbst und das Problem konzentrieren zu können. Das führt zu sozialer Isolation. Im Falle der Corona-Krise wurde diese Tendenz durch die Ausgangsbeschränkungen und die Home-Office-Formen zusätzlich befeuert.
  • Stimmungslagen zwischen Depression und Aggression dominieren die Gefühle, die zudem oft widersprüchlich daherkommen. Und das ist richtig anstrengend: widersprüchliche Gefühle gleichzeitig auszuhalten.
  • Die Krise (Griechisch: krisein (Verb): „scheiden, trennen, entscheiden“) verweist auf einen Wendepunkt.[2]
  • Krisen erfordern – oft kurzfristige und schnell geforderte – Entscheidungen bei gleichzeitig nicht vorhandenen Entscheidungsgrundlagen durch fehlende, unvollständige oder verfälschende Informationen. Erfahrungen mit der Krisensituation sind nicht vorhanden, eine Entscheidung aber nötig. Die Entscheidung kann dabei zu einem Wendepunkt oder zur Verschlimmerung der Krise führen. Entscheidungsträger sind durch diese Gemengelage von Unwägbarkeiten oft in hohem Maße verunsichert.

Wie wir in Corona-Zeiten erfahren, sind Krisen auch Beschleuniger zum Entschleunigen. Diese Verlangsamungen als eine Variante der Chancenseite von Krisen ermöglichen neue Ein- und Aussichten – und auch neue Verhaltens- und Handlungsmöglichkeiten.

„Krisen sind vorübergehende Zustände. Man muss die Hoffnung nicht aufgeben.“ (Luhmann 1997, S. 1116)[3]

Was danach kommt, das ist Katastrophe. Oder eine neue krisenfestere Ordnung.

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Jesus starb am Karfreitag am Kreuz. Gottverlassen, wie es auch ihm selbst scheint. Dabei kommt er den Menschen nahe, die verzweifelt sind und werden. Die Botschaft dieses vermeintlichen Verlustes macht Hoffnung, denn es folgt ihm Auferstehung, Erlösung und Vergebung. „Fürchtet euch nicht“ – so lautet eine der österlichen Kernbotschaften. Das wäre eine gute Basis, um die Chance in der Krise zu sehen: als eine Chance für die Menschheit.

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[1] Diesen Zusammenhang betont Verena Kast, die auch die zitierten Phasen am Beispiel der Trauerkrise benannt hat: Kast, Verena: Trauer. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses. Kreuz-Verlag, Freiburg im Breisgau. 35. Gesamtauflage (Neuauflage) 2013

[2] Vgl. grundlegend: Bünder, Peter: Krise. In: Wirth, J.V./Kleve, H. (Hrsg.) Lexikon des systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie. Carl Auer Verlag, Heidelberg 2012, S. 234 – 236

[3] Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997, zweiter Teilband

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Kategorien: Gesellschaft

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