Ich mag Espresso. Er begleitet mich durch viele Zeiten. Der Tag beginnt nie ohne einen. Der zweite folgt beim Frühstück. Dann als Einstieg in den Bürotag ein weiterer. Pausen begleitet er rituell – und zwischenzeitlich darf einer auch schon mal bestimmte Arbeitstätigkeiten verschönen. Das geht schon lange Zeit so – obwohl ich ein Kind der Filterkaffeekultur bin, den ich lange nicht angerührt und schließlich dann doch getrunken habe, um nach Nächten mit wenig Schlaf doch mal wachzuwerden. Bekömmlich war er nie für mich. Zudem mit begrenztem Genuss versehen. Im Gegensatz zum Espresso, den ich wohl in den 1990-er Jahren bei mehreren Reisen durch Italien schätzen und lieben gelernt habe. Er schmeckt mir seither immer wieder ausgezeichnet, ich liebe es, daran zu riechen und zu nippen – und ich vertrage ihn auch gut. Zu allen Tages- und Nachtzeiten. Die Zeiten mit Espresso sind besondere Zeiten. Sie drücken für mich etwas aus, ein Gefühl, eine Bedeutung, eine (Zeit-) Form. Diese Zeiten liegen damit nahe am Wortstamm esprimere (= ausdrücken). Espresso drückt für mich ein Gefühl aus, gibt einer Bedeutung einen ästhetischen, olfaktorischen und gustatorischen Ausdruck. Ja, und damit auch einen zeitlichen. Immer wieder wurde und wird der Espresso als ein schnelles Getränk diskreditiert, manchmal weil falsche etymologische Bedeutungen des Wortstammes hinzugezogen werden – oder weil er lautmalerisch zu nahe dran ist am Express. Espresso ist hingegen für mich ein Getränk, das der Zeit einen bestimmten Ausdruck verleiht, der zwei Seiten umfasst: diejenige der Verlangsamung und Beruhigung und diejenige der Belebung – und manchmal auch der Beschleunigung. Günstigstenfalls spüre ich, dass ich Lust auf einen habe, freue mich darauf, gehe hinunter und bereite ihn zu, nehme ihn mit ins Büro (oder je nachdem nach draußen für eine Pause) und genieße die Zeit des Genusses. Um danach mit neuer Energie weitermachen zu können. Espresso, das ist für mich ausdrücklich 😉 kein „Kaffee-Schnelldienst“[1]. Um 1900 in Mailand aufgekommen und nur am Tresen serviert, hat der Espresso – wie die meisten anderen Lebensmittel auch – eine Beschleunigungskarriere hinter sich. Zumindest, was die Zubereitung angeht. Der „caffè“ – so bestellen ihn die Italiener – hat es über die rein manuelle Zubereitung, über kunstvolle und repräsentative Maschinen, die zur Espresso-Ästhetik irgendwie dazugehören in bestimmten Kreisen, bis hin zur Verdichtungsform in Pads und ökologisch bedenklichen Plastikkapseln, die schnell mal genommen und flott zubereitet sind, gebracht. Ohne lästiges Säubern der Maschine. Denn das würde ja alles viel zu lange dauern. Klassischerweise dauert eine Espressozubereitung ca. 25 Sekunden. Die Verkostung kommt mit einer Sekunde oben drauf (bei mir dauert es länger). Macht 26 Sekunden (plus). Für Beschleunigungsfans geht da noch was mit Blick auf das etwas windschiefe Verhältnis von Zubereitung und Trinken. Deshalb kaufen sie vermutlich schnelle Zubereitungsportionierungen. Oder bestellen – geht’s noch? – einen „espresso to go“? Gipfel des Vergleichzeitungswahns. Meine Empfehlung für Gehetzte: einen caffè ristretto nehmen mit nur 2/3 der üblichen Wassermenge. Da werden Sie geholfen. Und zwar ganz schnell. Müßiggänger mit Filterkaffeebiografie neigen gelegentlich zum caffè lungo und erhalten dafür einen Espresso mit verdoppelter Wassermenge. Wie Filterkaffee, nur bekömmlich. Jede/r bitte wie sie oder er es mag. Nur Teeliebhaber*Innen – ich bin mit einer verheiratet – sind mit der wunderbaren Form, belebendes Koffein zu verinnerlichen kaum zu locken. Manche sagen, Tee ziehe und Espresso drücke. „… etwas aus“ – ergänze ich an der Schwelle zur Grundsatzdiskussion über Getränkekulturen. Diese verlockende Spur verfolge ich jetzt nicht – sonst brauche ich zu viele Espressi.[2]

Ich komme vermutlich auf 6 – 8 Tässchen am Tag und stehe damit den Italienern statistisch gesehen kaum nach. Auch unterwegs, manchmal sogar im Auto oder immer in der Seminarpause, in Situationen also, wo die üblichen Rituale anders sind als in der häuslichen Büroidylle, gefällt mir die Zeit mit meinem Espresso. Womöglich sprechen Geruch und Geschmack diejenigen Gehirnzellen an, die für positives Gefühlserleben zuständig sind und flugs Vernetzungen zu schönen Erfahrungen herstellen, die dann entlastend und beruhigend wirken. Damit bekommt der Espresso-Moment – selbst wenn drumherum die Zeiten und andere Aufregungen toben – etwas Beruhigendes und Belebendes zugleich. Die Zeit hält einen Augenblick inne, so scheint es mir gelegentlich. Ich komme in diesem besonderen Hier-und-Jetzt zur Ruhe und bin dann belebt für Anderes, Neues. Mein Espresso, das ist für mich ausdrückliche Zeit in ihrer Widersprüchlichkeit von Innehalten und Fortschreiten. Aktuell genieße ich ihn gerne an einem gerade errichteten Outdoor-Tresen mit Blick auf die oberbayerische Wiesen- und Waldlandschaft und den Wallberg. Eine Zeit für mich. Eine kurze nur, aber eine für mich sehr wirkungsvolle. Ich brauche jetzt mal einen caffè. Und dann lese ich nochmal durch, was ich zum Espresso so geschrieben habe.

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[1] Vgl. zu diesem Aspekt der Beschleunigung unseres Alltagslebens: Geißler, Karlheinz A.: Alles Espresso. Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung. S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2007.

[2] Vgl. auch den lesenswerten Beitrag über den Espresso in der Kolumne „Getränkemarkt“ im Süddeutsche Zeitung Magazin (Heft 12/2019 vom 21. März 2019, S. 38) von Tobias Haberl: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/getraenkemarkt/espresso-kaffee-getraenke-87019

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Kategorien: Zeitforschung

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