„Zeit – zur Sprache gebracht“. Unter diesem Titel habe ich in diesem Blog Aspekte der Beziehungen von Zeit, ihrer Wahrnehmung, Wirkung und Sprache skizziert. Seither ist viel Zeit ins Land gegangen – und viel Sprache. Nebst des ständig zunehmenden Sprachmülls, der allmählich die individuellen Entsorgungskapazitäten überfordert. Auch der sprachliche Symbolvorrat, mit dem wir uns zeitlich zum Ausdruck bringen, hat sich weiterentwickelt. Einiges ist stabil geblieben oder ist sprachlich fix inventarisiert worden. Insofern ist es üblich geblieben, von „Zeitfenstern“ zu sprechen – und danach zu suchen. Auch „Zeitfresser“ gibt es offenbar noch immer – trotz der unentwegten Versuche sie durch mehr und besseres „Zeitmanagement“ zu bekämpfen. Und das doch bitte möglichst „zeitnah“ – darüber hat mein timesandmore-Kollege Karlheinz Geißler gerade viel Anregendes geschrieben. Ja, der Zeit nahe sein, das wollen wir dadurch womöglich, dass wir ihr auch in unseren Sprachformen Ausdruck geben. Kein Wunder, dass im aktuellen Dudenkorpus der am häufigsten verwendeten Wörter es bei den Substantiven drei Zeitbegriffe in die Top 10 geschafft haben: Das „Jahr“ auf der Pole-Position, auf Position zwei die „Uhr“ – und die „Zeit“ selbst ist auf Platz sieben eingelangt.[1]

Aber ich bitte Sie. Was sagt das denn „am Ende des Tages“ aus?

Sagt Ihnen das etwas?

So könnte es jedenfalls sein.

Denn hinter „zeitnah“ auf Platz 1 hat es die Floskel „am Ende des Tages“ bei den „10 schlimmsten Floskeln im Bürodeutsch“ bereits 2015 auf Platz 2 geschafft.[2] Mittlerweile ist die Wendung selbstverständlich auch ins Sprachrepertoire der Politiker gekugelt, denn am Ende des Tages kommt es doch darauf an … Am besten skalierbar – aber das ist jetzt eine andere Buzzword-Kategorie. Am Ende des Tages auch egal. Was aber soll uns diese Floskel „am Ende des Tages“ denn anderes mitteilen als das doch ebenfalls verfügbare „am Ende“, „im Endeffekt“, „letzten Endes“, „letztlich“, „schließlich“, „schlussendlich“? O.k., das klingt alles schon etwas angestaubt und verbraucht. Vielleicht gibt es aber am Ende des Tages auch noch eine mittlerweile mitassoziierte Bedeutung hinter der Bedeutung – womöglich im Sinne von: Ich weiß zwar nicht, wie es gehen soll, aber irgendwann wird’s schon geworden sein. Vielleicht wird in der Verwendung der Floskel am Ende des Tages auch auf Ablenkung, auf Beruhigung oder auf Hoffnungsvolles spekuliert. Oder es wird ein drohendes Kalkül („Am Ende des Tages zählt die Leistung!“) miteinbezogen, bevor es dann Nacht wird für uns alle nach dem Ende des Tages. Oder so ähnlich. Denn das zeitliche Ende des Tages und der Beginn der Nacht ist wohl meistens nicht gemeint. Seit „the end of the day“ immer öfters aus dem Englischen vor allem in die Wirtschaftssprache und von dort ins Managementkauderwelsch übernommen wurde, dominiert die metaphorische Bedeutungszuschreibung. Anfangs gab es noch kleine Verwirrungen, weil Mitarbeitende dachten, oje, das muss jetzt bis heute Abend fertig sein, oder sich wunderten, wie es denn gelingen sollte, bis heute Abend fit für die Zukunft zu sein, aber diese babylonischen Zeiten sind vorbei. Die Floskel steckt in der Spätphase ihrer Karriere als ausgelutschte Metapher. Am Ende des Tages wird klar sein, dass wir den Tag nicht vor dem Abend hätten loben sollen. Na ja. Am Ende des Tages ist es fünf vor zwölf. Das wäre eine interessante zeitliche Beziehung – und ist ja auch nicht falsch. Aber wollen diejenigen, die da so vor sich hinfloskeln diese Assoziation?[3]

Nach einem Auf und Ab im Sprachgebrauch seit Ende der 1990-Jahre scheint es – ohne empirisch belastbaren Beleg – in jüngster Zeit (auch eine interessante Sprachfigur, die der jungen, gar der jüngsten Zeit ;-)) so zu sein, dass die Floskel trotz aller sprachkritischen oder sprachnörglerischen Metakommentare aktuell wieder im Aufwind ist. Mag sein, dass da die derzeitigen Krisen eine Rolle spielen. Die Wendung „am Ende des Tages“ vermittelt immerhin die Aussicht, dass es irgendwo und irgendwann ein Ende gibt.

Drei Deutungen scheinen mir angesichts der wiederholten Verwendung in den Krisengemengelagen am ehesten anschlussfähig: es ist erstens der zuspitzende, manchmal gar drohende Beigeschmack, der mitschwingt, zweitens die zeitliche Perspektive (nicht irgendwann einmal, sondern: am Ende des Tages – aber welchen Tages eigentlich?) und drittens der finale Moment: nicht irgendwann, sondern am Ende!

Und nach dem Ende beginnt ja meist etwas Neues. Auch das könnte eine Sehnsucht hinter der Begriffsverwendung sein. Aber das bleibt am Ende des Tages hypothetisch. Ebenso wie die Deutung, dass am Ende des Tages oft bilanziert wird – und es – meist gute – Vorsätze für den folgenden Tag gibt.

Neben vier Filmen mit diesem Titel, die es am Ende des Tages nicht ganz nach oben geschafft haben, gibt es einen schönen Songtext von Matthias Schweighöfer, in der die Floskel eine andere, eine attraktivere (Be-) Deutung bekommt:

Am Ende des Tages, wenn die Nacht beginnt,

denkst du an die Menschen, die dir wichtig sind,

lehnst dich zurück, machst die Augen zu …

Wen siehst du?

 

Du hattest heut‘ einen hektischen Tag

und dabei weit und breit keine Zeit,

um kurz mal durchzuschnaufen.

Du standest vor ’nem Haufen

von Dingen, die du einfach machen musst

und hattest auch Frust,

weil so vieles so belanglos ist.

Oberflächlichkeiten

und Leute, die sich streiten,

die Stress und Unwahrheiten immer ganz gezielt verbreiten.

Die Leute ticken aus …

… du freust dich auf zu Haus‘.

 

Am Ende des Tages, wenn die Nacht beginnt,

denkst du an die Menschen, die dir wichtig sind,

lehnst dich zurück, machst die Augen zu …

Wen siehst du?

 

Am Ende des Tages kommst du endlich zur Ruhe

und siehst in deinem Herzen eine kleine Schatztruhe

mit Namen von den Leuten,

die dir wirklich was bedeuten,

am Ende des Tages.

 

Dann schläfst du ein mit dem guten Gefühl,

dass es jemanden gibt, der dich liebt,

und manche, die dich schätzen,

die dich niemals verletzen,

Menschen, die dich nehmen, wie du bist,

und die du vermisst,

wenn sie nicht in deiner Nähe sind.

Freunde, die dich tragen,

in allen Lebenslagen,

auch an schlechten Tagen, ohne irgendwelche Fragen,

Und sind sie mal nicht da,

sind sie dir trotzdem nah. [4]

So könnte es am Ende des Tages auch sein.

Gute Zeiten.

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[1] Vgl. dazu: https://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/Die-haufigsten-Worter-deutschsprachigen-Texten, abgerufen am 02.09.2022, 12.00 Uhr

[2] Vgl. https://www.textbest.de/magazin/die-10-schlimmsten-floskeln-im-buerodeutsch/, abgerufen am 02.09.2022, 12.05 Uhr

[3] Differenzierter als ich widmet sich Anatol Stefanowitsch bereits im Jahre 2010 (!) dem Ende des Tages http://www.sprachlog.de/2010/01/15/am-ende-des-tages/, abgerufen am 04.09., 13.00 Uhr.

[4] Zitiert nach: https://musikguru.de/matthias-schweighoefer/songtext-am-ende-des-tages-991217.html, abgerufen am 04.09.2022, 13.30 Uhr

***

Wenn Sie am Ende des Tages etwas Zeit für sich haben, dann hören Sie mal in den ORTHEYs-Zeitzeichen Podcast hinein:

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Oder Sie schökern in den Zeitzeichen:

ZEITZEICHEN

Ein ABC unserer Zeit.

ISBN 978-3-7504-3216-1

€ 19,99 [D] incl. MwSt.

Erhältlich bei BoD: https://www.bod.de/buchshop/zeitzeichen-frank-michael-orthey-9783750432161

Kategorien: Zeitforschung

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