Die Zeit, ihre Wahrnehmung und ihre Wirkung hat viel mit Sprache zu tun. „Mal schnell was dazu schreiben“ oder „es sich peu a peu entwickeln lassen“ und es dann „bei Gelegenheit“ zu Papier bringen – das sind sprachliche Ausdrucksweisen, die einen Unterscheid machen und die damit Auswirkungen darauf haben, wie wir die Zeit erleben und gestalten. Wir bringen Zeit zur Sprache. Und damit machen wir sie uns – ganz unterschiedlich – zugänglich. Wir geben uns zeitlichen Sinn. Das fängt schon damit an, dass viele Sprachen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterscheiden, einige Sprachen sind bezüglich des Tempus auch noch genauer. Die Amundawa-Kultur am Amazonas kommt hingegen ohne eine Vorstellung von Zeit aus. Was wohl auch damit zusammen hängt, dass es in der Amundawa-Sprache kein eigenes Wort für Zeit gibt. Ebenso wenig wie Zeiteinheiten. Der Tag wird nach den Rhythmen der Natur und den Tätigkeiten eingeteilt. Zeit gibt es insofern wohl genug, nur keine Möglichkeit, das auch zum Ausdruck zu bringen. Wie die Vorstellung von Zeit aber ohne Sprache funktionieren soll, das ist weitgehend offen und ungeklärt.

Dieses außergewöhnliche Beispiel zeigt: Zeit wird durch Sprache gemacht. Sie können es ja mal ohne probieren. Da werden ihnen bald die Worte fehlen. Dann sind Sie vermutlich reif für den Amazonas-Urwald.

Aber im Ernst. Die Sprache stellt uns eine Symbolvorrat zur Verfügung, mittels derer wir uns und unserem begrenzten Sein auch zeitlich Ausdruck verleihen können. „Wir treffen uns um Punkt 10.00 Uhr zur Abfahrt zum Fußballspiel.“ „Ich werde etwa viertel vor zehn dort sein können.“ „Dann schauen wir, dass wir schnell wegkommen.“ „Falls es gut läuft und wir ohne Wartezeiten durchkommen, sind wir circa 16.00 Uhr am Spielort. Und können noch gemütlich ein Bierchen zischen bis zum Anpfiff.“ Es geht viel um Zeit in unserer Sprache. Und das ganz unterschiedlich. Mal richtig flott und mal ganz gemächlich. Mal genau und präzise – und mal vage und ungenau. Dann haben wir meist alle Zeit der Welt, anderenfalls verrinnt sie uns, die Zeit. Oder sie „läuft uns weg“. Ist gar schnell mal ganz „abgelaufen“. Mancher „hinkt ihr hinterher“. Andere vertreiben sie sich, verplempern, vertrödeln, vergeuden, verschlafen oder vertun sie. Wieder andere stehlen sie uns. Während manch einer sie auch totschlägt. Das wurde aber auch Zeit! Na ja, man muss halt mit der Zeit gehen. Frau auch. Aber bitte „zeitnah“, wie es heute gerne genommen wird. Da zuckt zwar kurz die Zwischenfrage auf, was denn das Gegenteil „zeitfern“ sein könnte. Aber für derlei Reflexionen gibt es jetzt gerade kein „Zeitfenster“. Denn „wer nicht kommt zur rechten Zeit, der muss nehmen, was übrig bleibt“. Wollen wir das? Zeitliche Reste verwerten? Eher nein. Wir wollen sie schließlich haben, die Zeit. Am besten wollen wir sie besitzen (wie soll das gehen?) oder sie – eine Nummer kleiner – erst mal wiederentdecken. Der Anspruch ist im Trend. Da müssen wir schon mit der Zeit gehen. Denn wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Gemeint ist meist: auf den Arbeitsmarkt oder in den Ruhestand. Insofern immer schön dran bleiben am Puls der Zeit. Manchmal arbeitet die Zeit ja auch für uns. Blöder Weise eben gelegentlich auch gegen uns. Dann wieder soll sie alle Wunden heilen oder gar Rat bringen. „Kommt Zeit kommt Rat.“ Also bloß nicht drängeln, denn: „Wer die Zeit drängt, den verdrängt die Zeit.“ Wollen wir ja nicht. Aber klar scheint zu sein, dass alles eben seine Zeit hat. Wenn die abgelaufen ist, dann segnen wir das Zeitliche. In Ewigkeit Amen. Aber halt: „Wart‘ mal g‘schwind!“ Die heute gerne genommene schwäbische Floskel bringt die Paradoxie der Zeit auf den Punkt. Ach Du liebe Zeit!

Die Zeit lieben – ja das wär‘s denn doch. Auch das gibt die Sprache her. In aller individuellen Unterschiedlichkeit. Denn auch wenn Sprachen gemeinsame Symbolvorräte bereitstellen, so ist die Form, die sie annehmen, doch individuell. Und damit ist es auch das Zeitgefühl, das damit – nach innen und nach außen – zum Ausdruck gebracht wird. Zeitkompetenz bedeutet insofern auch, sich und andere in der je unterschiedlichen Sprache verstehen zu lernen.

In der Apostelgeschichte heißt es zum Pfingstfest: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ Die zusammenströmende Menschenmenge unterschiedlicher Zugehörigkeiten geriet außer sich vor Staunen, denn jeder hörte die anderen in seiner Sprache reden. In der biblischen Schrift ist es der Heilige Geist, dem dieses gegenseitige Verstehen zugeschrieben wurde. Heute wünschte sich mancher etwas mehr Geist und Bereitschaft, sich in aller – nicht nur – sprachlichen Unterschiedlichkeit zu verstehen. Das wäre allerdings die Perspektive: Vielfalt als Ressource zu sehen – und nicht als Bedrohung, die im babylonischen Wirrwarr endet. Bei der zeitlichen Vielfalt beginnt es. Dafür eine verbindende und zugleich unterscheidende Sprache zu finden, das wäre ein erster Schritt zu mehr Zeitkompetenz. Und zu anderem mehr.

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Hier wird Zeit von Frank Michael Orthey zur Sprache gebracht: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware.

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Kategorien: Zeitforschung

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