Kennen Sie das Gefühl, wenn es Ihnen nach zähem inneren Ringen gelungen ist, eine zugesagte Verpflichtung bzw. einen Termin tatsächlich abzusagen? Häufig stellt sich dann eine große Entlastung und Erleichterung ein. Mit ein bisschen Stolz vermischt, das jetzt doch – gegen innere Widerstände – gemacht zu haben. Und jetzt zuhause bleiben zu können. Yeah! „Was sofortige Erleichterung angeht, ist Pläne absagen wie Heroin. Ein Wahnsinnsgefühl. Augenblickliches Glück.“ So der amerikanische Komiker John Mulaney, den die Süddeutsche Zeitung in ihrer zurückliegenden Wochenendausgabe zitiert.[1] Dort ist dann auch zu erfahren, dass die alltagsempirische Erfahrung, dass besonders junge Menschen öfters mal relativ kurzfristig absagen, nun auch statistisch belegt ist. Scheint so, als sei aus dem Verlegenheitshalber-Absagen ein sozialer Absage-Trend entstanden. Einen Namen gibt’s jedenfalls schon für die im besten Biedermeier-Stil zuhause gebliebenen Absager: „Homebodys“. Die haben das Absagen wieder kultiviert und manche sollen gar süchtig sein nach dem emotionalen Zustand, der dadurch entsteht. Immerhin gibt es ja auch angesichts vieler neuer App-gestützter Möglichkeiten keine große Notwendigkeit, das Sofa zu verlassen: Essen, Getränke, Freunde, SexualpartnerInnen sind schnell per App gefunden und in die eigenen vier Wände bestellt. Oder verrammelt sich da gerade eine ganze Generation von dauerüberforderten jungen Menschen? Homebody und Hygge, Absagen und Abhängen, kann dem Wunsch nach Vereinfachung in als unübersichtlich, unsicher, vieldeutig und ambivalent wahrgenommenen Zeiten entspringen. Absagen wäre insofern ein (weiterer) Mechanismus der Komplexitätsreduzierung. Absagen schützten damit vor Überforderung, Vereinnahmung und sozialer Dauerpräsenz. Absagen als Absage an „Fomo“ (fear of missing out)? Und als Entdeckung des Glücksgefühls des Verpassens, „The Joy of Missing Out“?[2]

Wie auch immer: Nach der Absage endet es oft glückselig auf dem heimischen Sofa. Wohin es die Jugendlichen laut der aktuellen Shell Jugendstudie auch deshalb ziehen könnte, weil für sie Familie und soziale Beziehungen die mit Abstand wichtigsten Wertorientierungen sind, die sie für sich gewährleistet sehen wollen.[3] Und da muss dann halt mal die Party dran glauben. Absage! Zudem sind die Jugendlichen pragmatisch. Sie passen sich „auf der individuellen Suche nach einem gesicherten und eigenständigen Platz in der Gesellschaft den Gegebenheiten so an, dass sie die Chancen, die sich auftun, möglichst gut ergreifen.“ Und dazu gehört womöglich auch die Chance, die durch die Absage entsteht – die Chance für das, was wichtiger ist als ein date, die Party, die Lerngruppe.

Über einen Umweg käme damit eine Fähigkeit zurück, die es angesichts vieler – und gleich: noch mehr – Möglichkeiten bei gleichzeitiger Angst, etwas zu verpassen, dringend braucht, um sich abzugrenzen und um sich gesund zu halten. Denn – blöder Spruch – „wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein“. Sich abgrenzen, um sich nicht selbst und die eigene Leistungsfähigkeit im Dauer-Gewische und -Aufgepoppe von Meldungen und Fenstern zu verlieren, das bedeutet zunehmend häufiger: Nein-Sagen. Das fällt vielen ZeitgenossInnen schwer. Ein Erstverdacht führt in die Annahme, dass die Möglichkeiten, nicht gelikt, schlecht bewertet oder gar Opfer eines Shitstorms zu werden, den persönlichen Antreiber „Mach es allen recht!“ verstärkt. Dieser Antreiber scheint bei der Generation Y eigenen Alltagsbeobachtungen im persönlichen Umfeld zur Folge recht verbreitet. Das könnte auch die Kurzfristigkeit vieler Absagen erklären. Im letzten Moment etwas dazwischengekommen. Leider, sorry! Das löst möglicherweise eher Bedauern und Mitleidsgefühle beim Adressaten der Absage aus. Armer überforderter Mensch – ich verstehe (und beneide) Dich. Genieße die Ruhe, komm runter und chill mal. Gelegentlich gibt es aber mit zeitlicher Distanz auch andere Gefühle, zum Beispiel das, sitzengelassen worden zu sein. Bei manchem/mancher stellt sich auch Ärger ein über die Kurzfristigkeit der Absage, die dann zur Unzuverlässigkeit umgemünzt wird. Schade eigentlich. Trotz des Glücksgefühls beim Absagenden.

Insofern ist die Absage sicher ein probates Mittel der Abgrenzung, allerdings ist es eine letzte Möglichkeit, wenn es – aus guten, zu prüfenden Gründen – nicht (mehr) anders geht. Kürzlich habe ich bei der Vorbereitung auf einen verbindlich zugesagten beruflichen Termin gemerkt, dass ich bei der Zusage einen wesentlichen Aspekt nicht bedacht hatte, der mir meine Anwesenheit aus professionellen Gründen fragwürdig erscheinen ließ. Ich sagte ab. Ich hätte aber natürlich besser vor meiner Zusage prüfen sollen, ob und wozu meine Anwesenheit Sinn macht. Um dann begründet „Nein“ zu sagen. Und nicht zuzusagen. Statt dann kurzfristig abzusagen – was mir sehr schwer gefallen ist und doch bei allem Verständnis der anderen Seite nicht ganz spurenfrei geblieben ist in der (neuen) Arbeitsbeziehung.

Das zeigt, dass Zeit etwas ist, das nicht abgekoppelt von ihrer Qualität zu managen oder zu planen ist. Umgang mit Zeit bedeutet immer, die jeweilige Qualität der Situation, des Themas, der Beziehung usw. in die Zeitentscheidung mit einzubeziehen. Ein einfaches Hilfsmittel führt dabei über das Wörtchen „wozu“? Wozu dient dieser Termin – oder auch mit Blick auf sich selbst (also beispielsweise auf eigene Eitelkeiten): Wozu sage ich zu? Damit taucht die Sinnfrage auf – und zwar mit einer qualitätsbezogenen, ressourcen- und zukunftsorientierten Perspektive. Das „wozu“ stellt die Sinnfrage nach dem (zeitlichen) Nutzen oder nach der Brauchbarkeit.[4]

Eine rechtzeitige eingehende sinnbezogene Prüfung zukünftiger zeitlicher Verpflichtungen reduziert die Risiken und Nebenwirkungen kurzfristiger Absagen. Dann besser rechtzeitig Nein sagen. Mit Interesse, Wertschätzung, klarer Botschaft, Begründung und dem Aufzeigen einer Alternative.[5]

Also: bevor Sie sich das antun mit dem kurzfristigen Absagen nebst der erwartbaren Risiken und Nebenwirkungen nach dem Heroin-Erlebnis, bitte lieber rechtzeitig (und richtig!) Nein-Sagen!

Ihre Zeit wird es Ihnen danken.

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[1] Jan Stremmel: Grüße vom Sofa. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 3, Samstag/Sonntag/Montag, 4./5./6. Januar 2020, S. 53

[2] Svend Brinkmann: The Joy of Missing Out. Polity Press, Cambridge UK, Medford, M.A., 2019

[3] Albert, Mathias, Hurrelmann, Klaus, Quenzel, Gudrun: Jugend 201918. Shell Jugendstudie. Eine Generation meldet sich zu Wort. Beltz Verlag, Weinheim 2019, S. 25 (Zusammenfassung)

[4] Das ist eine andere Perspektive als eine, die das gerne genommene „Warum“ einblendet. Die führt in die Vergangenheits- und Problemorientierung. Zudem kennen schulisch und familiär sozialisierte Menschen die tief verwurzelten emotionalen Erstreaktionen auf die Warum-Fragen. Warum hast Du (schon wieder) eine schlechte Mathe-Note geschrieben? Also dann doch besser: Wozu 😉

[5] Wie sagen Sie in diesem Sinne wirkungsvoll Nein? Mit INGA. Das heißt: I: Interesse zeigen, N: Nein sagen – klar und deutlich, G: Einen Grund für die Absage nennen. A: Eine Alternative aufzeigen. Also beispielsweise. Das Thema ist für mich als Zeitforscher interessant – und neu. Jetzt gerade geht es jedoch nicht darüber ein Gespräch zu führen am Telefon, weil ich in der Endradaktion meines aktuellen Buches stecke, die meine gesamte Aufmerksamkeit und ungestörte Zeit benötig. Gerne können wir nach der Manuskriptabgabe in zwei Wochen einen ausführlichen Gesprächstermin ausmachen.

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Falls Sie Lust auf mehr und andere „Zeitzeichen“ haben, dann können Sie die durch Absagen „gewonnene“ Zeit für kleine Lektüren in meinem neuen „ABC unserer Zeit“ nutzen. Dort finden Sie Texte und Impulse für gute Zeiten, z.B. zu den Stichworten: Abschluss – Anfang – Augenblick – Auszeit – Beschleunigung-  Chillen – Dauer – Eigenzeit – Eile – Endlichkeit – Entschleunigung – Ewigkeit – Fastenzeit – Gelassenheit – Hektik – Knappheit – Langeweile – Langsamkeit – Moment – Muße – Naturzeit – Pause – Qualitätszeit – Rasten – Rituale – Schnelligkeit – Sofortness – Sommerzeit – Stau – Takt – Rhythmus – Trödeln – Uhr – Unterbrechung – Urlaubszeit – Vergleichzeitigung – Warten – Weile – Wiederholung – Zeitfenster – Zeitfresser – Zeitmanagement – Zeitmangel – Zeitverlust – Zeitwohlstand – Zukunft – Zwischenzeit.

Gute Zeiten!

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Kategorien: Zeitforschung

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