Angesichts des Bahnwarnstreiks wurden Reisende und Pendler am vergangenen Montag im Radio aufgefordert, ein ausreichendes „Zeitpolster“ für die geplanten Fahrten und Reisen vorzusehen. Gemeint war damit wohl, zusätzliche Zeit zu der ursprünglich geplanten einzukalkulieren. Damit die derart ausgestatteten Zeitgenoss*innen es dann bequem haben. Auf ihrem Polster. Das ist ja die hier mitgeführte Assoziation: Es wegen zusätzlich disponierter Zeit dann möglichst kommod zu haben und es sich zeitlich bequem machen zu können. Inwiefern das auf überfüllten Bahnsteigen mit gut zeitgepolstert anwesenden, aber dann doch nicht beförderten, nörgelnden, zwangsverhinderten Fahrgästen möglich ist, das sei dahingestellt. Hört sich aber gut an – die Sache mit dem „Polster“, meine ich. Die hat oft was von Wohlstand und einer gewissen Sorglosigkeit. Auf einem kleinen finanziellen Polster gebettet, lässt es sich angeblich im Leben etwas sorgenfreier herumräkeln, kleine Auftragspolster geben die gerne genommene Sicherheit, Sitzpolster zum Mitnehmen ermöglichen es, sich bei der langen Theateraufführung auf das Bühnengeschehen statt auf die körperlichen Beschwernisse von hinten zu konzentrieren. Polster sind weich, gemütlich, sie dämpfen, federn, sind meist schön gestaltet und laden zum Verweilen ein. Der Begriff Polster kontrastiert damit tendenziell unsere Zeiterfahrungen, die oft von Knappheit, von Hast, von Getriebensein, von Beschleunigung und Vergleichzeitigungen her justiert sind. Das macht den Begriff des Zeitpolsters so attraktiv, vermittelt er doch Wohlstand und Sorgenfreiheit bezogen auf eine herausfordernde zeitliche Situation. Wenn es denn gelingt, ein ausreichendes Zeitpolster vorzusehen, versteht sich. Im Bahn-Warnstreik hat das offenbar nicht funktioniert, weil für die persönlich mitgebrachten Zeitpolster keine Grundlage vorhanden war, um die Polster auf- oder abzulegen. Zeitpolster funktionieren nur, wenn die Grundlage der Polsterung, der (zeitliche) Rahmen bestehen bleibt. Wenn diese Hardware zur Gänze weggelassen wird oder wegfällt, wie die Züge beim Warnstreik, dann nützt das bequeme Pölsterchen für durcheinandergeratene Fahrpläne gar nichts. Es gibt nichts (mehr), was abgepolstert werden könnte. Und so zogen dann viele mit schönen Zeitpolstern erschienene Reisende unverrichteter Dinge von dannen. Es gab nichts zu polstern. Es gab keine Verspätungen im Fahrplan abzupolstern, sondern es gab überhaupt keine Züge bis 09.00 Uhr. Wer eine großes Zeitpolster mitgebracht hatte, der hatte womöglich Glück. Manchen wurde aber selbst das zu unbequem. Die meisten schleppten ihre Zeitpolster allerdings erzürnt wieder runter von den Bahnsteigen zu den ebenfalls überfüllten Taxiständen. Dort waren die meisten Polster schon aufgebraucht – und damit wurde es richtig unbequem. Denn die Zeit drängte nun für manche Zeitgenoss*innen. Insbesondere die innere. Ebenfalls aufgebrauchte Gedulds- und Verständnispolster taten ein Übriges. Die mitgebrachten Zeitpolster waren verbraucht oder verschlissen, taugten jetzt nicht mehr. Es hätte neue gebraucht, aber die hatten die meisten nicht dabei. Soviel wollten sie dann doch nicht mitschleppen in der morgendlichen Rush-Hour oder auf dem Weg zur lange geplanten Reiseverbindung. In solchen Fällen bleibt nur Warten. Auch das kann aus zeitberaterischer Sicht Sinn machen – es macht aber eindeutig mehr Freude, wenn es auf bequemer Polsterunterlage stattfinden kann. Es spricht insofern einiges dafür, mit ausreichenden Zeitpolstern unterwegs zu sein, um es bequem und angenehm zu haben. Selbst für den Fall, dass Wartezeiten anfallen.

Insofern wäre das doch eine schöne Zeitpraxis, besonders im Advent, der Zeit der Ankunft: immer genügend Zeitpolster dabeizuhaben, um es gemütlich zu haben bei der Erwartung der Ankunft. Sie können es ja mal probieren. Für diejenigen die solche Zeit-Polstermöbel etwas antiquiert und klobig finden, gibt es die Polster auch in klein: als Zeitpölsterchen. Sehen Sie doch welche in Ihrem Adventskalender vor. Einen Streik oder eine ähnlich prekäre Situation braucht es dazu gar nicht. Sie können die Polster ja täglich anders nutzen: mal zwischen zwei Terminen, mal am Morgen, mal am Abend, mal Zwischendurch zum Durchschnaufen. Damit ihre Zeiten nicht ständig aneinandergeraten und gut voneinander abgepolstert sind. Das macht sich sicher gut für den angestrebten Genuss der adventlichen Besinnlichkeit. Die stellt sich sowieso umso eher ein, je bequemer Sie sich zeitlich einrichten mit ihren Zeitpölsterchen.

Und wem jetzt in der Analogie die kleinen „Fettpölsterchen“ einfallen, der- oder diejenige ist auf der richtigen Spur. Denn selbige machen ja in der Zeit durchgestylter und von erfolgreicher Selbstoptimierung gestählter Körper sympathisch. Auch diese Pölsterchen stehen für die kleine Abweichung vom präferierten windschnittig gefeilten Idealbild, dem durchgetakteten, auf Perfektion aus- und abgerichteten Mainstream. Sie stehen mit ihren Rundungen und engelsgleichen Wölbungen für Gelassenheit,  Geruhsamkeit und für Besonderheit – für das, was viele anstreben. Gönnen Sie sich insofern täglich ihre Zeitpolster – oder jedenfalls kleine Zeitpölsterchen. Sollten Sie Ihnen nicht behagen, dann können Sie die ja auch wieder abtrainieren im nächsten Jahr. Allerdings: Wer einmal Gefallen daran gefunden hat, der- oder diejenige bewahrt sich meist die (Zeit-) Pölsterchen und genießt sie, weil sie helfen, die gefürchteten Zeitkollisionen zu vermeiden und sich zeitlich behaglich abzugrenzen. Machen Sie es sich bequem auf und mit Ihren Zeitpolstern.

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Kategorien: Zeitforschung

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