Manuskript des Diskussionsbeitrags beim wEBtalk am 18.01.2021

(Online anschauen unter: https://erwachsenenbildung.at/aktuell/nachrichten/15496-lernen-braucht-zeit-und-es-braucht-zeit-zum-lernen.php)

Zeit wird’s, dass es Zeit wird.

Das ist ein beliebter Satz, um über dieses „Laberthema“ – so zitierte Herr Frei ja österreichische Quellen anfangs des Interviews im Magazin erwachsenenbildung.at (https://erwachsenenbildung.at/magazin/ausgabe-41/ ) mit meinem timesandmore-Kollegen Karlheinz Geißler – ein Satz also, um über dieses Laberthema ins Labern zu kommen. Damit wäre schon mal viel gewonnen aus Zeitforschungssicht: Über das Thema Zeit in Beziehung und in die Begegnung zu kommen. Mit dem Thema, mit anderen und mit sich selbst. Sich Zeit für die Zeit nehmen – „reflexive Temporalisierung“ nennen das gewisse Kreise der Laber-Community, deren Mitglieder sich selbst als Zeitforscher bezeichnen. Und mit dem reflexiven Element der Verzeitlichung wären wir auch schon beim Lernen, also mitten im Thema des heutigen Abends: Zeit und Lernen. Im Webtalk, was wirkt irgendwie geschmeidiger wirkt wie Labern.

Zeitforscher

sind übrigens Beobachter, die Menschen – und natürlich auch sich selbst – dabei beobachten, wie sie mit Zeit umgehen, wie sie ticken. Und sich überlegen, wie das auch noch anders – stimmiger – möglich wäre. Im Einklang ihrer Zeiten.

Die auseinanderzuhalten – auch mit Blick auf anzuregende und zu begleitende Lernprozesse – das wäre schon mal ein Fortschritt.

Deshalb ein zeitliches Ordnungsangebot mit meiner Zeitordnung im Fünfeck.

Die Zeiten ordnen im Fünfeck

(Orthey, Frank Michael: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe, Freiburg 2017)

Wenn die jeweilige Zeit, wie wir sie wahrnehmen, zu uns als Person, zu unseren Beziehungen, unseren Aufgaben, unserer (Selbst-) Organisation und zur jeweilig relevanten Kultur und zu unserer Umwelt passt, dann kann so etwas wie zeitliche Stimmigkeit entstehen. Die genannten Kategorien können Hilfsgrößen sein, um sich der eigenen Selbstverzeitlichung reflexiv zu nähern. Einfacher wird es dadurch nicht, denn diese genannten sechs Dimensionen entfalten sich auch wiederum in der Zeit: In Eigenzeiten, Sozialzeiten, Aufgabenzeiten, Organisationszeiten und Kulturzeiten – und sie sind eingebettet in natürliche Zeiten.

Konkret heißt das dann, als Person zu wissen,

  • welche Zeiten ich für meine Eigenzeitbedürfnisse (z.B. für meinen Sport) vorhalten sollte,
  • wieviel soziale Zeit (in der Familie, im Team, in der Lerngruppe) wichtig und notwendig ist,
  • wieviel Zeit die eigentliche Kernaufgabe, der Inhalt braucht,
  • wieviel Zeit die Organisation (Routinen, Prozesse, Fristen usw.) mit welchen Folgen für meine eigene Selbstorganisation benötigt
  • und wieviel Zeit für kulturelle Verrichtungen (z.B. für die Religionsausübung und ritualisierte Zeiten) zu berücksichtigen ist
  • und wie dies zeitliche Netzwerk passend ist zu natürlichen Rhythmen und Zyklen (z.B. der Jahres- und Tageszeit, der eigenen biologischen Leistungskurve).

Sich derart an den eigenen zeitlichen Mustern abzuarbeiten, das braucht Zeit. Zeit für die Zeit – reflexive Temporalisierung.

Was ist Zeit?

Und wer sich jetzt die Frage stellt, was Zeit überhaupt ist, der- oder diejenige ist in guter Gesellschaft der Ratlosen. Die einen sagen so, die andere so. Der Kirchenlehrer und Philosoph Augustinus (354 – 430 n. Chr.) räumte ein, dass er wohl wisse, was Zeit sei, solange er nicht gefragt werde. „Will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich’s nicht.“ Zeitforschungsgeschichtlich gesehen ist Augustinus ein früher Zeit-Subjektivist, wäre also auf der Höhe der Zeit. Geht er doch davon aus, dass wir Zeiten im Geiste vergleichen und dadurch uns manche länger und andere uns kürzer erscheinen. Weil das mit den Antworten auf die Frage „Was ist Zeit?“ nicht ganz einfach ist, haben viele andere Denker die Frage offengelassen. Der Soziologe Niklas Luhmann gibt zu bedenken, dass man bezweifeln könne, ob irgendein Begriff von Zeit, der über das bloße Faktum des Sichänderns hinausgreife, sinnvoll festgelegt werden könne (Luhmann 1993, S. 70).

Das ist vielen zu wenig, dass alles irgendwie weitergeht zwischen Vergangenheit und Zukunft. Sie sagen deshalb, dass Zeit in der Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft entstehe. Dazwischen liegt die Gegenwart. Wie wir aus unseren alltäglichen Erfahrungen wissen, kann diese Gegenwart jedoch ganz unterschiedlich wirken. Der Augenblick vor dem ersten Kuss im Dusel der Verliebtheit setzt andere Zeitgefühle frei als der Online-Arbeits- und Home-Schooling-Tag, der mal wieder nicht enden will. Manchmal scheint die Zeit stillzustehen, mal fliegt sie, bisweilen schleppt sie sich dahin. Daher sagen viele Zeittheoretiker, dass die Zeit nur im Kopf existiere. Zeit, so scheint es, ist etwas Subjektives. Wenn das theoretisch weitergedacht wird, folgt – das hat uns Einstein beschert – die Erkenntnis, dass Zeit relativ ist. Und damit ist sie abhängig vom „Beobachter“, so sagen die Konstruktivisten. Zeit „entsteht“ aus der Beobachtung unserer jeweiligen „Wirklichkeit“ anhand der Differenz von Vergangenheit und Zukunft. Daraus ergibt sich dann das, was wir aktuell und momentan erleben – und es dann „Gegenwart“ nennen. Von diesem Zeiterleben machen wir uns eine „Konstruktion“, die für uns brauchbar ist. Wir brauchen etwas als Vorstellung, das wir „Zeit“ nennen, um uns die Welt und uns in dieser Welt im Nacheinander vorstellen zu können. Für diese Vorstellung ist Zeit ein Sinnhorizont. Das ist denn auch der Bezug zum Lernen, denn Lernen ist ja ein Sinnproduzent – das ist die pädagogische Hoffnung. Lernen braucht Zeit – und es braucht Zeit zum Lernen. Das macht Sinn.

 These 1:

„Alles hat seine Zeit, nur ich hab‘ keine!“ Um besser mit der Zeit zurecht zu kommen, braucht es mehr „Zeit zum Lernen“.

Der Klassiker: Zeitmanagementseminare, haben eine erstaunliche Halbwertszeit im ansonsten doch eher schnelllebigem Seminar- und Lernmarkt entwickelt. Sie gehen – immer. Hinter den Kulissen – sprich in den Fallsituationen der Teilnehmenden – wird der Druck offenbar immer größer. Viele klagen über Zeitdruck, -knappheit und oft auch über gesundheitliche Probleme. Sie skalieren ihre Wochenarbeitszeit zu Beginn nicht selten auf über 70 Stunden und nehmen sich nun zwei Tage Zeit, um damit besser zurecht zu kommen. Das heißt: Sie entschleunigen, nehmen sich Zeit für eine Lernsituation, schauen sich ihre Zeitverwendung – z.B. im Fünfeck – an, kommen ihren Antreibern und Mustern auf die Spur, schärfen ihren Blick für das, was ihnen Druck und Stress und das Gefühl von Gehetztheit vermittelt, schließen Zeitumstellungsverträge mit sich selbst ab, genießen die Zeit ohne Smartphone (was manchen manchmal gelingt), schnaufen kräftig durch und: geben dann – derart entlastet wieder richtig Gas! Um dann doch irgendwann – nunmehr wissend – zu stöhnen: „Alles hat seine Zeit, nur ich hab‘ keine!“

Und dann braucht es wieder Zeit zum Lernen – und das immer öfters, denn es geht ja um zeitliche Identitätsfragen. Wer bin ich – und wann und wie lange … Und weil feste Referenzen beim Leben und Arbeiten wie Religion, Lebensberuf, geregelte Arbeitszeiten, lebenslange Partnerschaft, Rituale und Routinen ihren Orientierungswert weitgehend eingebüßt haben, braucht es Zeit zum Lernen, um diese zeitlichen Identitätsfragen immer wieder neu zu klären. Und sich selbst in der Zeit.

Das Thema – auch wenn es nichts mit Zeit zu tun hat – wird jedenfalls erst mal in Lernprozesse umgeleitet – nicht die schlechteste Lösung, finde ich. Wenn es denn der Stimmigkeit von Person, Haltung und Handlung dient. Es gibt ja mit Blick in diese durchgeschüttelte Welt schlimmere und schockierendere Hass- und andere Botschaften als diejenige der „Zeit zum Lernen“!

These 2:

„Wart‘ mal schnell“: Lernend entschleunigen wir uns in neue Beschleunigungsmöglichkeiten.

Innehalten ist in. Manche/n zieht es in Klöster, andere in Corona-Zeiten, wo das gerade nicht geht, in den Wald zum Bäume-Umarmen oder gerne auch mal sich selbst – endlich. In meinen aktuellen Online-Formaten spielen Coaching-Elemente eine zentrale Rolle. Ich hatte heute Morgen um 11.00 – 12.30 Uhr einen Coachingtermin, ein „zeitliches Biotop“ für eine Führungskraft in einem weltweit operierendem Software-Unternehmen. Die Führungskraft hat sich mal schnell in ihrem Outlook-Kalender dieses sogenannte „Zeitfenster“ – starker Begriff finde ich – „freigeschaufelt“ (so heißt das oft) und freigehalten, bis es danach wieder in das Hamsterrad zurück ging. Um 12.45 Uhr. Die Zeitkompetenz war schon so fortgeschritten, um zeitliche Dehnungsfugen einzubauen.

Lernen macht die Welt schneller, indem sie zunächst verlangsamt und manchmal – in der reflexiven Ausleuchtung – „angehalten“ wird. Im Lernprozess werden zwischen reflektierten Vergangenheits- und möglichen Zukunftsbezügen neue Möglichkeiten zur Konstruktion zukünftiger Gegenwarten entwickelt. „Lernen“ simuliert dabei – gerade in der fallbezogenen Arbeit – mögliche zukünftige Gegenwarten und klopft sie auf Sinnoptionen ab, die an die reflektierten Vergangenheitsbezüge anschlussfähig sind. Dadurch erweitert sich der Zugang zu (mehr!) Potentialitäten, die als bereits vorgeprüfte „mögliche Wirklichkeiten“ für künftige Aktualitäten anstehen. Lernen wird dadurch auch zu einem Modernisierungskonzept, weil es die Dynamik der Multioptionalität erfolgreich bedient. Es erweitert den Möglichkeitssinn. Immer mehr immer schneller neu – und das reflexionsgeprüft. Aus den Verlangsamungen des Lernens erwachsen neue Beschleunigungsmöglichkeiten.

These 3:

Das „neue Normal“: Digitalzeiten ersetzen die Naturzeiten – auch beim Lernen. Die Simultanten frohlocken.

Während ich an dem Betrag für das Magazin erwachsenenbildung.at arbeitete, erhielt ich eine Mail von einem Auftraggeber, in der auf eine Lerntransfer-App hingewiesen wurde. Titel: „Dran bleiben“. Dort können sich TeilnehmerInnen unter anderem transferorientierte Lernziele setzen und werden von einem Online-Coach namens Eva bei deren Erreichung unterstützt. Jederzeit versteht sich – oder auch gleichzeitig, beispielweise in einer langweiligen Videokonferenz. Mit einem Wisch geht das Checken der Lern-App ja ganz schnell. Da frohlocken die Simultanten, die Masters of Desaster der Vergleichzeitigung.

In TrainerInnenweiterbildungen war es jahrzehntelang eine wichtige Dimension in der Planung von Lehr-/Lernprozessen, dass diese zu den natürlichen Zeitmaßen passen, die sich ja auch in den Eigenzeitbedürfnissen der Teilnehmenden spiegeln. Konkret also z.B. eine Vormittagseinheit von 09.00 – 12.30 Uhr, nach einer langen Mittagspause die Nachmittagseinheit von 15.00 bis 18.30 Uhr, mit entsprechenden Pausen versehen natürlich – und Abends nochmals eine eineinhalbstündige Einheit zur Reflexion. So in etwa war ein an Naturzeiten orientiertes pädagogisches zeitliches Modell strukturiert, das sowohl Eulen wie auch Nachtigallen ein wirkungsvolles Lernen ermöglichen sollte. Natürlich gab es viele Flexibilitäten und zeitliche Dehnungsfugen für individuelle zeitliche Muster und Bedürfnisse beim Lernen. Und nun? Digitalzeiten.

Einerseits ist alles immerzu möglich im Netz, andererseits gibt es auch veränderte Zeitkulturen bei den Teilnehmenden. Diese werden befeuert von Zeitstrukturen in anderen Systemen, die auch nicht oder nicht mehr natürlichen Zyklen und Rhythmen folgen, die aber Auswirkungen haben auf Verfügbarkeiten. Konkret sind das aktuell häufig Limitierungen durch das sogenannte Homeschooling oder durch Distance-Learning. Und wenn’s dann wirklich nicht klappt, dann ist die erste Frage, ob es auch eine Aufzeichnung gibt. Die Frage tauchte übrigens auch bezogen auf diese Veranstaltung im Vorfeld auf. Wenn ich so was lese, dann schaue ich immer erst mal, wann das geschrieben wurde. Und siehe da, Alltagserkenntnis: häufig ist das zu nachtschlafender Zeit. Mich wundert es auch nicht mehr, dass ich am Freitag eine Terminabfrage für Coachingtermine in einem neuen Qualifizierungsprogramm verschickt habe und ich bereits am Sonntagabend 6 von 9 Rückmeldungen bekommen hatte. Die waren also am Wochenende gemacht worden, wo die Firmenmails gecheckt wurden. Diese sich bereits abzeichnende Dynamik der Auflösung von zeitlichen Abgrenzungen durch die Jederzeitigkeit der Möglichkeiten, hat sich in Zeiten der Lockdowns in meiner Wahrnehmung nochmals deutlicher verschärft. Teilnehmende finden es auch nicht seltsam, Termine für Lernprozesse vorzuschlagen, die spät am Abend oder am Wochenende liegen. Da – so sagen sie – hätten sie doch etwas mehr Ruhe für das, was ihnen wichtig ist.

Dass Aufzeichnungen, die ja pädagogisch durchaus sinnhaft sein können um zu Wiederholen und zu Rekapitulieren, zu – früher hieß das mal  so – „unchristlichen“ Zeiten angeschaut werden, Lernen also durch die Möglichkeiten der Digitalisierung asynchron gestaltet werden kann, ist ja mit im Kalkül der Lernbegleiter, die den Teilnehmenden zunehmende zeitliche Autonomie ermöglichen möchten. Diese ist jedoch nicht mehr beispielsweise durch den Tag-/Nachrhythmus begrenzt, sondern durch die Möglichkeiten der Digitalzeiten entgrenzt. Und die werden ja in Einzelfällen bereits durch künstliche Intelligenzen gesteuert: Die Auswertung eines Persönlichkeitstests – immerhin ein 42-seitiger Report – ist einige Minuten nach dem Abschicken des Tests zum Download verfügbar. Das hat mich übrigens angeregt, hier einzugreifen, konkret, den Bericht nur an mich als Coach schicken zu lassen – und ich versende ihn zu einer mir angemessen erscheinenden Zeit weiter an die Teilnehmenden. Ich möchte nicht, dass die sich in ihrer ersten Tiefschlafphase durch Merkmale ihrer Persönlichkeit daddeln. Diese Kleinigkeit steht aus meiner Sicht für ganz neue Herausforderungen für das pädagogische Fachpersonal. Es sind neue Antworten auf die Frage nach den zeitlichen Strukturen von Lehr-/Lernprozessen zu suchen und zu finden. Was macht wann Sinn? Und die Referenz von Sinn ist eine pädagogische Rationalität, die angelehnt ist an die Frage, wann Menschen was und wie gut lernen können. Die Sinnreferenz ist keine digitale, die ja besagt, dass alles jederzeit überall möglich ist. Mit einem Wisch. Das freut die Simultanten, deren riesiger blinder Fleck aber darin besteht, dass unser Hirn gar nicht in der Lage ist, unterschiedliches gleichzeitig zu verarbeiten. Na ja, einstweilen finden sie die neuen Möglichkeiten toll. Allerdings um den Preis des Verlustes der Verzeitlichung im Nacheinander, des rechten Zeitpunktes, des guten Momentes – und alle diese antiquierten Sachen eben, die allerdings fürs Lernen oft Sinn machen.

Das neue Normal – schöne Aussichten für unsere Lernzeiten?

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Hier finden Sie den ORTHEYs-Zeitzeichen Podcast:

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ZEITZEICHEN

Ein ABC unserer Zeit.

ISBN 978-3-7504-3216-1

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