Noch während sich die S-Bahn-Tür vor mir öffnet und die angestrengt auf ihr Mobilteil starrenden morgendlichen Aussteiger an mir vorbeiströmen, wische ich über das Display meines Smartphones. Mache ich immer so, ist ein Ritual quasi und gerade auch eine günstige Gelegenheit. Beim Ein- und Aussteigen, meine ich. Ich checke die SMS, meine WhatsApp Gruppen, tippe auf ein Video, das ich bekommen habe und das mich ausnahmsweise wirklich mal zum Schmunzeln bringt, gehe schnell in meine Google-Kreise und als Höhepunkt des morgendlichen S-Bahn-Aufenthaltes sichte ich die Facebook-Neuigkeiten. Ich klicke einige Likes und schreibe zwei, drei Kommentare, die ich passend mit Smilies verziere. Den Clip, den ich eben bekomme habe, poste ich und freue mich, dass das bis zu meinem heutigen S-Bahn-Ausstieg 5 Freunden gefällt. Das Vibrieren meines Telefons erinnert mich an den anstehenden Arbeitstag. Ich nehme kurz an, während ich mich zwischen unzähligen Displays und wenigen Zeitungen (Wer liest sowas heute noch bitte?) auf den Bahnsteig dränge und zur U-Bahn haste. Geschäftliche Dinge eben. Hatte heute Nacht schon einige auf der Mailbox von drüben, da wo unsere Entwickler sitzen, weil sie dort billiger sind, aber da bin ich radikal. Nachts ist mein Smartphone stumm geschaltet! Nun, während ich auf die U-Bahn warte, ist, nachdem ich kurz meine Lieblingsonline-Portale gecheckt habe, der Moment gekommen: Ich öffne erstmalig mein Outlook, checke die heute anliegenden Termine und Meetings sowie die eingegangenen Mails – seit gestern Abend bloß 57 an der Zahl. Vergleichsweise lässig. Ich verstehe es einfach nicht, weil ich Mails so fürchterlich antiquiert finde. Um mich abzulenken, chatte ich kurz mit meinen Kumpels. Wegen dem After-Work-Bier heute. Vielleicht treffen wir uns heute schon gegen sieben oder etwas später im „time-out“ – ist eine oberangesagte Bar gerade, die zwei business-Aussteiger eröffnet haben vor nicht allzu langer Zeit. Oder wir disponieren nochmal um. Ist ja kein Problem, sind ja alle immer online. Outlook blinkt und avisiert TelCo in 5 Minuten. Ich stelle die Musik ab, die ich mir auf dem Weg zur Arbeit immer gönne, und starte ein E-Book, das ich gestern begonnen hatte mir reinzuziehen. Ein bisschen Weiterbildung muss ja sein. Es geht in dem Buch um „Verständigung im Turm zu Babel“, um Multichannel-Kommunikation und proaktives Zuhören – und so diese Sachen eben. Ganz witzig. Les‘ ich während der TelCo. Wär‘ für die Kollegen vielleicht auch lustiger als dieses ewige alberne sinnverdünnte Rumgeleiere. Ich glaube aber, dass alle das beibehalten wollen mit der täglichen TelCo und dieser ach so wichtigen Kommunikation, weil sie so in der Früh in aller Ruhe ihre Mails abarbeiten können. So viel zum Thema Agilität und digitale Transformation. Ich investiere da lieber ganz klassisch in Bildung. Oh, apropos, ich muss noch die Abholung vom Großen aus der Schule organisieren. Hat heute früher aus. Ich tippe eine SMS an Max, unseren Nachbarn, der ist Freiberufler und immer im Home-Office. Der kann die Jungs aus der Schule karren und sie vielleicht noch kurz beim Amerikaner verpflegen. Ich mach‘ das mit dem Home-Office nur an zwei Tagen die Woche. Ist mir echt zu anstrengend. Meine Kleine muss zum Reiten raus auf den Hof, da kümmert sich wie immer die Ina drum. Passt für sie ganz gut. Da hat sie auch mal Ruhe, um ihren Posteingang abzuarbeiten und die wichtigsten Telefonate zu erledigen. Der Kalender meines Smartphones blinkt auf. Mensch, gut dass ich mir das notiert hatte, heute ist ja unser Kennenlerntag. Ich jage einen Blumengruß raus, während ich aussteige und mich bei der TelCo anmelde. Reserviere schnell noch einen Tisch beim Japaner beim Running-Sushi. Wir mögen das beide. Cool, dass es heute fast überall gute Japaner gibt auf der Welt. Jetzt schnell noch ein paar Messenger-Nachrichten – das geht ja zwischen drin immer. Ich schaue kurz auf meine Uhr, weil ich die so herrlich antiquiert und irgendwie klassisch finde. Ist ja auch eine „Automatic“ eines sehr angesagten Edel-Uhrmachers, ein richtiges Schmuckstück, finde ich. Die Zeitanzeige registriere ich gar nicht mehr, die ist ja sowieso ungenau. Ich bekomme meine zeitlichen Informationen über mein Smartphone und allerlei Termingehilfen. Aber die ist schon sehr schick, freue ich mich. Auf der Rolltreppe blättere ich durch mein E-Book. Bis ich ins Büro geschlendert bin, bin ich sicher wieder drin. Im Office kann ich mich dann in den Text vertiefen bei der TelCo. Man will ja schließlich heute auf allen Kanälen klarkommen …

***

Vielfältige, entgrenzte Zeitmaße und Rhythmen bestimmen unser Leben und unsere Zeiten heute. Mediale Wirklichkeiten, soziale Netzwerke und der globale Hype verstärken dies. Immer Arbeiten, immer Lernen, immer online, die Abholung der Kinder aus dem Kindergarten organisieren, parallel mal eben die hunderttausend Mails checken, die Freizeit unterkriegen und das Familien- und Beziehungsleben managen, Wellness zum Erholen mit dazu packen und den täglichen Waldlauf – mit Smartwatch, versteht sich, die Zeit misst, die Schritte, die Entfernung und neben den ganzen Vernetzungen auch das nächste gesunde Restaurant anzeigt, denn Essen muss ja dann gelegentlich auch noch sein. Auch wenn es diverse Apps als (vermeintliche) Hilfsmittel gibt, zuständig, um Ordnung in der Gemengelage der heutigen Zeiten zu schaffen, bleibt der Einzelne. „Der große Zwang zur kleinen Freiheit“ (Geißler/Orthey 1998) ist die Folge zunehmender Möglichkeiten, die wir immer gerne gehabt hätten. Und nun, wo sie da sind, wird eben das zur Herausforderung. „Möglichkeitsüberschuss“ nennen das Sozialwissenschaftler. Manchmal ist es auch ein Überfluss. Und manchmal ist er auch überflüssig. „Das aufgelöste Subjekt und seine Freunde“ (Orthey 2008) sind heute pausenlos online auf Facebook und woanders zu finden. „Gefällt mir“ das?

Zeit für eine Zeitumstellung?

***

Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware.

Leseprobe unter www.zeitumstellung.jetzt

Jetzt beim Autor bestellen für € 24,95 einschl. Versand

Kontakt zum Autor:

Das Seminar „Wege zur persönlichen Zeitumstellung“ finden Sie hier.

***

Ach übrigens: Wir sind die Zeitgeister aus der „Zeitumstellung“ – und stören dort beizeiten den Lesefluss. Wir sehen uns in der Leseprobe!

zeitgeister 02

Kategorien: Zeitforschung

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.