„Zeit der Modernisierung“ – so heißt die Dissertationsschrift von 1997, die ich 1999 veröffentlicht habe. Die wahre Melodie des Projektes verbirgt sich auf der CD-ROM, die zum Buch gehört (das galt damals als ziemlich innovativ …) und auf die der größte Teil der knapp 900-seitigen Schrift weichen musste. Die Texte waren dort über Hyperlinks vernetzt – „waren“ muss es heißen, weil die Links leider heute nicht mehr funktionieren (klar, wegen der „Modernisierung“ der benutzten Programme ;-). Mir war das mit der Vernetzung damals ziemlich wichtig. Das Lesen sollte wie unser Gehirn funktionieren können – nach Lust und Laune hin- und herspringend. In den gedruckten Text schafften es nur diejenige Abschnitte, die sich auf berufliche Bildung bezogen – das war der Fokus der Arbeit, die den Untertitel „Zugänge einer Modernisierungstheorie beruflicher Bildung“ trägt. Aber ich wollte über diesen Fokus hinaus die Welt in ihren Veränderungsdynamiken, von denen immer lauter gesprochen wurde, beschreiben und erklären. Dazu war ich theoretisch und sprachlich durch die Systemtheorie und die postmoderne Philosophie (auf-) gerüstet. Ich schreibe deshalb „aufgerüstet“, weil ich meine damalige Ansicht, die Sprache müsse ihren Gegenstand, ihr Thema, spiegeln, aus heutiger Sicht durchaus etwas gewaltsam empfinde. Als ich die Texte verfasste, sprach ich von „Zumutung“, denn das, was die zügellose Modernisierungsdynamik uns zumute, müsse auch sprachlich als Zumutung daherkommen – so der ambitionierte Autor. Über Komplexität können eben nur komplex gesprochen und geschrieben werden. Na ja. Es entstand ein vernetztes sprachliches Gebilde mit vielen Zu- und Abgängen. Ich erklärte (mir) die Welt. Aus heutiger Sicht ist das ziemlich erschreckend, weil sich die Wirklichkeit und die Art und Weise, wie sie sich entwickelt und verändert, mit meinen damaligen Erklärungsmodellen ganz gut beobachten lässt. Letztlich läuft der Beschreibungsversuch der Veränderungsdynamik – ich nannte sie im Zeitgeist damaliger Diskurse „Modernisierung“ – darauf hinaus, dass – wie die Kölner sagen – „et kütt wie et kütt“. Eines ergibt das andere, oftmals weil es möglich und weil es anders ist, nicht weil es Wert-, Moralvorstellungen oder anderen sinntragenden Sprachspielen genügt. Der Antrieb entsteht in einem Modernisierungsvibrieren. Es sind, wie Bourdieu (1982) dies formuliert hat, „die feinen Unterschiede“, man sieht dies kaum, aber man spürt es deutlich und allenthalben, was da zum Dauerantrieb der Veränderung wird: das Modernisierungsvibrieren. Oder literarischer und den Ambivalenzen dieser Dynamik angemessen: „Da stand etwas und drohte, überall zwischen Himmel und Wasser, vibrierend und unsichtbar.“ So Sten Nadolny.[1] Später ersetzte ich den Begriff durch den Begriff des Oszillierens. Das Modernisierungsvibrieren entsteht zwischen „moderner Faktizität“ und „postmoderner Reflexivität“. Ich nutzte die Begriffe Moderne und Postmoderne als Differenz, innerhalb derer das Modernisierungsvibrieren „tobte“. Solche Entgleisungen meiner ansonsten schwer zu durchdringenden Sprache nahmen mir damals manche übel. Heute wird mit Blick in die einschlägigen Nachrichtenquellen sichtbar, dass da einiges tobt. Was übrigens meine kühnsten Befürchtungen in erschreckender Weise übertrifft. Zwar hatte ich eine Zunahme der Zusammenbruchsempfindlichkeit attestiert, aber dass das so heftig werden würde, das hatte ich mir nicht ausgemalt. Es wäre aber zu ahnen gewesen, eigentlich … Ich war – und bin – jedoch tendenziell ein (pädagogischer) Optimist und nahm an, dass das wilde Veränderungsgeschehen, das alle Grenzen überschritt und überschreitet, durch Bildung und Formen des Lernens zu einer „qualitative Modernisierung“ entwickelt werden könne. Das sollte wohl eine Veränderungsqualität sein, die die Ressourcen und Chancen der Postmoderne zu Gunsten der Menschen und ihrer Sozialsysteme zum Vorschein brächte, also z.B. durch den unbegrenzten Zugang zum Wissen Demokratisierungsprozesse fördern würde. Dass diese Dynamik ihre eigenen nunmehr globalen Risiken, Widersprüchlichkeiten, Ambivalenzen und allzu oft Paradoxien – also jedenfalls unterm Strich: Umschlagprozesse – immer auch mit produzierte, das hatte ich zwar gesagt, aber wohl kaum geglaubt. Die Dynamik der Moderne ist auf Steigerung, Beschleunigung und Vollendung ausdifferenzierter (Sub-) Systeme angelegt, die Postmoderne hat sich in ein loses Geflecht von Sprachspielen verabschiedet. „Anything goes“ eben – das postmoderne Motto. Gelegentlich kokettierte ich mit dem Zusatz „aber it goes auch vorbei“. Da war wohl doch noch eine Vollendungshoffnung, ein „alles wird gut“ bei mir versteckt. Die Postmoderne ist auf Reflexivität angelegt, die moderne Wirklichkeiten permanent und höchst einfallsreich befragt und in Frage stellt. Und das geht immer schneller – und oft auch gleichzeitig – hin und her zwischen Fakten und deren Reflexion – im Modernisierungsvibrieren. Daraus entstehen kurzfristig wieder neue Faktizitäten, um sofort wieder reflexiv befragt zu werden, woraus sich …, ja Sie ahnen es. Und das geht immer so weiter, beschleunigt – das ist eine Signatur der Industriemoderne und es ist zunehmend vergleichzeitigt – das kennzeichnet die Postmoderne. Die Folge ist der Verlust von Sicherheiten und Letztgewissheiten, wie sie nicht erst seit Verkündung der VUCA-Welt vorausgesagt wurde. Diesen – damals wie heute meist beklagten – „Verlust“ verstand ich gerne als Vollendung der Aufklärung, als Befreiung des Menschen und der Menschheit von den letzten Zwängen der Gewissheit. Dass die auch von mir – das entsprach dem Zeitgeist – beschriebene Zunahme von Unsicherheit und Ungewissheit sich an manchen Stellen regressiv und aggressiv äußerte, das hätte mein sauber durchdeklinierter Ansatz hergegeben. Auf solche Möglichkeiten hin angesprochen, sprach ich mich meist dafür aus, die Flughöhe zu vergrößern und den Zeitfaktor in der Betrachtung der sich zuspitzenden Modernisierungslagen zu verändern. Und ich setzte auf die Kraft von Bildung, Lernen und Entwicklung. Ich war eben ein pädagogischer Optimist – und erklärte mir ja letztlich auch das, was ich als Berater, Trainer und Coach bereits damals im Kontext der beruflichen und betrieblichen Weiterbildung so machte. Und aus welchen Gründen – und vor allem wozu. Damit die Welt in ihrem immerwährenden Modernisierungsvibrieren besser werde, weil die „Reflexivität“ von gebildeten Menschen mit differenzierten Beobachterblicken und -perspektiven klug und entwicklungsorientiert gestaltet werde. Mit entsprechenden Auswirkungen auf die Systeme dieser Welt und ihre Funktionen. Dass mein Denkmodell durchaus auch so was zuließ wie eine Reflexivität, die sich nur deshalb ergibt, weil es (fern aller Sinnfragen) eben möglich ist, das wollte ich nicht so gerne hören und erst recht nicht glauben. Ich plädierte bei derartigen Beliebigkeitsverdächtigungen für Beobachtung dritter Ordnung (größere Flughöhe und so 😉 Undsoweiter. Ich war unerschrocken und im Optimismus auch dankenswerter Weise ungebrochen.

Als Geschmacksprobe dazu ein O-Ton aus der zwar ausgezeichneten, aber öffentlich kaum beachteten Schrift:

„Wenn die Erzeugung von Differenz das Merkmal ‚moderner‘ Systeme ist, dann ist die beschleunigte und verselbständigte Erzeugung von radikal pluraler (unkalkulierbarer, nicht darstellbarer) Differenz mit der Möglichkeit von Störungen das Merkmal von Systemen unter den Bedingungen postmodern verfasster Modernisierung. Es liegen also keine eindeutigen evolutionären Prinzipien vor, keine monokausalen Beziehungen und Abfolgen, keine auf Dauer gestellten Rationalitäten, sondern Netzwerke und Komplexitäten, die kurzlebig, unkalkulierbar, ungewiss oder paradox sind. Deren Semantiken und Strukturen sind ebenfalls unterschiedlich und traditionslos kurzlebig, dabei kaum rationalisierbar, und werden zum Teil irrational beobachtet.“ (Orthey 1999, CD Rom, Modernisierung.doc)[2]

Das erklärt mir vieles, was ich heute erschreckend finde, wenn ich die Nachrichten im Fernsehen und anderen Kanäle verfolge. Und nein, meine Arbeit von damals ist keine fake news. Es gibt sie wirklich. Aber was ist Wirklichkeit? Und wozu?


[1] Nadolny, Sten: Ein Gott der Frechheit. Roman. 3. Aufl. München 1994, S. 7

[2] Orthey, Frank Michael: Zeit der Modernisierung. Zugänge einer Modernisierungstheorie beruflicher Bildung. Mit umfangreicher CD-ROM. Hirzel-Verlag, Stuttgart 1999

In der „Zeit der Modernisierung“ wurde auch die Grundlage für meine Zeitumstellung gelegt. Diese ist auch heute noch erhältlich 😉

Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware. Stuttgart 2017

Leseprobe unter www.zeitumstellung.jetzt

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Fordern Sie gerne ein Rezensionsexemplar beim Autor an:

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Kategorien: GesellschaftLernen

1 Kommentar

Stefan Linxweiler · 10. April 2019 um 6:44

Ende der 90er glaubte „man“ ja noch an das „Ende der Geschichte“ bzw. den globalen Siegeszug der Demokratie westlicher Spielart. Man war sogar so vermessen, dass sich China „demokratisiere“. ME war man besoffen damals, Euphorie ohne Verstand ! Ja, Herr Orthey. Bildungsoptimist war ich damals auch. Großer Fehler ! Die sog. Aufklärung irrt durchaus mit der Einschätzung des Menschen. Das „Böse“ ist realer, stärker. Der Wille ist unfrei (so Dr. M. Luther, von dem man viel mehr lernen kann als von idealistischen Modellen).

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