„Verrückte Zeiten sind das.“ Sagt wer? Welche/r Beobachter*in? Mit welcher Unterscheidung? Verrückt oder normal? Mit Bezug auf was? Wozu? Das – und vieles andere – erscheint alles etwas verrückt in diesen Zeiten. Offenbar handelt es sich um ein Beobachtungsproblem.

Grund genug jedenfalls, um sich ein paar Verrücktheiten anzuschauen und sie auf unser Zeitverhalten zu beziehen. Um es günstigstenfalls so zu verrücken, dass es stimmiger sein kann.[1] Angesichts der ganzen Verrücktheiten um uns herum.

Verrücktheit als solche hat den Vorteil, dass wir sie ganz gut kennen, ohne sie ganz gut zu kennen. Immerhin wissen wir, dass gelegentlich Menschen verrückt werden (so nennen wir es jedenfalls), oder auch Tische oder Stühle. „In gleicher Weise, wie Tassen, die nicht alle im Schrank sind, Zeichen einer gestörten Ordnung sind, sagt aber die Verrücktheit, dass Unordnung entstanden ist – und zwar plötzlich, ohne sanften Übergang, ruck, zuck.“ (Simon 2004, S. 15)[2] Das Interessante daran ist die Frage, die sich angesichts der Wahrnehmung von Unordnung stellt: Welche Ordnung? Unordnung im Verhältnis wozu? Welche Ordnung ist – für wen – so „normal“, dass der Eindruck von Unordnung entstehen kann? Fragen also nach den Unterscheidungen, die den Wahrnehmungen von Verrücktheiten zu Grunde liegen.

Auf Basis bestimmter Unterscheidungen können wir uns völlig verrückt machen – im Sinne von: unsere Verrücktheit nachhaltig und wirkungsvoll selbst so zu organisieren, dass wir die Zuschreibungen von Verrücktheit ernten können – oder wahlweise für normal gehalten werden. Das wäre eine charmante Perspektive: Mit der Verrücktheit zu arbeiten – oder je nachdem: mit ihr zu spielen. Verrückt genug zu sein, die eigene Zeitplanung ab und an zu ignorieren oder völlig über den Haufen zu werfen und: zu tun, worauf wir gerade Bock haben. Beispielsweise. Probierens Sie es mal. Die Wirkung ist verrückt.

Zuerst will ich es aber mal systematisch versuchen – auch wenn es verrückt erscheint.

Die Kontextabhängigkeit von Verrücktheit

Es gibt Verrücktheiten, die eine bestimmte, meist geteilte Normalitätsannahme irritieren bzw. kontrastieren: Straßen sind zum Fahren da und nicht, um sich daran festzukleben. Oder so. Die Bedeutung des Kontextes wird verrückt. Das macht den einen oder die andere, die den Kontext „normal“ nutzen wollen, leicht mal verrückt. Diejenigen, die Straßen als Klebestreifen nutzen, werden für verrückt erklärt. Damit das mal klar ist. Gute Witze machen sich solche Verrückungen zu nutze.

Zudem gibt es Verrücktheiten, die aus einer bestimmten, meist geteilten Normalitätsannahme heraus entstehen. Wenn es jahrzehntelange als normal angesehen wurde, was da so im Finanz- und Bankensystem stattfand, dann eröffnete dies offenbar Tür und Tor für – jedenfalls anfangs – normal gehaltene Spielzüge, die sich dann als absurd und völlig verrückt erwiesen. Und das System nahe an den Zusammenbruch brachten. Verrückt? Normal?

Es kommt auf den jeweiligen Kontext an – und darauf, wie er von wem beobachtet wird.

Wann ist etwas verrückt? Die Zeitdimension

Anfangs der Bewegung, die uns die heutige Normalität von individueller Mobilität beschert hat, waren Elektroautos – insbesondere in den USA – normal. Mit der Karriere des Verbrenners (aufgrund der leichter handhabbaren Technik) wurden die E-Technologien in Autos zunehmend für verrückt gehalten, besonders wenn es hin und wieder einen – natürlich zu schweren, zu teuren, zu langsamen – Versuch gab. Heute erscheint es uns ziemlich verrückt, dass das so gelaufen ist. Es hat ja nicht unerheblich zur Klimakatastrophe, in der wir uns befinden, beigetragen. Wie konntet ihr nur?

Es ist also auch eine Frage der Zeit, wann etwas für normal oder für verrückt gehalten wird. Einen Angriffskrieg in Europa zu erwarten – ich bitte Sie. Lange Jahrzehnte völlig verrückt – und heute leider eine bittere Normalität.

Letztlich ist es eine Frage derjenigen Unterscheidungen und Präferenzen, die gesellschaftlich und politisch zu einer bestimmten Zeit geteilt werden. Auch das liegt an den Beobachter:innen, die dies teilen – bzw. es auch nicht teilen. Letztere waren „früher“ ganz normal anscheinend, heute scheinen sie verrückt (geworden). Meinen jedenfalls diejenigen, die dies beobachten – und dabei zusätzlich eine Zeitperspektive (früher/heute) anlegen.

Verrückt in Bezug auf was? Die Referenzfrage.

Wer sich von dem, was gesellschaftlich und politisch geteilt wird, wahrnehmbar unterscheidet, wird gerne für verrückt erklärt. Wenn Sie heutzutage mit einem 60 Jahre alten Auto unterwegs sind, kann es vorkommen, dass Sie als Umweltverpester und Verantwortlicher für die Erderwärmung beschimpft werden (früher gab es hingegen Sympathiepunkte). Das ist zwar verrückt, weil die derart agierenden die (unschlagbare) CO²-Bilanz eines solchen Fahrzeugs gar nicht kennen und auch nicht wissen, dass das Fahrzeug pro Jahr etwa 500 km bewegt wird (und auch nicht danach fragen). Es reicht aber für eine schnelle Verurteilung. Verrückt. Die derart urteilenden wähnen sich gut aufgehoben in dem, was sie gerade für normal halten. Sie teilen die breit ausgegebene Referenz einer Normalität. Ebenso wie es für manche/n verrückt klingt, den Tag zeitlich möglichst lebendig nach Lustkriterien zu strukturieren – und nicht nach ToDos auf Listen. Das kann doch nicht gutgehen – und auch nicht gut sein. Bitte! Wo kommen wir denn da hin, wenn alle machen, was sie gerade wollen. Anarchie! Die von den vermeintlichen Zwängen und Fremdbestimmtheiten von Organisationen, Führungskräften und Coaches verrückt gemachten, sind verrückt genug, sich aller Lebendigkeit zu berauben und knechten sich in der Abarbeitung abstrakter ToDos – nur, weil die eben gerade auf der Liste stehen. Nicht weil es an der Zeit ist, dies und nicht das zu tun. Schräg.

Die Abweichung von dem, was für normal gehalten wird, gilt schnell als verrückt. Die Referenzfrage bleibt insofern zentral bei allem, was uns verrückt macht, oder was wir für normal halten.

Insofern: Ja, das mit den verrückten Zeiten ist zuallererst einmal ein Beobachtungsproblem.

Grundsätzlich folge ich bei alldem Geschriebenen der Selbstorganisationsannahme von Verrücktheit, die besagt, dass ein System in der Lage ist, seine Verrücktheit in Bezug auf eine bestimmte Funktion und Reaktion, die ihm nützlich erscheint, selbst zu organisieren. Wenn wir diese Annahme auf unser Thema beziehen, dann hätten kluge Zeitgenoss*innen ihre eigene Verrücktheit (neu) erfunden und konserviert.

Diejenigen, die verrückt genug gewesen wären weiterzudenken, hätten diese Verrücktheit auch zur organisationalen Routine etabliert und sie kulturell verfestigt. Eine derart „verrückt gemachte Organisation“ wäre eine Organisation, die die „Normalität“ organisationaler „Krankheit“ zum Konzept ihrer Reproduktion gemacht hätte. Verrückte Organisationen sind völlig normal (das bestätigen nicht nur viele Klient*innen im Coaching), nicht aber solche, die sich die Unterscheidung von Normalität und Verrücktheit zunutze machen. Eine verrückte Organisation hätte gelernt, dass den Spielarten von Normalität und Verrücktheit das gleiche Strukturierungsprinzip zugrunde liegt: das Unterscheiden. Sie hätte gelernt, die ihr eigenen, „normalen“ organisationalen Verrücktheiten konsequent auf sich selbst anzuwenden. Damit könnten sie zum Beispiel verrückt genug sein, die Bequemlichkeit einer eigenen Geschichte, die sich über das wiederholte Erzählen gleicher Geschichten (z.B. vom Erfolgsmythos des Gründers) tradiert und verfestigt, zu zerstören. Und neue (verrückte 😉 Geschichten zu (er-) finden. So würden sie sich „kontrolliert“ verrückt machen, die Verrücktheit als Ressource abschöpfen, statt sie zu bekämpfen. Und sich lebendig halten oder wieder machen. Systemiker*innen brauchen dazu nur das zu tun oder zu lassen, was sie selbst hervorbringen: Ordentlich Unordnung. Sie müssten nur die Fähigkeit etablieren, dies anders zu beobachten. Via Lernen und Entwicklung. Um zu unterscheiden, was sich unterscheidet, was sich unterscheidet usw.

Ende organisationaler Diskurs – das wäre ohnehin ziemlich heftige, verrückte Zukunftsmusik. Umso wichtiger könnte es für sogenannte lernende Organisationen sein, sich in diesem Sinne verrückt zu machen. Das wäre mal ein echtes „Learning“ (womöglich künftig auch eines ohne dieses dumme Wort).

Zurück auf niedrigere Flughöhe: Und wie geht das nun mit den verrückten Zeiten? Zeit, das war ja immerhin der hier gesetzte Fokus. Wäre ja verrückt, den zu ignorieren 😉

Zunächst ist es hilfreich, die Normalität (oder je nachdem: die Verrücktheiten) des eigenen Zeitverhaltens zu erkunden, also der Frage nachzugehen, wie die eigene Zeitverwendung an Arbeits- und an arbeitsfreien Tagen ist (Selbsteinschätzung dazu in Orthey 2017, S. 180ff). Dies ist sinnvoll möglich anhand der Kategorien des Zeitmodells.

Die Zeiten ordnen im Fünfeck: Das Modell der Zeitdimensionen[3]

Auf dieser Grundlage ist eine Antwort möglich, in Bezug auf was ich mich verrückt machen kann. Was ich sinnvollerweise verrücken kann. Weil es einen Nutzen verspricht für mein eigenes Zeitverhalten.

Zudem kann es hilfreich sein, sich zu überlegen, für wen ich mich verrückt machen sollte. Für mich selbst? Für wen aus meiner Umwelt?

Und in welchem Kontext sollte ich etwas verrückt(er) sein: Im Sportverein oder im Business?

Und wann? Immer? Gelegentlich? In festgelegten „Zeitfenstern“?

Letztlich muss sich jede und jeder selbst zeitlich verrückt machen. Aber nicht so, wie das die allermeisten Zeitgenoss*innen heutzutage sich selbst und ihrer Umwelt vormachen. Keine Zeit, keine Zeit! Nein, nicht so. Das ist ja – leider – normal.

Sondern gezielt verrückt.

Das heißt: die bewusste Nutzung der Unterscheidung „verrückt/normal“. Mit dem Ziel, zu einem für sich selbst stimmigen Zeitverhalten zu kommen. (Also beileibe nicht: Um für verrückt gehalten zu werden!)

Falls ich also merke, dass das so wie es ist, nicht passt, weil ich mich immerzu gestresst und getrieben fühle, dann bedeutet eine Verrücktheit: es umzudrehen – und es ganz anders zu machen. Auch wenn es mir (zunächst) völlig verrückt erscheint.

Womöglich geht einiges anders, einiges auch nicht, weil es dann doch etwas zu verrückt war, immer zehn Minuten zu spät zu kommen … Was allerdings meist auf der Habenseite steht, ist eine alternative Erfahrung. Die Wirklichkeit, die ich dann erfahre, wenn ich etwas verrücke, kann anders sein als diejenige, die ich immer für normal gehalten habe. Es gibt Alternativen.

Ich muss nur verrückt genug sein, sie zu sehen – und dann: diejenigen zu wählen, die ich brauchen kann.

Der eigene Zeitwohlstand wird es danken.

Normal oder verrückt?

Das ist letztlich nur eine Unterscheidung.

Wir können sie nutzen, um etwas anderes zu sehen und zu spüren zu bekommen.

Gute Zeiten – und seien Sie verrückt genug, um wieder so normal sein zu können, wie Sie es brauchen!

***

[1] Ich bin verrückt bzw. normal genug, mich in dem folgenden Text auf bereits beschriebene Verrücktheiten aus meiner Habilitationsschrift bzw. aus dem ABC für systemisches Denken und Handeln zu beziehen. Alles völlig normal!

[2] Simon, Fritz B.: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich. Zur Selbstorganisation der Verrücktheit. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg, 10. Aufl. 2004

[3] Vgl. Orthey, Frank Michael: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe, Freiburg 2017. Dort findet sich auch eine Selbsteinschätzung zur persönlichen Zeitverwendung (S 180ff).

***

Hören Sie doch auch mal in den ORTHEYs-Zeitzeichen Podcast hinein:

Oder Sie schökern in den Zeitzeichen:

ZEITZEICHEN

Ein ABC unserer Zeit.

ISBN 978-3-7504-3216-1

€ 19,99 [D] incl. MwSt.

Erhältlich bei BoD: https://www.bod.de/buchshop/zeitzeichen-frank-michael-orthey-9783750432161

Kategorien: Zeitforschung

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