Ein gutes neues Jahr 2020! Das wünschen wir Ihnen. Dies ist eine momentan in den ersten Tagen des neuen Jahres gerne genommene Wunschformel. Oftmals versehen mit besonders betonten und unterstrichenen Beifügungen. Gesundheit scheint nach meiner Alltagswahrnehmung ganz vorne mit dabei zu sein, vielfach verbunden mit Zufriedenheit und Erfolg. Angesprochen werden offenbar solche Kategorien unseres Seins, die sich nur begrenzt durch uns beeinflussen lassen. Deshalb wünschen wir sie uns gegenseitig in diesen Tagen – um sie für den oder die andere wahrscheinlicher zu machen. Obschon durch Sprache das entsteht, was wir „Wirklichkeit“ nennen, ist die Zunahme der Wahrscheinlichkeit bezogen auf die Wünsche teilweise nur schwer haltbar. Das wissen wir angesichts so mancher Erinnerung an gesundheitliche, private und berufliche Schicksale, die sich von den Neujahrswünschen unbeeindruckt zeigten oder sie sogar in ihr Gegenteil verkehrten. Umso wichtiger ist der Wunsch in diesen Tagen. Wenn er schon nichts wahrscheinlicher macht, so kommt in ihm doch Hoffnung zum Ausdruck, dass sich dieses oder jenes im neuen Jahr positiv(er) entwickle – bei uns selbst, bei den Menschen, denen wir uns nahe fühlen oder zu denen wir eine so besondere Beziehung unterhalten, dass wir unsere Wünsche derart hoffnungsfroh adressieren. Der Wunsch zum neuen Jahr ist zum Ausdruck gebrachte Hoffnung, die wir gerne teilen möchten. Und ja, wir wünschen dies in der Hoffnung, dass die mit unseren Wünschen zum Ausdruck gebrachten Wirklichkeiten wahrscheinlicher werden mögen. Das wollen wir gerne glauben. Dieser Glaube in die Wirksamkeit unserer Hoffnungen entlastet – nicht nur angesichts der (wieder mal) weltpolitisch beängstigenden Nachrichtenlage. Auch angesichts dessen, was wir so an Befürchtungen und persönlichen Ängsten mit uns herumtragen. Solcher Glaube braucht Vertrauen – das ist (im Vertrauen gesagt: etwas eckig formuliert) ein psychischer und sozialer Mechanismus, der Komplexität reduziert. Wir brauchen solche Formen („Mechanismen“), um angesichts der immer neuen Zumutungen und Herausforderungen der uns umgebenden VUCA-Welten[1] Sicherheit zu bekommen, um (noch, wieder) durchzublicken und angemessen handeln zu können. Manch eine/r setzt auch auf andere Mechanismen, die beispielsweise Planungen oder Verträge nutzen, um eine gute, eine bessere Zukunft wahrscheinlicher erscheinen zu lassen. Mit solchen Formen sind wir in der Abteilung „Vorsätze und Bucket lists“ angekommen, Formen, wie sie zu Beginn des neuen Jahres recht gerne genommen werden, um unsere Hoffnung auf gute, bessere oder veränderte Zeiten zu stärken. Vertrauen in Vertrauen hat demgegenüber den Charme, dass die Komplexitätsreduktion, um die es geht, durch Subjektivierung besondere Formen annimmt (Luhmann)[2]. Sind Mechanismen der Planung auf der rationalen, distanzierten Ebene anzusiedeln (und blenden von dort mit Machbarkeitszuschreibungen), ist Vertrauen hingegen bei (und in!) der Person zuhause, also auf einem anderen, einem näheren, einem „persönlichen“ Niveau, „auf dem Unsicherheit absorbiert bzw. tragbar gemacht wird. Das System setzt innere Sicherheit an die Stelle äußerer Sicherheit und steigert dadurch die Unsicherheitstoleranz in externen Beziehungen.“ (Luhmann 1989, S. 27/28) Wir verlagern die Komplexitätsreduzierung in uns selbst und verlassen uns nicht auf die (trügerischen) Sicherheiten von Planungsmechanismen. Dadurch sind wir innerlich so gestärkt und so „aufgestellt“, dass wir die Unsicherheiten externer Beziehungen besser aushalten und auch gestalten können. Wenn wir auf Vertrauen setzen, setzen wir zudem auf ein soziales Kapital, das Transaktionskosten reduziert, weil keine Kontrollen mehr nötig sind oder weil Verträge nicht geschlossen werden müssen. Damit Vertrauen diese persönliche und soziale Funktion erfüllen kann, ist es notwendig, dass es – zunächst „innerlich“ – entstehen kann. Denn Vertrauen kann nicht einfach verfügt werden, es kann sich nur entwickeln, es braucht Zeit und entsprechende emotionale Voraussetzungen. Damit Vertrauen „gelingen“ kann, braucht es echte Zuwendung, echtes Interesse, an sich selbst, an den anderen und an den Themen, den (Organisations-) Formen und Kulturen, die diese Welt annimmt. Kurzum: Es braucht Liebe zu alledem. „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ So ist es im Korintherbrief zu lesen (1. Korinther 13). Damit wir darauf – und auf anderes – vertrauen können im neuen Jahr, ist Mut angesagt – auch angesichts der Zumutungen, denen wir begegnen. Aber immerhin steckt in dem Wort Zumutung ja auch der Mut. In solchem Vertrauen gesagt wünschen wir Ihnen einen frohen Mut!

Damit unsere Wünsche wahrscheinlicher werden können (Konjunktiv!), kann Vertrauen in Glaube, Hoffnung und Liebe hilfreich sein. Damit dieses Vertrauen entstehen und dann gehalten werden kann, braucht es Spielräume.[3] Das sind auch zeitliche Spielräume jenseits der durchgetakteten Alltagserfahrungen und der zeitlich wirksamen Verlockungen des ganzen smarten Wischi-Waschis, mit denen wir uns heutzutage gerne ablenken (von was eigentlich?). In solchen geschützten zeitlichen Spielräumen kann Vertrauen entstehen und gehalten werden. Ein Vertrauen, das Sicherheit gibt, die wir brauchen, um uns als gut aufgehoben und stimmig in und mit dieser Welt und ihren Menschen verbunden zu fühlen. Schaffen und halten Sie insofern Ihre zeitlichen Spielräume im neuen Jahr, damit unsere Wünsche gut wirken können.

[1] Diese heute oft überstrapazierte Abkürzung steht für die englischen Begriffe volatility (Unbeständigkeit), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit).

[2] Das ist aus einem Klassiker von Niklas Luhmann (1989, S. 27), der für Leser*innen dieses Blogs und systemtheoretisch Erstverdächtige für Formulierungen auf diesem Niveau bekannt und manchmal auch gefürchtet ist. Vgl. Luhmann, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität. 3. Aufl., Stuttgart 1989

[3] „Vertrauen und Bildung sind (…) qualitative Dimensionen. Sie brauchen Spielräume jenseits eines ausschließlich ökonomisch gestalteten Raumes.“ (Geramanis, Olaf: Vertrauen. Die Entdeckung einer sozialen Ressource. Hirzel-Verlag, Stuttgart 2002, S. 231)

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Wenn Sie die „Zeit zwischen den Jahren“ – auch ein zeitlicher Spielraum – genießen konnten und Lust haben auf mehr und andere „Zeitzeichen“ haben, dann können Sie die anstehende „Zeit zwischen den Jahren“ für kleine Lektüren in meinem neuen „ABC unserer Zeit“ nutzen. Dort finden Sie Texte und Impulse für gute Zeiten, z.B. zu den Stichworten: Abschluss – Anfang – Augenblick – Auszeit – Beschleunigung-  Chillen – Dauer – Eigenzeit – Eile – Endlichkeit – Entschleunigung – Ewigkeit – Fastenzeit – Gelassenheit – Hektik – Knappheit – Langeweile – Langsamkeit – Moment – Muße – Naturzeit – Pause – Qualitätszeit – Rasten – Rituale – Schnelligkeit – Sofortness – Sommerzeit – Stau – Takt – Rhythmus – Trödeln – Uhr – Unterbrechung – Urlaubszeit – Vergleichzeitigung – Warten – Weile – Wiederholung – Zeitfenster – Zeitfresser – Zeitmanagement – Zeitmangel – Zeitverlust – Zeitwohlstand – Zukunft – Zwischenzeit.

Gute Zeiten!

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Ein ABC unserer Zeit.

ISBN 978-3-7504-3216-1

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Kategorien: Zeitforschung

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