Denken Sie zurück an Ihre Jugendzeit. Mit einiger Wahrscheinlichkeit erscheint eine mehr oder weniger wilde Gemengelage aus stark gefühlsmäßig besetzten Bildern. Oft sind diese von Widersprüchen geprägt. Einerseits sich entfaltend im Schutze der noch präsenten Kindheit und des Elternhauses, andererseits sich davon stark abgrenzend. Solche Einerseits-andererseits-Gefühle deuten darauf hin, dass die Jugendzeit eine Übergangszeit ist. Dies zeigt sich nicht nur in Sach- und Sozialdimension (andere Interessen, andere Beziehungen), sondern es wirkt sich auch in der Zeitdimension aus. Wenn es denn stimmt, dass Zeit viel mit Macht zu tun hat, dann kristallisiert sich dies in vielen Jugendzeiten im Ringen um die Zeithoheit. Wann was tun müssen oder dürfen, bis wann wo sein sollen oder (nicht) wollen – um diese und ähnliche Fragen herum finden zentrale und machtvolle Auseinandersetzungen statt. Sie müssen stattfinden, sind notwendig, um ein eigenes zeitliches Bewusstsein und bestenfalls zeitliche Souveränität zu entwickeln. Hier wird der Umgang mit der eigenen, mit der Zeit anderer und mit der Zeit in dieser Welt gelernt – und zwar nicht im Sinne eines Zeitmanagement-Zugangs sondern als Beitrag zur Entwicklung von persönlicher Identität. Die eigene Besonderheit nimmt auch zeitlich Gestalt an. Identität ist auch zeitliche Identität. Denken sie an gemütliche Zeitgenossen, die nichts in Stress bringen kann oder an die Berufshektiker, die ständig am Rad drehen, an die Schnellmerker oder an diejenigen, die immer etwas länger brauchen, an Morgentypen („Lerchen“) oder an Spätmenschen („Eulen“). Zeitliche Identität bildet sich in der (Jugend-) Zeit aus – und wird fortan im Zeitverhalten sichtbar. Insofern wird in Jugendzeiten heftig um Zeiten gerungen und gestritten. Das braucht Abgrenzung, denn gelernt wird an Grenzen. Diese Grenzen äußern sich auch im Augenrollen der betroffenen Altersgruppen, die füreinander zur Zumutung werden – auch zeitlich: die einen pünktlich, die anderen flapsig und mit zeitlichen Dehnungsfugen überausgestattet. Die einen verbindlich, äußerst genau, die anderen flexibel, lässig und chillend – was den einen auch guttun würde (sie dies aber nie zugeben würden). Hier fordernde zeitliche Disziplin oder wahlweise zeitliches Helicoptern, dort zeitliche Unbestimmtheit, die aber erstaunlicherweise oft ziemlich präzise funktioniert. Die einen wenden sich ge- oder entnervt ab – es geht eben doch nicht nur um Zeit. Die anderen glotzen in ihr Smartphone. Dieses allgegenwärtige Gerät ist heute für alle Jugendlichen ein wichtiger sachlicher, sozialer und auch zeitlicher Navigator. Aber die „Netzaktivitäten schließen soziale Kontakte in der physischen Realität keineswegs aus. Neun von zehn Jugendlichen treffen sich mindestens ein- bis zweimal pro Woche mit Freundinnen und Freunden und verbringen mit ihnen Zeit. Ähnlich sieht es bei körperlichen Aktivitäten wie Sporttreiben aus.“[1] Dabei eröffnet die virtuelle „Sozialraum“ Internet anders als zu meiner fast medienfreien Jugendzeit einen nahezu unbegrenzten Erfahrungsraum der Selbstfindung. Wunderbar doch. Und klar auch, dass eben die zeitlich umfängliche Nutzung dieses Raums heftige Abgrenzungsanstrengungen derjenigen provoziert, die dergestalt ihrer Zeithoheit beraubt werden. Sie versuchen beispielsweise – oft mit nachlassendem Erfolg – die Zeiten im Netz zu begrenzen. Jugendzeiten finden heute zu einem großen Teil in virtuellen Welten statt. Dort erleben und entwickeln junge Erwachsene auch ihre zeitliche Souveränität, weitgehend ungestört, zeitautonom quasi. Und auch weil das in virtuellen Realitäten etwas geschützter vor Zugriffen von außen funktioniert, spielt sich hier zeitlich viel ab. Mit einem Wisch ist schließlich alles weg und gesperrt. Da kann kaum jemand zeitliche Limitierungen setzen wie sie vor den Netzzeiten üblich waren. Hieß es damals bereits mit leicht genervtem Unterton: „Um 24.00 Uhr bis Du spätestens zuhause!“ heißt es heute eher: „Leg doch mal dieses Ding weg! Was machst Du da eigentlich die ganze Zeit? Du kommst ja kaum noch vor die Tür …“ Jugendliche verbringen heute viel Zeit im Netz und sie nutzen sie auch, um sich zeitlich zu organisieren und zu positionieren. Diese Zeiten im Netz, in Chats, in den Social-Media-Kanälen, haben andere, ganz eigene Erlebnisqualitäten. Das wird von der Erwachsenenwelt gerne hochkritisch betrachtet, gehört aber berechtigterweise in einer Umwelt, die in Prozessen digitaler Transformation vom Netz her gedacht wird, sinnvollerweise zur Erlebniswelt von Jugendlichen. Sie entwickeln hier diejenigen Kompetenzen, die sie künftig brauchen. Nebst Risiken und Nebenwirkungen. Aber die gab es in den ehemaligen netzfreien Welten auch.

Heute entfaltet jugendliche Eigenart ihr Macht im Netz – und das ist ja auch mit Realitäten in echten Sozialräumen gekoppelt. „Fridays for future“ ist jedenfalls auf wirklichen Plätzen in unseren Städten zu sehen – und ist zeitlich reflektiert eine ziemlich interessante Sache: denn es geht ja um Zeit, erstmal um Schulzeiten (was das Schulsystem zwischen Toleranz und Hilflosigkeit quittierte) und dann um sehr existenzielle Zeiten für die Menschheit, um Zeit und Klima.

Es spricht einiges dafür, dass Menschen in der Phase des Erwachsenwerdens Muster entwickeln und sich aneignen, die sie zeitlebens prägend begleiten. Das sind Muster, die nicht mehr aus dem Kind-Ich unreflektiert von Eltern und Vorbildern übernommen wurden, sondern die im Erwachsenenwerden selbst und autonom in Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickelt werden. Worum es in dieser Übergangszeit geht, beschreibt Christian Lüders vom Deutschen Jugendinstitut in seinem Beitrag im Zeitpolitischen Magazin (ZpM) der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik: „Mit den drei Kernherausforderungen an Jugendliche – erstens sich zu qualifizieren, zweitens sich zu verselbstständigen und drittens einen Platz in der Welt zu finden, also sich zu positionieren (vgl. Deutscher Bundestag 2017, S. 95ff.) – sind unterschiedliche Zeithorizonte verbunden. Jugendzeit ist heute geprägt durch Widersprüche zwischen Beschleunigungen und Entschleunigungen, zeitlichen Verdichtungen und Ausdehnungen, Entgrenzung/Verflüssigung und Begrenzung (vgl. Lüders 2007).“[2] Die Jugendzeit versorgt unter den aktuellen Bedingungen übrigens auch mit neuen Widersprüchen: Jugendliche, die noch nicht mit Zeiten für Erwerbsarbeit und Familiengründung und -versorgung befasst sind, haben Zeitwohlstand, um sich selbst (nicht nur zeitlich) zu finden und zu positionieren – so die klassische Zuschreibung. Die Befunde des Surveys des deutschen Jugendinstituts „Aufwachsen in Deutschland“ (kurz: AID:A) zeigen aber auch, dass es bei Schülerinnen und Schülern der Hauptschule und des Gymnasiums Gefühle der Verdichtung von Zeit und von zu wenig gemeinsamer Zeit mit Freundinnen und Freunden gibt. Innerhalb dieses Widerspruch schaffen sich Jugendliche „Freiräume für sich selbst, in denen sie Zeiten im Internet oder gemeinsam mit Peers verbringen oder, oft auch gemeinsam mit diesen, nichts tun bzw. rumhängen.“[3]

Dies ist die Herausforderung und zugleich die Chance, dass Jugendliche heute lernen mit Widersprüchen umzugehen. Insofern ist es systemisch gesehen höchst wirkungsvoll, wenn sie bereits in der Phase der Kompetenzentwicklung Widersprüche erleben und erfahren. Und das ist aktuell unausweichlich. Insbesondere für diejenigen, die sich viel im Netz herumtreiben, werden die Ambivalenzen dieser Welt allgegenwärtig. Insofern ist (pädagogischer) Optimismus angesagt, wenn es mal wieder um einen prüfenden Blick auf die Jugendzeit geht.

Womöglich ist es der eigentliche blinde Fleck, von sowas wie „Jugendzeit“ überhaupt zu sprechen. „Das ist eine bürgerliche Kategorie“ – würde das Känguru in Marc-Uwe Klings Känguru-Chroniken anmerken.[4] Jugendzeit wirkt so ähnlich wie Alterszeit. Allein das Wording erzeugt Widerstand. Und lenkt ab von den Ressourcen der Zeitverwendung, die sich alters- und das heißt bedürfnisorientiert verändern kann. Eigentlich ein guter Lernanlass. „Witzig oder nicht witzig, das sind die einzig verbleibenden Kategorien der Postmoderne.“ So mischt sich das zitierte Känguru wieder unaufgefordert ein (es wirkt bisweilen etwas pubertär). Für Jugendliche ist diese sprachliche Etikettierung oft gar nicht witzig. Denn „Jugend“ ist zuallererst eine Erfindung von Erwachsenen, die der Komplexitätsreduktion dient und die Welt in eine zeitliche Ordnung (von Generationen) bringt, die sie erst mal übersichtlicher macht. Und die einen feinen Unterschied macht zwischen denen, die schon durch sind, und denjenigen, die das noch hinter sich bringen müssen. Und die einstweilen ihre Füße unter die Tische bürgerlicher Eltern strecken. „Die Jugendzeit ist wahrhaftig die schönste Zeit, wenn man die Eltern wegrechnet und den Alkoholkonsum multipliziert.“ So heißt es dazu auf Stupidedia.[5] Es gibt halt nichts, was es nicht gibt heutzutage in den unterschiedlichen Welten, die Jugendliche erleben können. Sie leben heute in vielen Welten mit vielen Grenzen und Differenzierungen, mit alten und neuen. Diese Vielfalt ist es, die heutzutage Sinn macht. Heinz Hengst zitiert in seinem Beitrag in der „Jugendzeit“ den Soziologen Nick Lee. Dessen Alternative zu den traditionellen Entwicklungstheorien ist das Konzept der „Multiplizierung des Werdens“. „Damit ist zum einen gemeint, dass es nicht den einen Werdegang gibt, und zum anderen, dass alle (immer) Werdende sind, dass der Status des „Werdens ohne Ende“ den neuen Standard darstellt.“ In der sogenannten Kindheit, der Jugendzeit wie auch für die selbsternannten Erwachsenen kann menschliches Leben als „multiples Werden“ („involvement in multiple becomings“) verstanden werden.[6] Das entspricht der heutigen Vervielfältigung der Lebenswelten und den damit verbundenen neue Differenzen und Differenzierungen und nutzt dies als Beobachtungs- und eben auch als Entwicklungskonzept. Charmant daran erscheint, dass eine zeitlich lebensbegleitende Perspektive das Ringen um die (zeitliche) Deutungshoheit verschiedener Lebensphasen, die ja letztlich mit der Unterscheidung „richtig/falsch“ operiert, entkrampft. Vielmehr wird das, was heute noch allzu oft als „Jugendzeit“ voretikettiert wird, nun als Teil eines Werdens in Vielfalt verstanden, das kein Ende hat. Allein dieser Blick kann dazu führen, zeitliche Autonomie und Souveränität durch unterschiedliche Navigationserfahrungen zu entwickeln, statt durch den harten Kampf an Grenzen. Multiples Werden heißt auch Grenzüberschreitungen zuzulassen und sie zu nutzen für ein kompetentes, reflektiertes und emotional stimmiges Leben in zeitlicher Vielfalt. Das ist auch ein Kontrastprogramm zu den heute alltäglich und prominent präsenten Umkippeffekten der Vielfalt, ein Kontrastprogramm zur „Vereindeutigung der Welt“[7] durch einfache leicht zu teilende und zu likende „Wahrheiten“ zugunsten eines werdenden Umgangs mit den Differenzen, die uns heute begegnen. Der produziert günstigstenfalls den Nutzen von mehr zeitlicher Autonomie und Souveränität durch mitwachsende Navigationskompetenz. Damit die Jugendzeit doch zu etwas gut ist 😉

Klassische Navigationshilfe: Der Leuchtturm

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[1] Deutsches Jugendinstitut: „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (kurz: AID:A), vgl. Walper, Sabine/Bien, Walter/Rauschenbach, Thomas (Hrsg.): Aufwachsen in Deutschland heute. Erste Befunde aus dem DJI-Survey AID:A 2015. München: Deutsches Jugendinstitut, S. 46-50, hier zitiert nach: Berngruber, Anne/Gaupp, Nora: Aspekte zeitlicher Freiräume von Jugendlichen. In ZPM NR. 34, JULI 2019, S. 19 – 21

[2] Lüders, Christian: Die Abgrenzung der Jugendphase als gesellschaftspolitisches Projekt. In: ZPM NR. 34, JULI 2019, S. 14/15, http://www.zeitpolitik.de/zeitpolitikmagazin.html

[3] Berngruber, Anne/Gaupp, Nora: Aspekte zeitlicher Freiräume von Jugendlichen. In ZPM NR. 34, JULI 2019, S. 21

[4] http://www.marcuwekling.de/werke/

[5] https://www.stupidedia.org/stupi/Jugendzeit

[6] Hengst, Heinz: Erwachsenwerden in multiplen Sozialräumen. ZPM NR. 34, JULI 2019, S. 11 – 13, http://www.zeitpolitik.de/zeitpolitikmagazin.html

[7] Bauer, Thomas: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust von Mehrdeutigkeit und Vielfalt. 6. Auflage Reclam, Ditzingen 2018

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Kategorien: Zeitforschung

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