Am Aschermittwoch war wieder mal alles vorbei. Das Lied, in dem dies besungen wird, beklagt das nahende Ende der ausschweifenden Karnevalszeit. Der Karneval war eine Überspitzung des Möglichkeitsüberschusses, für den es heute ja eigentlich überhaupt keinen Karneval mehr braucht, weil es zur Alltagserfahrung geworden ist, das Erleben durch Erwartungen zu überfordern. Der Karneval setzt jährlich noch einen oben drauf auf unsere Alltagserfahrungen. Damit ist jetzt wieder mal Schluss. Fastenzeit ist angesagt. „Die Fastensaison steht vor der Tür“ – so die FAZ. Wollen mer se reinlasse?

War Karneval eine Zeit selbstbestimmter Entgrenzungen, so ist die Fasten-Zeit die Wahrnehmung selbstbestimmter Begrenzungen. Das erschöpfte oder gar kranke Selbst kann sich mal wieder – einmal im Jahr – von der „Last des Möglichen“ (Ehrenberg) entlasten, indem es sich selbst verpflichtet, Möglichkeiten weg zu lassen statt immer wieder neue hinzuzufügen. Im vergangenen Jahr habe ich in diesem Blog die Möglichkeit hinzugefügt, die Fasten-Zeit mal für ein Zeit-Fasten zu nutzen und bestimmte Zeiten wegzulassen. Nur mal so trainingshalber versteht sich. Denn um Weglassen geht es ja beim Fasten meist. Zurück zum einfachen und guten Leben. Weniger ist mehr. Befeuert von Interessenträgern, die als Trittbrettfahrer der kirchlichen Fastenzeit Fastenmöglichkeiten ins Spiel mit dem Verzicht bringen, sind aktuell im Aufwind der Fastengemeinde: Autofasten (Fahrrad statt SUV), Plastikfasten (Jute statt Plastik), klassischerweise Alkoholfasten (klarer Kopf statt Rauschzustand), Medienfasten (Tagesschau statt Netflix, Telefonzelle statt Smartphone) und als Impuls von der evangelischen Kirche gesetzt: Lügen-Fasten (Wahrheit statt Flunkern), um – so die EKM-Landesbischöfin Ilse Junkermann – das „gegenseitige Vertrauen“ zu stärken. Ob durch solche Fasten-Vorsätze nachhaltige Veränderungen in dieser Welt oder bei einzelnen Menschen möglich werden, darf nach einschlägigen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen bezweifelt werden. Dennoch läuft die Nutzung von Abstinenz und Enthaltsamkeit auch bei solchen Zeitgenoss*innen, die nicht der christlichen Leere verpflichtet sind. Möglicherweise bedient die Fastenzeit eine Sehnsucht nach dem Weniger statt Mehr-Desselben, nach Komplexitätsreduzierung statt deren Überschüssen und den nicht mehr handhabbaren tagtäglichen Folgen, nach Übersichtlichkeit statt Unübersichtlichkeiten, nach Begrenzungen statt Entgrenzungen, nach Eindeutigkeiten statt Mehrdeutigkeiten, nach Sicherheit statt Unsicherheiten, nach Orientierung statt Orientierungslosigkeit. Gegenprogramme also zu den Dynamiken der VUCA-Welt. Meist haben die daraus abgeleiteten Fasten-Projekte zeitliche Folgen. Mehr Zeit für Bewegung statt für Umweltverschmutzung, andere Zeiten des Konsums, mehr Zeit für Wahrheiten statt für Fake-News, Zeiten für Nichts-Tun statt Smartphone-Wischerei, Zeiten im Nacheinander statt Vergleichzeitigung, Zeit für sich selbst, für Begegnungen oder bestimmte Verrichtungen oder Verzichte statt ein Dahinrauschen und Vorbeifliegen dessen, was wir Zeit nennen. Wir bekommen sie womöglich beim Fasten wieder etwas mehr zu fassen – statt ihr ständig hinterher zu hecheln. Mehr markierte Bewusstheit und justiertes Bewusstsein statt das Einerlei des ständigen flüchtigen Allerleis.

Was ist anders in der Fasten-Zeit?

Zunächst gibt es eine klare zeitliche Rahmung, die – jedenfalls im kirchlichen Sinne – an Aschermittwoch beginnt und an Ostern endet. Anfang und Ende, die eine klare Orientierung geben, statt Übergangslosigkeit. Und es gibt Vorsätze und Vorhaben, manche formulieren sogar Ziele – statt der Möglichkeit, dass immer und ständig alles (auch anders) möglich ist. Es gibt Begrenzung statt Entgrenzung als Konzept. „Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein“ – so der leicht abgenutzte, nichtsdestoweniger passende Sinnspruch dazu. Klare zeitliche Rahmung und Ordnung sowie Fokussierungen auf Bestimmtes, auf Gewähltes – das macht Unterschiedserfahrungen möglich, die auch zeitlicher Art sind. Solche Unterschiedserfahrungen werden offenbar heute geschätzt. Genaugenommen wird das Fasten damit zwar Bestandteil der Entgrenzungsdynamik, weil es ja als zusätzliche neue Möglichkeit Einzug ins Selbstoptimierungsrepertoire unseres Lebens und Arbeitens hält, aber vielleicht – eine kleine Hoffnung – macht diese Unterschiedserfahrung ja einen Unterschied zu den üblichen Möglichkeitserfahrungen, die kommen und auch ganz schnell wieder gehen zu Gunsten neuer anderer Möglichkeiten. Vielleicht gibt es ja beim Fasten Wiederentdeckungen vergessener oder flüchtig gewordener Erfahrungen, z.B. von Zeiten, die einer Ordnung im Nacheinander folgen, das an eigenen und natürlichen Rhythmen angekoppelt ist oder von bestimmten Eigenzeitritualen oder von echten Pausen oder verloren gegangener zeitlicher „Biotope“. Das oder Ähnliches wäre doch schon mal was mit Blick auf mögliche nachhaltige, sprich dauerhafte Wirkungen, die sich ja dann einstellen, wenn wir etwas schön, attraktiv, lustvoll finden – und nützlich. Und es uns deshalb beibehalten und wiederholen statt in alte Muster zurück zu schlittern – bis zur nächsten Fastenzeit. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gute Fasten-Vorsätze mit dauerhaften Wirkungen für stimmige Zeiten. Nur mal so als neue Möglichkeit …

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Kategorien: Zeitforschung

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