Urlaubszeit ist Zeit zum Reisen. Das gilt für viele, die es in die Ferne zieht. Andere bleiben daheim und treten dort ihre kleinen (Heim-) Reisen an. Sie bereisen bekannte Orte, die sie im Urlaubsmodus ganz anders kennenlernen. Für beide – die Fernreisenden und die Nahreisenden – ist es eine Zeit-Reise. Jenseits der zeitlichen Zwänge und Zumutungen des Alltags. Aber natürlich gibt es auch auf Reisen zeitliche Verbindlichkeiten. Flieger fliegen nicht wenn sie voll sind, sondern (bestenfalls) nach Flugplan, ebenso wie Züge (vermutlich etwas seltener) nach Fahrplan fahren. Und auch die Reisezeiten auf der Autobahn werden natürlich zeitlich geplant – Werkzeuge dafür gibt es ja heute, die das auch minutengenau machen und eventuelle „Zeitverluste“ gleich mitangeben. Also auch hier ebenso wie im Alltag: zeitliche Verbindlichkeiten. Was aber ist der Unterschied?

Reisezeiten planen wir einerseits anhand der eigenen zeitlichen Bedürfnisse. Sie sind insofern – bestenfalls – weitgehend selbstbestimmt. Andererseits gehören sie zum Modus „Freizeit“ oder Urlaub und nicht zum Kontext Alltag und Arbeit. Beides macht andere Gefühle als über Outlook-Kalender oder übervolle, nie abzuarbeitende To-Do-Listen gesteuerte Termine oder Zeiten. Wenn ich auf Reisen gehen will oder bin, dann bin ich emotional nicht im unabwendbaren Alltags- und Arbeitstrott, sondern eben in selbst gewählten zeitlichen Mustern und Einschränkungen unterwegs. „Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“ Das soll Goethe angemerkt haben. Reisen bedeutet unterwegs zu sein – und das ist eine andere zeitliche Perspektive als diejenige, ankommen zu müssen, um irgendetwas tun zu müssen. Manche bekommen angesichts solcher zeitlichen Aussichten sogar Reisefieber. Als Auslöser kann neben dem Fernweh auch das Heimweh nach solchen zeitlichen Mustern vermutet werden, die stimmiger zur eigenen Person und ihren Bedürfnissen daherkommen. Ich reise in einem anderen Grad der zeitlichen Selbststeuerung – selbst wenn das nur gefühlt so ist. Sogar bei Gruppenreisen machen wir uns das gerne vor. Ich bin reisend unterwegs im Modus Urlaub/Freizeit und nicht im Modus Alltag/Arbeit von Verpflichtung zu Verpflichtung hetzend. Diesem Unterwegs-Sein in meiner eigenen selbstbestimmten Zeit fiebere ich entgegen. Das macht einen Unterschied, der – so hoffen wir –erholsam wirkt.

Zudem machen wir auf Reisen andere als die alltagsüblichen zeitlichen Erfahrungen. Gefrühstückt wird nach dem Wachwerden und wenn sich alle sortiert haben – und nicht nach dem Wecker. Der afrikanische Bus fährt tatsächlich erst, wenn er voll ist und nicht nach einem minutiösen Fahrplan. Im Gefühl der Selbstbestimmtheit und in einem anders besetzten Modus, werde ich also zudem auf Reisen öfters mal überrascht. O.k., das ist wie im Alltag manchmal auch. Aber da ist es eine viel größere Zumutung, wenn ich eh schon fremdgesteuert unterwegs sein muss, dann auch noch fremdgesteuert in meinen (zeitlichen) Plänen gestört zu werden. Auf Reisen ist die Überraschung, ist die Störung eher der Luxus der Reise. Manchmal ist das faktisch nicht minder herausfordernd, wenn Flieger doch nicht fliegen wie angekündigt oder wenn der Stau schier endlos wird. Aber das gehört eben zur Reise-Zeit. Da sind wir oft nachsichtiger. „Bleiben wir halt noch einen Tag länger da, wir sind ja im Urlaub und nicht auf der Flucht.“ Auf Reisen mögen wir sogar manchmal die Störung, die uns sonst zur Weißglut bringt. Sie zeigt uns: wir sind unterwegs auf Reisen. Und da ist manches – gottlob – anders (als geplant). Es weicht ab – auch wenn es anders gebucht war. Das ist vielleicht auch das übriggebliebene Quäntchen „Abenteuer“ beim Reisen. Im Alltag machen wir das Fass auf. Im Reisemodus finden wir es spannend und interessant, weil es in der Abweichung zur Planung zur Erwartung des Andersseins auf Reisen passt. Mal abgesehen von denjenigen, die nie wirklich im Reisemodus angekommen sind. Die nörgeln notorisch wie sonst auch. Wenn die Selbstbestimmtheit der Reise-Zeit jedoch allzu heftig kontrastiert wird, wenn z.B. der Urlaubsflieger mit Tagesverspätung geht, dann ist die Zumutung dann doch so groß, dass wir austicken. Und klagen: lauthals vor Ort und dann auch rechtlich – wegen entgangener Reise-Zeiten, auf die wir so lange hingefiebert hatten. Wenn die Dienstreise anders verläuft als geplant ist das im Arbeitsmodus ärgerlich. Wenn der ersehnte selbstgewählte Freizeitmodus von außen eingeschränkt wird, dann, ja dann, wird das häufig sehr persönlich genommen. Ein Überfall auf das bisschen zeitliche Autonomie, das wir so lange ersehnt und geplant hatten. Das lassen wir uns dann manchmal mit Schmerzensgeld vom Reiseveranstalter oder von der Fluggesellschaft ausgleichen. So geht’s ja auch nicht!

Einmal auf Reisen angekommen (kleine sprachliche Paradoxie ;-), lassen sich manche auch gerne mal treiben. Sie legen es darauf an, in Zeitverzug oder in zeitliche Herausforderungen zu kommen – wenn es beispielsweise darum geht, die Hütte beim Bergwandern noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen und zuvor den Sonnenuntergang am Nachbargipfel auszukosten. Auf Reisen schaffen wir das. Oder auch nicht. Später erzählen wir gerne darüber – zeitliche Abweichungen sind immer für eine gute Geschichte gut. Oder wir posten es in „Echtzeit“ auf Facebook, damit unsere „Freunde“ teilhaben können an unserem zeitlichen Luxus. Den meisten gefällt das. Manche lieben es. Reisezeiten sind Zeiten, die von den eigenen zeitlichen Bedürfnissen her gedacht und bewertet werden. „Das Reisen führt uns zu uns zurück.“ Meint Albert Camus. Das gilt auch für die Reise-Zeiten. Sie werden von Eigen-, Sozial-, Kultur- oder Naturzeiten her geplant und gestaltet. Und nicht von den Aufgaben- und Organisationszeiten her.

ZeitdimensionenmitWasseroberfläche

Reise-Zeiten liegen im (Eisberg-) Modell der Zeitdimensionen unterhalb der Wasseroberfläche und sind näher an uns als Person. Sie sprechen uns mehr in denjenigen zeitlichen Bedürfnissen an, die uns emotional bewegen. Reise-Zeiten sind unsere Zeiten mit uns selbst, mit anderen im Kontakt, mit Kultur und mit der Natur. Wer eine Reise tut, dem tun diese Zeiten gut. In nah und fern.

Schöne Reise- und Urlaubszeiten wünschen

Astrid und Frank Orthey.

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