Sie finden in diesem Weihnachtsblog ein „Zeitzeichen“ zu einem Thema, das Sie aktuell womöglich bewegt und beschäftigt: den Weihnachtsstress. Wenn Sie kurz Zeit haben in der vorweihnachtlichen Besinnungslosigkeitshektik, dann lesen Sie unten weiter. Falls Sie Interesse an mehr und anderen Zeitzeichen haben, dann gibt es dazu aktuell etwas für die „Zeit zwischen den Jahren“ (und danach): Ein „ABC unserer Zeit“ mit Texten und Impulsen für gute Zeiten. Jetzt hier lieferbar. Oder hier – mit Leseprobe. Damit es keinen Weihnachtsstress gibt …

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Es weihnachtet sehr. Wir stecken aktuell mitten drin in der Weihnachtszeit, die ja, den vielen Wünschen und wohlmeinenden Proklamationen folgend, der Besinnung dienen soll. Sie führt uns jedoch regelmäßig in Dämmerzustände der Besinnungslosigkeit – angesichts der ganzen Erwartungen, die wir meinen, erfüllen zu müssen: Sich vor Weihnachten noch mal mit Freunden treffen, Geschenke besorgen, mit der Familie Weihnachtsmärkte besuchen, tapfer die obligatorischen Weihnachtsfeiern in der Firma, im Verein, im Freundeskreis zelebrieren und manchmal auch erleiden, den Weihnachtsschmuck innen und außen noch schöner als im Vorjahr drapieren, Weihnachtskarten gestalten und (rechtzeitig) schreiben, Wohnung und Haus so aufräumen und sauber herrichten, damit die Festtage auch einen angemessenen Rahmen haben undsoweiter – nicht immer ist das heiter. Allerdings ist dieses Geschehen heiter-besinnlich (was ist das denn für eine Sprachästhetik?) hinterlegt mit „Last Christmas“ und „Driving Home for Christmas“ in der Dauerberieselungsschleife. Bei alledem gilt es auch noch, beruflich viel abzuschließen und fertigzumachen im alten Jahr, sodass die Besinnung dann – hoffentlich, endlich! – kommen kann. Das macht vielen Zeitgenoss*innen Stress. Die Weihnachtsstudie 2019[1] hat dies nun untersucht. Philipp A. Rauschnabel, Professor für Digitales Marketing und Medieninnovation an der Universität der Bundeswehr in München hat verschiedene Aspekte in einer repräsentativen Umfrage mit 1000 Bürgerinnen und Bürger untersucht. „Die Stressfaktoren an Weihnachten unterscheiden sich stark nach Geschlechtern. Frauen ist es wichtig, dass an Weihnachten alles sauber ist, 54 Prozent stresst das Aufräumen und Saubermachen. Männer sagen eher: Das Essen muss nicht perfekt sein, an Weihnachten relaxen wir. Die stresst eher, dass sie noch Weihnachtskarten schreiben müssen. Beim Thema Geschenke spielt das Alter eine Rolle: 53 Prozent der Befragten unter 26 stresst der Geschenkekauf …“[2] So der Leiter der Studie in der Süddeutschen Zeitung am 12. Dezember.

Zudem muss das ganze Geweihnachte auch noch gut ausschauen in den medialen Kanälen dieser Tage. Man will ja schließlich überall präsent sein, gesehen, gemocht, gelikt und geteilt werden. Bleibt zu hoffen, dass die Realitäten auch was mit den schönen geposteten Bildern zu tun haben. Bedenken scheinen mit Blick ins Innere der Städte, der Shoppingmalls und der Menschen berechtigt. Nach dem Inneren gefragt, stöhnen diese oft – und beklagen „Weihnachtsstress“. Um dann meist schnell kräftig weiter in ihr weihnachtlich blinkendes und bimmelndes Hamsterrad zu treten. Denn bitte: Weihnachten soll doch perfekt sein! Das braucht Zeit. Und der Perfektionsanspruch verursacht Stress.

Wie auf Bestellung (ein momentan gerne genommener Standardvorgang) erreicht mich eben ein (Premium-!) Newsletter, der genau dies auf den Punkt bringt:

Lieber Herr Orthey,

zu Weihnachten soll alles perfekt sein: Geschenke, Essen, Dekoration … Gleichzeitig wollen wir Zeit für Besinnlichkeit, Zeit, um das Jahr Revue passieren zu lassen, Zeit nur für uns. Damit Sie bei all dem die Balance halten und Weihnachten so entspannt wie möglich genießen können, empfehlen wir Ihnen diese Partner …“

Es folgen Verkaufsangebote dieser Partner für Hörbücher, für eine Meditations-App, zum Schlemmen und zum Verreisen in den Süden. Der Newsletter bringt die Dynamik auf den Punkt: Perfektionsansprüche für alles (und noch viel mehr, Punkt, Punkt, Punkt ;-), verbunden mit gleichzeitigen Sehnsüchten und eine angestrebte Balance und Entspannung – kombiniert mit noch mehr Möglichkeiten (Geld auszugeben für all das).

Manchmal scheint es, als sei die Weihnachtszeit ein Anlass, um die heutzutage übliche Erwartungsüberfrachtung auf die Spitze und weit über ihre verschneiten Höhen hinweg zu treiben. Die Zutaten dazu kommen aus der religiösen und gesellschaftlichen Tradition dieses kirchlichen „Hochfestes“, das ob seiner Bedeutungsüberhöhung was ganz Besonderes sein muss. Und das immer wieder. Und immer wieder neu und mehr. Und noch mehr. Gespeist wird diese Steigerungsspirale aus einer Gemengelage von eigenen Erwartungen und solchen von anderen Menschen und Systemen, z.B. der Familie. Die verborgene Agenda des weihnachtlichen Wahnsinns befeuert wie so oft das ökonomische System, das an den Erwartungen und ihrer weihnachtlich ganz eigenartigen Ästhetik besonders gut verdient. Eine ganze Weihnachtsindustrie lebt weltweit vom Kitsch, vom Gebimmel und von immer neuen Geschenkideen rund um das Fest der Geburt Jesu von Nazareth. Der würde sich vermutlich irritiert in der Wiege im armseligen Stall umdrehen angesichts dieses befremdlichen Weihnachtsgetues. Und sich denken: Waren das noch Zeiten, damals, bevor es Weihnachten gab. Und: Wer hat das jemals so gewollt? Ich war’s jedenfalls nicht. Wir wissen nicht, was das Kind in der Krippe weiter empfiehlt, befürchten aber, dass es etwas mit uns höchstpersönlich zu tun haben könnte …

Wie können wir also höchstpersönlich Weihnachtsstress vermeiden und in die Besinnung kommen statt uns in der Besinnungslosigkeit zu verlieren?

Wir könnten uns zunächst was vom an vielen Orten zu besichtigenden Krippen-Idyll abschauen, das ja meist Ruhe, Stille und Andacht ausstrahlt. Wir könnten uns einen ungestörten, ruhigen Ort suchen in der Natur oder in einem schönen Gebäude und dort eine begrenzte Zeit (wir wollen ja nicht gleich übertreiben 😉 verbringen, dann durchatmen, uns an schönen Gedanken und Gefühlen erfreuen – und zu uns selbst kommen. An einem Fluss- oder Seeufer stehend oder sitzend, auf einem Waldweg gehend, in einer Kirche sitzend, sich „Zeit nehmend“ fern der Pseudobesinnlichkeit von Weihnachtsmärkten und ähnlichen substanzverdünnten Inszenierungen. Etwas „Zeit mit sich selbst verbringen“ – ein auch jenseits der Weihnachtszeit guter Hinweis für den Tagesablauf. Was macht mich aus, was freut mich, was möchte ich gerne für mich? Welche Bedürfnisse habe ich? Welche werden in meinem Leben und Sein erfüllt, welche kommen zu kurz? Welche Sehnsüchte habe ich? Und wie kann ich einen Schritt – nur einen kleinen – weiterkommen im Hinblick auf mehr (zeitliche) Stimmigkeit? Weihnachten ist im christlichen Kontext das Fest der Liebe – und das ist auch die Liebe zu sich selbst. So viel Besinnung muss sein. Besinnung im Sinne der Begegnung mit sich selbst. Erstens. Zu finden in kleinen zeitlichen Biotopen nur für uns selbst.

Zweitens ist Weihnachten das Fest der Begegnung mit anderen Menschen, wie es das Krippenbild auch zeigt. Es zeigt allerdings meist wenige Menschen, die sich da begegnen, keine Heerscharen. Also ganz praktisch: die Komplexität der weihnachtlichen Begegnungen dadurch reduzieren, dass es nicht zu viele werden, die sich da begegnen – und sich deshalb meist eben nicht wirklich begegnen. Lieber wenigen Menschen begegnen – und das dann intensiver. Und mit ihnen dann diese weihnachtlichen Zeiten teilen. Geteilte Zeiten sind „gewonnene Zeiten“. Bei manchem/mancher stellen sich angesichts des sozialen Begegnungsaspektes allerdings widersprüchliche Gefühlslagen ein. Einerseits ist da die Freude auf das Zusammensein, andererseits der kleine Horror vor dem immer wiederkehrenden Gleichen, das dann irgendwann umkippt im Strudel der gerade noch so gebändigten Genervtheiten und dann Zustände hinterlässt, die eher weniger mit Liebe zu tun haben (besonders angeblich in kleinen und größeren Familiendramen am zweiten Weihnachtsfeiertag). Ich zitiere die Idee aus meinem letzten Weihnachtszeit-Text in diesem Blog. Dort hatte ich „Wiederholung mit Variation“ angeregt – heißt: Das Rituelle, das Geschätzte mit kleinen Veränderungen beizubehalten. Das wirkt stabilisierend und lebendig zugleich. Singen Sie halt mal was anderes, oder variieren das Weihnachtsessen – oder versuchen es mit einem anderen Verständnis von „Verschenken“. Oder Sie schauen sich mal an, wie andere Kulturen oder Religionen diese Zeit begehen. Könnte ja auch interessant sein. Um dann gemeinsam zu feiern. Muss ja auch nicht ganz perfekt sein. Ein unperfektes Weihnachten – das wär’s doch mal. Mit Begegnungs-Zeiten mit sich selbst und mit anderen. Damit sich der Weihnachtsstress auch gelohnt hat. Schöne Weihnachtszeit!

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Falls sie Weihnachten in diesem Sinne genießen konnten und Lust haben auf mehr und andere „Zeitzeichen“ haben, dann können Sie die anstehende „Zeit zwischen den Jahren“ für kleine Lektüren in meinem neuen „ABC unserer Zeit“ nutzen. Dort finden Sie Texte und Impulse für gute Zeiten, z.B. zu den Stichworten: Abschluss – Anfang – Augenblick – Auszeit – Beschleunigung-  Chillen – Dauer – Eigenzeit – Eile – Endlichkeit – Entschleunigung – Ewigkeit – Fastenzeit – Gelassenheit – Hektik – Knappheit – Langeweile – Langsamkeit – Moment – Muße – Naturzeit – Pause – Qualitätszeit – Rasten – Rituale – Schnelligkeit – Sofortness – Sommerzeit – Stau – Takt – Rhythmus – Trödeln – Uhr – Unterbrechung – Urlaubszeit – Vergleichzeitigung – Warten – Weile – Wiederholung – Zeitfenster – Zeitfresser – Zeitmanagement – Zeitmangel – Zeitverlust – Zeitwohlstand – Zukunft – Zwischenzeit.

Gute Zeiten!

ZEITZEICHEN

Ein ABC unserer Zeit.

ISBN 978-3-7504-3216-1

€ 19,99 [D] incl. MwSt.

Erhältlich bei BoD: https://www.bod.de/buchshop/zeitzeichen-frank-michael-orthey-9783750432161

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[1] https://www.unibw.de/home/news/weihnachtsstudie-so-weihnachtet-deutschland-2019

[2] https://www.sueddeutsche.de/panorama/die-adventsfrage-13-wie-vermeide-ich-weihnachtsstress-1.4721031 abgerufen am 13.12.2019 um 17.22 Uhr

Kategorien: Zeitforschung

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