Wie wir die Zeit jeweils ganz unterschiedlich wahrnehmen und vor allem, wie wir sie emotional empfinden, das liegt daran, welche Qualität ihr beigemischt wird. Besonders interessant ist die Zeiterfahrung dann, wenn ihr die Musik eine Qualität verleiht. Und wenn es gelingt, dass der Hörer der Melodie der Musik folgt, in ihr aufgeht, sich in ihr wiederfindet – oder je nachdem: sich in ihr verliert und dabei gelegentlich die Zeit vergisst. Die Melodie erfassen Hörerin oder Hörer nur in einer Bewegung. Sie ist keine lineare Bewegung, sondern eine dynamische, die zuerst durch die Stimmführung (der Melodie), unterstützt durch die Harmonien, und durch  Takt und Rhythmus ihre auditive Gestalt in zeitlicher Abfolge gewinnt. Entscheidend ist die Melodie. Ohne sie – so Richard Wagner – ist keine Musik denkbar. Dadurch wird eine besondere, eine immer einzigartige Zeiterfahrung möglich, die sich von anderen – auch künstlerischen – dadurch unterscheidet, dass wir die Zeit hören können (im Unterschied zum Lesen eines Buches oder zum Betrachten eines Werkes der bildenden Künste). Hier ertönt Zeit: Im Entstehen, im Werden, im Ertönen braucht der Ton Zeit – und wird zugleich in seinem Ertönen Zeit für die Zuhörenden. Damit bekommen wir Zeit zu spüren. Wir sind berührt, werden traurig, heiter, euphorisch, gelassen, nachdenklich oder erfreut. Dieses zeitliche Gegenwartsbewusstsein mit seinen emotionalen Auswirkungen kommt nicht von ungefähr. Unsere neuronalen Netze stellen Verbindungen her zu Vergangenheitserfahrungen, zu erstmalig oder wiederholt ähnlich gehörten Melodien. Zudem werden Verbindungen hergestellt zu bestimmten Kontexten, in denen wir die Melodie gehört haben – und zu den dazu konservierten Emotionen. Mit diesen in unseren Gehirnarealen vielfältig vernetzten Melodien, Kontexten und Emotionen verbinden wir alte und neue Gefühle. So erinnern viele Menschen die Melodie im Moment des ersten Kusses. Und wenn sie diese wieder hören, dann werden sie – je nachdem – sentimental, wehmütig oder fühlen sich ganz jung und voller Lust und Freude. Gemeinsam mit einer Spur rationaler, reflexiver, manchmal auch vergleichender Zugänge („War das schön damals, …“) entstehen durch Melodien sehr eindringliche und eindrückliche Formen des Zeitbewusstseins und -erlebens. Das Besondere an solchen musikalischen Zeiterfahrungen ist wohl, dass sie besonders nachhaltig erinnert werden können, weil die Melodien in einem Geflecht ganz unterschiedlicher „Schubladen“ in unserem Hirn abgelegt sind. Und wenn eine sich öffnet, wird sie flugs mit vielen anderen verbunden, die aufspringen – und wir spüren, wenn wir die Melodie erkennen und sie mit Diesem und Jenem verknüpfen besonders starke Erinnerungen und Gefühle.

Melodien sind prominente Teile musikalischer Zeiträume, die zudem durch Takte, Rhythmen und Harmonien ergänzt werden. Entscheidend ist aber die Melodie – als Kernstück oder besser als Seele der Musik. Wir summen die Melodie mit oder leise vor uns hin. Mit Melodien bekommen wir Zeit zu hören – oder bringen sie uns selbst zu Gehör. Und so manche Melodie beflügelt unseren Zeitsinn (neu). Wenn das Hören der Melodie ein Zeitsinn ist, dann ist die Musik wohl eine Zeitkunst.

Was hinzukommt: Manche Melodien werden von vielen Menschen geteilt. Solche „Melodien für Millionen“ sind Nationalhymnen, Klassiker oder Schlager. Das verbindet. Einerseits ist es schön, gemeinsam Melodien zu hören und andererseits bereitet es meist Freude, gemeinsam Melodien zum Klingen und zu Gehör zu bringen. Auch diese Akte der Gemeinsamkeit intensivieren das zeitliche Bewusstsein. Solche Zeiten mögen viele Menschen und verbringen deshalb gerne ihre Zeit mit anderen und ihren gemeinsamen Melodien. Manchmal werden sie zu kollektiv geteilten Ohrwürmern, wie so mancher Fußballsong oder Oktoberfesthit. Melodien verbinden Zeiten und Menschen in der Zeit.

Wenn es denn so ist, dass Melodien besonders nachdrücklich unser Zeitbewusstsein beeinflussen, dann steckt eine schöne Möglichkeit darin, sich in gute zeitliche Zustände zu versetzen. Versuchen Sie es mal und summen sie ihre Lieblingsmelodie, legen ihre Lieblings-CD oder –Platte auf, streamen ihren Lieblingssong oder lassen sich von Ihrem Lieblingslied aufwecken. Oder spielen musizierend Ihre Lieblingssonate.

Gute und erfüllte Zeiten mit Ihren Melodien. Melodien bringen die Zeit zum Klingen.

***

Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware.

Leseprobe unter www.zeitumstellung.jetzt

Jetzt beim Autor bestellen für € 24,95 einschl. Versand

Fordern Sie gerne ein Rezensionsexemplar beim Autor an: zeitumstellung@ortheys.de

Abonnieren Sie hier den Newsletter für diesen Blog.

Kategorien: Zeitforschung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.