Die Zeit kann unterschiedliche Formen annehmen: Mal warten wir, mal beschleunigen wir, mal verharren wir im Augenblick, genießen die Auszeit oder die kurze Unterbrechung. Oder hadern mit deren heutiger Vielzahl, die uns die Zeiten so zerklüftet und sie uns oft schwer macht. Dann fühlen wir uns gelegentlich aus dem Rhythmus gebracht – und nehmen unsere Zeiten nicht mehr in ihren unterschiedlichen Qualitäten und Formen wahr sondern nur noch als ein (vorbei) rauschendes Hintergrundgeräusch, das wir nicht fassen können. Wenn angesichts solcher Erfahrungen die Frage auftaucht, was wir denn im Sinne einer inneren Zeitumstellung für uns tun können, dann kann die Unterscheidung von Takt und Rhythmus hilfreich sein.

Wenn es in der Musik um „heiße Rhythmen“ geht, dann ist etwas mitreißend Lebendiges gemeint, eine Musik, die nie ihre klare Struktur verliert und dabei voller neuer Ideen und Variationen ist. Dem Rhythmus gegenüber steht der Takt. Klar, unbestechlich ist er durchzuhalten. Er ist so etwas wie eine unabhängige Größe. Und es gibt auch eine besondere „Maschine“, das Metronom, um den Takt zu schlagen. Wie der Sekundenzeiger oder das Ticken der Uhr teilt der Takt in gleich große Stücke. Dieses Zerteilen hat etwas Absolutes und zugleich Statisches. Der Takt macht die Zeitmaße gleich – und gleich gültig.

Demgegenüber ist der Rhythmus relativ. Er steht in Beziehung zu einem Ausdruck. Mit Höhe- und Ruhepunkten setzt er im vom Takt gegebenen Rahmen Akzente. Damit spannt er einen Bogen. Die rhythmische Bewegung zerteilt die Zeit nicht, sondern gliedert sie. Damit ist Rhythmus lebendiger Ausdruck und lebendige Gestalt. Allerdings braucht er dazu den Takt. Der macht lebendige Rhythmen erst möglich – und er macht den Rhythmus reproduzierbar (auch für andere!). Angesichts der heute von vielen beklagten Entrhythmisierung des Lebens und Arbeitens, stellt sich die Frage, ob diese Klage und ihre meist bemühten Gegenmaßnahmen, die darauf angelegt sind, eigene und natürliche Rhythmen wiederzuentdecken, nicht zu kurz greifen. Denn: Wenn wir das Modell Musik übernehmen, dann fehlt auch den heutigen neuen, den anderen, den meist ziemlich „heißen“ zeitlichen Rhythmen der Takt. Er ist notwendig, um die Rhythmen einsortieren, unterbringen und vor allem auch: um sie wiederholen und mit anderen teilen zu können. Takte sind die Struktur, Rhythmen der lebendige Prozess.

Meine These ist insofern, dass wir im heutigen „Jederzeit-und-Immerzu“ eher aus dem Takt geraten sind als dass wir unsere Rhythmen verloren haben. Wir haben eher unser zeitlich gegliedertes Gerüst eingebüßt als dass wir unserer Rhythmen verlustig geworden wären. Die können wir nur deshalb nicht (mehr) in unser Leben und Arbeiten integrieren, weil wir uns das Bezugssystem weggenommen haben. Denn natürliche Rhythmen sind ja da in unserem Leben. Es wird morgens hell und abends dunkel. Rund um die Welt. Tagtäglich, im Jahreszyklus sich rhythmisch verändernd. Es gibt Wochen und Monatszyklen, es gibt Zeiten des Säens und Zeiten des Erntens und es gibt höchst individuelle und manchmal ganz eigentümliche Rhythmen im Tag-/Nachzyklus. Z.B., wann es Zeit zum Schreiben, zum Leben, zum Lernen oder zum Lieben ist. Tendenziell neigen Menschen wohl unter postmodernen Wahlmöglichkeitsbedingungen dazu, all diese Rhythmen neu zu vermischen. Das ist möglich, aber sie nehmen zudem oft das Takt-Gerüst weg – und geraten deshalb gänzlich aus dem Rhythmus. Sie verhalten sich dann taktlos. Mit den entsprechenden Folgen. Sie sind nicht mehr klar zu erkennen, taumeln und stolpern, oft zum Ungemach ihrer Umwelt, von einem Ereignis ins nächste. Übergangslos, ohne Zäsur, ohne Anfang und ohne Ende. Sie sind entrhythmisiert, weil sie sich enttaktet haben. Sie haben sich ihre Routinen und Rituale, ihre Gleichförmigkeit, ihre Gleichmäßigkeit wegretuschiert, in ihrer persönlichen Partitur einfach die Taktstriche entfernt. Und dann wundern sie sich, wenn keiner mehr durchblickt, nicht mal sie selbst. Wenn niemand mehr ihre Rhythmen erkennt, weil es keine für alle erkennbare Rahmung des zeitlichen Geschehens mehr gibt. Taktlosigkeit führt in die völlige Entrhythmisierung. Und das klingt dann für viele Ohren gar nicht mehr schön.

Oft wird der Takt als Zwangsmaßnahme der Moderne diskreditiert, indem er auf die produktionstechnische zeitliche Vertaktung reduziert wird. Dass er einen notwendigen Rahmen bildet, damit sich das Lebendige entfalten und entwickeln kann und es reproduzierbar wird und bleibt, das wird oft ausgeblendet. Zudem braucht es auch gemeinsam geteilte, abgestimmte und vereinbarte Takte, um miteinander zu kooperieren. Wenn jede/r in einem anderen Takt unterwegs ist, dann wird das nix mit wohlklingener Musik. Stellen sie sich ein Orchester vor, in dem die Musiker in unterschiedlichen Taktmaßen und Tempi unterwegs sein. Ein gemeinsamer Rhythmus kann da nicht entstehen.

Der Rhythmus als spezifisches Akzentmuster kann sich erst über dem Takt entfalten. Dieser wird gebraucht, damit gute und ansprechende Musik entstehen kann. Er stellt die Grundschläge des zeitlichen Geschehens im Fluss des Nacheinanders zur Verfügung – und er ordnet und gruppiert sie in einer bestimmten Art und Weise. Er ermöglicht entweder einen Walzer oder einen schnellen Beat. Dabei gibt es in der Musik ja unterschiedliche Takte. Ob 4/4tel- oder 6/8tel-Takt – das macht einen Unterschied. Der Komponist hat sich zuvor sehr wohl überlegt, welches Taktmaß sein Werk, das sich in diesem Rahmen über Rhythmus, Melodie und Harmonie entfaltet, braucht. Je nach Wahl des Taktes bringe ich ganz unterschiedliche Notenwerte im Takt unter. Und so ganz gleich sind die Takte dann doch nicht, denn es gibt betonte und unbetonte (Takt-) Zeiten – und es gibt auch eine metrische Struktur, im 4/4tel-Takt z.B. schwer – leicht – halbschwer – leicht. Der Rahmen für die Musik ist also klar und gleichförmig strukturiert, er gibt Orientierung für das, was möglich ist und wohl klingt. Das können wir von der Musik für unsere Zeitgestalten und –formen lernen.

Wenn Stimmigkeit ein Kriterium für einen guten Umgang mit der Zeit ist, dann bedeutet dies, dass das Sein in und mit der Zeit als emotional passend eingeschätzt und als „stimmig“ bewertet wird. Wir sind bei uns selbst, bei den anderen – und das passt auch noch zum jeweiligen fachlichen, organisationalen und kulturellen Kontext und zur naturzeitlichen Umgebung. Dies also soll Stimmigkeit sein. Sie ist insofern notwendigerweise individuell, nicht verallgemeinerbar, nicht standardisierbar. Sie lebt vom (wieder-) gefundenen eigenen Rhythmus, den uns ein regelmäßiger Takt hat erkennen lassen. Wir machen die Zeit zu dem, was für uns im Nacheinander passt. Und das können wir dann auch gut wiederholen. Übrigens kommen ja zum musikalischen oder zeitlichen Gesamtkunstwerk auch noch die zu einer Melodie geformten Töne dazu – nebst ausgewählter wohlklingender Harmonien. Und da sind auch im übertragenen Sinne gut angeordnete Mehrstimmigkeiten möglich. Auch die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Töne – oder im zeitlichen (Er-) Leben: unterschiedlicher Tätigkeiten – gibt gute Musik, wenn sie „gut“ – sprich für mich persönlich: stimmig – komponiert ist. Dann gefällt sie, berührt emotional und überfordert nicht. Und das ist etwas anderes als wahllos alle Töne zu drücken, die gerade greifbar sind. Und das in möglichst schneller Abfolge. Das Ergebnis ist dann das nervige Nacheinander unerträglicher Geräusche. Das ist der Unterschied zwischen einer bewussten taktvollen (zeitlichen) Komposition und einer unüberlegten und unreflektierten Geräuscherzeugung. Die macht nur viel Krach – und der macht krank.

Wir können also den Takt wählen, so wie er für uns passend erscheint – und für das, was wir brauchen für unsere Prozesse des Lebens und Arbeitens, für unsere Rhythmen, Melodien und Harmonien. Taktvoll mit der Zeit umgehen bedeutet zunächst sich Fragen zu stellen (und Antworten zu finden): Wie kann ich meiner Zeit eine gute und für mich passende Struktur geben? Wie eine Regelmäßigkeit, innerhalb derer ich mich entfalten kann? Welchen Takt brauche ich? Eher einen langsamen 4/4-Takt oder einen dahineilenden 6/8 Takt? Welche Taktzeiten sollen betont sein? Welche unbetont? In welchem Tempo soll der Takt geschlagen werden? Wie kann ich das Tempo variieren? (Beim Üben empfiehlt sich ein langsames Tempo, der Virtuose kann dann temporeich brillieren ;-)) Wann macht es Sinn, den Takt zu wechseln, weil der Rhythmus, den ich will, das braucht? Welche gemeinsamen Taktmaße und -angaben braucht es, um miteinander zu kooperieren und um gemeinsame Rhythmen zu finden?

Wenn es gelingt, eine passende regelmäßige und wiederholbare zeitliche Struktur zu finden, dann können wir unseren heißen Rhythmen freien Lauf lassen. So ganz frei ist der Lauf allerdings nicht. Nicht alles ist möglich, aber das, was möglich ist im gewählten Takt, das klingt gut. Und das tut gut. Und morgen gibt es vielleicht einen anderen Takt, denn morgen ist Wochenende.

Die Zeit ist reif für taktvolle Rhythmen.

Machen Sie einen Auftakt zu einer kleinen Zeitumstellung!

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Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware.

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Kategorien: Zeitforschung

1 Kommentar

Auszeit - timesandmore · 16. Mai 2018 um 10:42

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