„Manchmal hat der Moment, bevor etwas geschieht, mehr Zauber als das Geschehen selbst. Vorfreude zum Beispiel, immer beschrieben als schönste Freude.“ So eröffnet das SZ-Magazin im Editorial, dem Vor-Wort, am 09. März 2018. Und setzt fort mit der Aufzählung solcher Momente: „Vor-Lust, Vor-Spaß, Vor-Energie, Vor-Erfolg, Vorspiel, Vorglühen, Vorspeisen.“ Und widmet dem großartigen „Davor“ das Heft.

Das ist eine schöne Idee. Mir zuvorgekommen.

Momente, so die Conclusio der letzten Momentaufnahme in diesem Blog können je nach Charakteristik beliebig lang oder kurz sein. Eine Idee, die vom Momentchen in die Ewigkeit führt. Charmante Idee für „Momentensammler“. Nun also Davor-Momentensammler?

Was hat es auf sich mit den Momenten davor?

Mit Blick auf mich selbst fällt mir da gleich das Vorspiel ein. Nein, nicht das, woran Sie womöglich denken. Ich denke an das musikalische „Vorspiel“, das der Kirchenorganist zum Einspielen des Chorals im Gemeindegesang intoniert. In meinem ersten Leben war ich ein solcher Kirchenmusiker. Für mich gab es allsonntäglich das Pflichtprogramm, bestehend in der Begleitung des Gemeindegesangs, die Kür, also das große Stück zum Einzug (auch so eine Art Vorspiel für die Feier des Gottesdienstes), das meditative Stück während der Kommunionausteilung und den Rausschmeißer, wie ich ihn nannte als finaler musikalischer Moment. Neben dieser Kür gab es Kurzprogramme, die Vorspiele, die dazu dienten, die Gemeinde einzustimmen auf Tonlage, Melodie, Rhythmus und Tempo des folgenden Liedes – diese Elemente mussten sie enthalten, damit die Sängerschaft wusste, wo sie dran ist im Moment des Einstimmens in den eigentlichen Gemeindegesang. Ich habe diese Vorspiele geliebt. Es handelte sich um kleine Improvisationen, die das Thema, z.B. eine Verszeile des Chorals aufgriffen, es einführten, variierten, damit spielten, es in verschiedenen Stimmen immer wieder neu ausschmückten, mit einem anderen kleinen Thema verschränkten, um dann zu einem kunstvollen Ende zu gelangen, das den Anfang des Chorals markierte. Jetzt geht’s los nach dieser schönen Einstimmung. Das kurze Vorspiel hatte insofern etwas Freies, war ein Spiel mit den Motiven der Zukunft, also des Gesanges, der dann gelegentlich wenig Erbauliches hatte – nicht nur für den Organisten als treuen Begleiter. Im Vorspiel wurde das Schöne gebündelt und nochmals zusätzlich verziert. Es lebte sehr von der freudigen Phantasie, die viel mehr beglückte als die ernüchternde Wirklichkeit des sich Momente später dahinschleppenden Gemeindegesangs. Das Vorspiel ist also insofern etwas Zukunftsorientiertes. Und da es die Wirklichkeiten der Zukunft noch nicht gibt, machen wir uns vorab unsere Phantasien darüber – und beruhigen uns damit übrigens vor den Unwägbarkeiten der Zukunft. Abgesehen davon machen diese Phantasien uns Freude. Sie beglücken uns. Das gilt auch für andere Arten von Vorspielen.

Meine zweite persönliche Assoziation ist diejenige des „Vorstarts“. Als historischer Motorsportler genieße ich diese manchmal recht langen Momente sehr. Oft sitze ich 20 – 30 Minuten angeschnallt, mit Helm und Handschuhen im Auto und stehe in der Vorstartaufstellung, wartend, um „endlich“ auf die Strecke zu dürfen und so schnell wie möglich Rennauto zu fahren. Diese Vorstartminuten sind für mich wertvolle, nahezu kontemplative Momente. Selten habe ich solch ruhige Erfahrungen. Ich konzentriere mich auf das, was gleich kommt, fahre nochmals eine Runde im Geiste, überlege mir, worauf ich zu achten habe, wo die Streckenposten stehen, manchmal bedenke ich eine Strategie oder mit wem ich es gleich auf der Strecke zu tun bekomme – und was mein Ziel ist. Meistens schweifen die Gedanken aber ab, gehen da und dorthin und manchmal klappen auch die Augen zu. Bis es dann endlich laut und schnell wird. Der Vorstart als das Davor vor dem Rennen ist also konzentrierte und kontemplative Ruhe. Es sind die verlangsamten Momente davor, die eine wichtige Funktion dafür haben, dass es danach ganz schön schnell werden kann.

Diese Erfahrungen bedeuten umgekehrt, dass es Sinn macht, für das „Davor“ zeitliche Biotope vorzusehen und vorzuhalten. Das sind oft glückliche Momente und Zeiten voller Erfüllung und (Vor-) Freude. Das eigentliche Ereignis kann davon profitieren in seiner Zeitlichkeit und Intensität. Und wenn nicht, dann bleibt jedenfalls die Freude in den und über die Momente des Davors. Das ist ja auch schon mal viel wert.

Allerdings kann eine zu starke Befüllung des Davors mit schönen und beruhigenden Phantasien, zu viel überbordende Vorfreude das eigentliche Ereignis auch trüben. Viele ZeitgenossInnen kennen das von Urlaubserfahrungen, die so gar nicht zu dem passen wollen, was sich die Familie an vielen Abenden davor so zurechtgebastelt hatte an beglückenden Phantasien.

Was ist davor geschehen? Durch Phantasieüberschüsse werden Illusionen aufgebaut, denen eine Realität nie wird genügen können. Dann ist Enttäuschung programmiert. Es gilt also – wie so oft im (Zeiter-) Leben: Nicht übertreiben im Davor. Der Moment, der eigentliche und auch der davor, wird es danken. Bleiben Sie also auch im Davor gelassen, denn es kommt eh wie es kommt. Und das könnte eben immer auch anders sein. Das (Zeiter-) Leben ist eine kontingente Angelegenheit. Dies Wissen kombiniert mit einer schönen Dosis Vorfreude macht die Momente davor zu qualitätsvollen Momenten des zeitlichen Erlebens. Ich bin im Hier-und-Jetzt und freue mich daran und auf die Zukunft – auch wenn die letztlich doch eine offene ist.

Übrigens: Gehören Sie zu den Menschen, die superconnectet mit der Welt und allen möglichen Formen sogenannter Kommunikation im Netz sind und sich in stillen Momenten davor – also bevor Sie (wieder mal) das Smartphone zur Hand nehmen – fragen, ob das noch gut für Sie ist? Dann haben Sie – jedenfalls als I-Phone Nutzer – die Möglichkeit, eine App zu installieren. Die checkt im Hintergrund die Nutzungsdauer ihrer Anwendungen auf dem Smartphone und zeichnet sie auf. Wenn Ihnen das erschreckend vorkommt, können Sie von dieser App die Zeiten limitieren lassen, um – so der Entwickler – wieder „die richtige Balance zwischen Real Life und Telefon zu finden“. Der Name der App: „Moment“.

Während ich mir hier meine Gedanken mache über Charme und Risiken der Momente davor, gibt es längst ein Geschäftsmodell, das darauf aufgebaut ist, wieder mehr Zeit für Momente und Momente davor zu haben. Moment mal – in welchen Zeiten leben wir eigentlich?

Aber irgendwie ist jeder Moment immer auch ein Moment „davor“. Freuen Sie sich also auf schöne Momente. Jetzt.

Gute Zeiten.

***

Für davor oder danach: Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware.

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Fordern Sie gerne ein Rezensionsexemplar beim Autor an: zeitumstellung@ortheys.de

Kategorien: Zeitforschung

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