Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia erscheint prädestiniert dafür, in allen möglichen Zwischenzeiten aufgerufen zu werden für allerlei Wissenswertes, das es bislang nicht zuverlässig in den Wissenbestand des Nutzers geschafft hat. Insofern beginnen heute viele (Zwischen-) Zeiten mit Wikipedia. Oder anders online.

So auch hier: Laut Wikipedia bezeichnet Zwischenzeit „die Zeitdifferenz zwischen zwei definierten Zeitpunkten. Der Begriff wird verwendet

  • im Arbeitsstudium für die Zeit einer planmäßigen Unterbrechung einer Arbeitsaufgabe (…),
  • im Sport für die bis zu einem festgelegten Punkt vergangene Zeit,
  • in der Verkehrstechnik für die Schutzzeit an Lichtsignalanlagen, siehe Zwischenzeit (Verkehrstechnik),
  • für mehrere Abschnitte der ägyptischen Geschichte.“

Aha.

Sie – werte Leserin und werter Leser – versuchen einstweilen die Zwischenzeit in der Verkehrstechnik zu verstehen (googeln Sie mal weiter!) und ich verlustiere mich in der Zwischenzeit mit alltagssprachlichen Zugängen und Überlegungen: Was meinen wir mit Zwischenzeit? Und was könnten wir damit auch noch meinen?

Meist ist Zwischenzeit wohl ein verlegenheitshalber gewählter Begriff für einen Zeitraum, der sich parallel zu von anderen markierten Zeitpunkten und Zeiträumen erstreckt. „Du gehst den Müll wegbringen und Du machst bitte den Abwasch. In der Zwischenzeit mache ich ein Nickerchen.“ Soso. Das wirkt erst mal, als diene der Gebrauch von Zwischenzeit für das, was parallel läuft, als Rechtfertigung oder Verharmlosung. Das Nickerchen findet ja nur in der Zwischenzeit statt. Nicht in der Hauptzeit. Die wird anderweitig für Wichtigeres genutzt (Müll, Abwasch). „Dann mache ich in der Zwischenzeit mal die Steuer.“ Na ja, das ist ja so unwichtig nun nicht. Muss ja auch mal sein, da ist die Zwischenzeit gerade gut genug dafür – und man und frau frohlockt, dass das mit der Steuer eben nur eine Zwischenzeit ist. Heute allerdings findet in der Zwischenzeit zwischen irgendetwas und irgendetwas anderem meist ritualisiert Immergleiches statt: Wenn eine zeitliche Spanne entsteht, die (noch) nicht gefüllt ist mit hauptsachlichen Tätigkeiten, dann … Dann wischen die meisten übers Smartphone. Und schauen, was es zwischenzeitlich so alles Neues gibt. Die Zwischenzeit, die entsteht oder die sich ergibt, wird genutzt für die Erkundung des Neuen in der Welt. Nicht verplempert (oder etwa doch?). Jedenfalls wird sie meist nicht kontemplativ oder meditativ verbracht. Die Zwischenzeit ist irgendwie zwischen die Zeiten geraten. Sie ist auf dem Weg zu einem simultanen „Währenddessen“ und folgt bedeutungsschwanger dem eigenen Adjektiv. Zwischenzeitlich. „In der Zwischenzeit“ bedeutet heute häufiger „währenddessen etwas anderes geschieht“ als „zwischen zwei Zeitpunkten“. Die Zwischenzeit wandelt sich von einer begrenzten und begrenzenden zeitlichen Begrifflichkeit zu einer solchen, die Simultanität beschreibt. Das hat sich zwischenzeitlich so ergeben, weil es in unseren durchgestylten zeitlichen Outlook-Logiken an echten Zwischenzeiten mangelt. Die finden simultan statt. Und mit einem Wisch ist alles weg. Und anderes da.

Aber zurück zur eingangs erwähnten Zwischenzeit in der Verkehrstechnik. Diese Zeit, auch als „Schutzzeit“ bezeichnet, ist interessant. Denn mit ihr wird eine festgelegte Zeitspanne eingerichtet, „die an durch Lichtsignalanlagen signalisierten Knotenpunkten zwischen dem Ende der Grünzeit (Freigabezeit) eines räumenden Verkehrsstroms und dem Beginn der Grünzeit eines einfahrenden Verkehrsstroms verstreichen muss. Durch das Einhalten der Zwischenzeit wird sichergestellt, dass der räumende Verkehr nicht in Konflikt mit dem einfahrenden Verkehr (so genannter Kollisionsfall) gerät“. (wieder: Wikipedia) Das ist doch mal charmant. Zwischenzeiten als Schutzzeiten einrichten, die Konflikte und Kollisionen verhindern. Feine Idee eigentlich. Zwischenzeitlich allerdings eher überholt. Das waren noch Zeiten als die Zwischenzeiten quasi solche Schutzzeiten waren – und keine Simultanzeiten. Sie waren bewusst eingerichtet für die ein oder andere – oft nicht so wichtige – Kleinigkeit (Nickerchen), die auch noch so anfällt beim Leben und Arbeiten. Damit konnten Kollisionen (während) der Hauptzeiten vermieden werden. So gesehen machen Zwischenzeiten Sinn. Nicht nur in der Verkehrstechnik gewährleisten sie reibungsfreie Abläufe. Es sei denn einer hält sich nicht an die Schutzzeiten (die ja via Ampelanlage gesteuert werden) und rauscht mitten in die geschützte Zone rein. Dann kracht‘s aber ordentlich.

Eine reizvolle Perspektive aus den und für die Zwischenzeiten lässt sich in einer Verfremdung von Christian Morgensterns Galgenlied „Der Lattenzaun“ entwickeln, indem der Zwischenraum durch die Zwischenzeit ersetzt wird.

Der Lattenzaun – eine zeitliche Verfremdung

Es war einmal ein Lattenzaun,

mit Zwischenzeit, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,

stand eines Abends plötzlich da –

und nahm die Zwischenzeit heraus

und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm

mit Latten ohne was herum,

ein Anblick gräßlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh

nach Afri – od – Ameriko.

Ein Haus aus Zwischenzeiten (statt wie im Original aus Zwischenräumen). Das ist das aus der Verfremdung entstehende Bild. Waren zuvor die Zwischenzeiten schon das Wesentliche des Lattenzauns (zum Hindurchschaun), so stellen sie jetzt, nachdem der Architekt den Zaun durch Herausnahme der Zwischenzeiten seiner Existenzgrundlage beraubt hat, das Material für ein großes Haus dar.

Einerseits sind die Zwischenzeiten also etwas Wesentliches, um hinduchzuschaun – nicht nur durch den Lattenzaun, sondern auch durch andere Zeiten. Zwischenzeiten ermöglichen also Durchblick – als „planmäßige Unterbrechungen“ (wie im Arbeitsstudium – s.o.). Das könnte eine wichtige alltägliche Ressource bewusst offengelassener oder genutzter „Zwischenzeiten“ sein: Zeit um hindurchzuschaun. Zeit für den – heute oft vermissten, aber umso mehr ersehnten – Durchblick. Ein Zeitfenster für einen kleinen Zeitwohlstand – oder gar für eine neue Qualitätszeit?

Andererseits sind die dem Lattenzaun entnommenen Zwischenzeiten das Material für ein ganz neues (zeitliches Haus). Ein ganzes Haus aus Zwischenzeiten. Ganz ohne die undurchschaubare Gemengelage und die diversen Zumutungen der kalendarisch via Outlook geordneten Hauptzeiten. Ein Zwischenzeiten-Haus. Vielleicht ein Wochenendhaus. Oder ein Ferienhaus. Oder ein Haus für den Ruhestand (auch ein schönes Wort angesichts der tagtäglichen Unruhen). Oder ein Haus auf Rädern (heute gerne genommen). Oder ein kleines Gartenhaus für allerlei Zwischen- und andere Zeiten.

Zwischenzeiten als Ressourcen für den alltäglichen Durchblick und für ein neues, anderes zwischenzeitliches Haus der Zeiten. Denken Sie mal darüber nach. Vielleicht haben sie ja gerade eine kurze Zwischenzeit, die sich dafür eignet.

Schöne (Zwischen-) Zeiten!

P.S.: Zwischenzeitlich hat sich die Sache erledigt. Welche auch immer es gewesen sein mag.

***

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Kategorien: Zeitforschung

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