Moment mal. Ein Update.

„Momentchen mal …“ – das habe ich als Jugendlicher oft gehört. Am Telefon, wenn jemand oder etwas gesucht oder verbunden werden wollte. Oder von der freundlichen Verkäuferin, die gerade noch in einem anderen Kundengespräch war. Der sowieso schon kurze Moment erhielt damit eine Verniedlichung, die ihn wohl akzeptabler machen sollte. Immerhin verwies das „Momentchen mal“ ja auf eine zusätzliche Wartezeit, manchmal nochmals kleingeredet übrigens: „Ein kleines Momentchen noch bitteschön.“ Wer kann da schon nein sagen? Ist doch nett irgendwie, ein kleines Momentchen, ich bitte Sie …

Heute dagegen … – eine Alltagserfahrung der vergangenen Woche:

„Updates werden installiert. Haben Sie einen Moment Geduld bitte. Schalten Sie den Computer nicht aus.“

Kann ja nicht so wild werden, denke ich mit kleinen Momentchen-Zeitspannen sozialisierter (wobei genaugenommen manchmal eben doch auch damals schon ziemlich langes Warten dabei herauskam). Aber jetzt: Endlosschleife. Der Moment will gar nicht mehr aufhören. Ist nicht zu stoppen. Es sei denn durch ein mechanisches Reset! Wenn die Geduld nicht reicht für den Moment. Viele flüchten in ihrer momentanen Verzweiflung auch in ein Internet-Forum und verbringen dort einige Momente mit anderen Betroffenen. Folgt man den Einträgen, führt das aber auch nicht zu Glücksmomenten. Es dauert halt, so lange es dauert.

Dabei soll ein Moment ein „nicht näher bestimmtes – kurzes – Zeitintervall“ sein. So sagt es Wikipedia. Und fügt an, es habe sich auch um „eine mittelalterliche altenglische Zeiteinheit gehandelt, die etwa 90 Sekunden Dauer“ hatte. Das war wohl mal. Trotzdem: Ein schöner Moment, wie ihn hoffentlich alle kennen, ist nach wie vor mit der Erwartung einer eher kurzen Zeitspanne verbunden. Die Nummer mit der Warterei bei den Updates irritiert ja nicht von ungefähr irgendeine verfestigte Zuschreibung. Die zwangsweise Warterei vor dem Bildschirm gehört weder zu den schönen Momenten noch zu den eher kurzen Zeitspannen. Ein begrifflicher Missbrauchsfall, wie es scheint. Oder eine gezielte Fehlleitung unserer Assoziation zwecks momentaner Ruhigstellung des Benutzers. Bis es dem einen Moment geduldig Wartenden dämmert … Dann kann es auch mal zu Schreckensmomenten kommen. Aber die sind ja auch eher kurz. Hoffentlich.

Allerdings löst sich die Bedeutung des Momentes als eher kurze Zeitspanne – wie vieles andere in der Postmoderne auch – allmählich auf.

Update: Ein Moment scheint eine Zeit zu sein, die früher mal kurz war – und heute: ungewiss. Wie so vieles. Es sei denn, die Begrifflichkeit wird neu geformt und definiert, wie das Karlheinz Stockhausen für die „Momentform“ als Kompositionstechnik gemacht hat. Dabei ist ein Moment ist ein „eigenständiger (quasi-) unabhängiger Abschnitt, der von anderen Abschnitten durch Brüche abgesetzt ist“. Das Stück wird zu einem Mosaik, einer Komposition von Momenten. Und deshalb gilt: „Momente können also, je nach Charakteristik, beliebig lang oder kurz sein.“ Und weiter in des Künstlers Sprache sind es „Formen, in denen ein Augenblick nicht Stückchen einer Zeitlinie, ein Moment nicht Partikel einer abgemessenen Dauer sein muss, sondern in denen die Konzentration auf das Jetzt — auf jedes Jetzt — gleichsam vertikale Schnitte macht, die eine horizontale Zeitvorstellung quer durchdringen bis in die Zeitlosigkeit, die ich Ewigkeit nenne: Eine Ewigkeit, die nicht am Ende der Zeit beginnt, sondern in jedem Moment erreichbar ist. Ich spreche von musikalischen Formen, in denen offenbar kein geringerer Versuch gemacht wird, als den Zeitbegriff — genauer gesagt: den Begriff der Dauer — zu sprengen, ja, ihn zu überwinden.“ Aha, das braucht jetzt einen Moment mit dem Verstehen …

Und dann – nach einem Momentchen: Schöne (postmoderne) Idee, die vom Moment in die Ewigkeit führt. In der Kunst kann ich mich in besonders dichten Momenten (nicht nur bei Stücken in Momentform) in der Zeit verlieren, sie vergessen, in der Zeitlosigkeit versinken. Obwohl es nur ein Moment war. Ein Glücksmoment wohl.

Etwas niederschwelliger ist der Moment bei dem bayerischen Musiker Werner Schmidbauer verarbeitet, der ein „Momentensammler“ ist:

„Nix is so schee wia der Moment,

wo ois so so is wias ghert und as Leben kriagst einfach gschenkt.

Und des allerbeste is dabei:

Wennsd den Moment gfundn host, is er vorbei.

Nix is so schee wia der Moment,

wo ois so so is wias ghert und as Leben kriagst einfach gschenkt.

Und des allerbeste is dabei:

Wennsd den Moment gfundn host, is er vorbei.“

 

Sammeln Sie viel schöne Momente!

Frank Orthey

P.S.: Wenn dieser Moment Ihnen jetzt zu kurz war, dann nehmen Sie sich doch noch einen Augenblick Zeit – oder wenn es Ihnen lieber ist: eine Weile.

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Für bestimmte Momente geeignet: Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware.

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