„Alt genug“, so sollte das Buch, mit dem ich aktuell auf der Zielgeraden zur Fertigstellung bin, mal heißen.[1] Der Titel ist inzwischen weggeschnappt (von Kürthy 2026), ist also offenbar so schlecht nicht, ebenso wenig wie das Buch, die Aussagen und die dazugehörige Haltung, die Ildiko von Kürthy vermittelt: „Ich bin immer noch da. Mal heiter verschrumpelnd, mal verzagt reifend, wacker welkend und endlich alt genug.“ (ebd., S. 7)[2] Ja, genau. Und deshalb mache ich, was ich will. Und weil das so radikal dann doch nicht immer geht, arbeite ich daran, dem zumindest so weit näher zu kommen, dass ich ein gutes Gefühl mit meinem Fortschritt habe. Im Umkehrschluss mache ich auch nicht mehr (alles), was ich nicht will. „Einen Scheiß muss ich.“ So bringt es Tommy Jaud (2015)[3] in seiner Ratgeberpersiflage auf den Punkt. Und ja, es stimmt. Ich muss gar nichts mehr. O.k. Sterben, ja, aber das müssen ja alle in ihrer Endlichkeit. Wir sind offenbar wirkungsvoll so sozialisiert in dieser Alles-ist-möglich-Welt, dass eben auch alles gehen muss. Maßloses Müssen ist insofern ein Lebensmuster vieler Menschen (gewesen). Klar, steht dieses Müssen – geschickter Trick der Menschenregierungskünste (Foucault) – im Zeichen von Selbstverwirklichung und Selbstwirksamkeit. Muss so sein. Aber es macht trotzdem bzw. eben deshalb Druck – und viele macht es krank. Mich hat es zweimal in den sogenannten Burnout befördert, das zu viele Müssen, das natürlich zuallererst mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat. Und wenn dann noch Perfektionsmusantreiber und ziemlich viel Möglichkeitssinn zusammenkommen, dann wird es ziemlich viel. Und schnell auch mal viel zu viel. Muss ich hier leider – aus eigenem Erleben – mal so schreiben.
Insofern ist das Alter eine wunderbare Chance zur Emanzipation vom Müssen. Was dann auch eine Emanzipation von eigenen Mustern und Glaubenssätzen ist. Vermutlich ist es die letzte Möglichkeit – und umso wichtiger ist es, dies zu tun. Heißt oft: Vieles nicht mehr zu tun, weil es dazu kein Muss mehr gibt. Und sich auf das Brauchen zu beschränken, das zu den Bedürfnissen führt. Ich habe für mich persönlich den Begriff der Lust etabliert und versuche mich tagein-tagaus anhand dessen zu organisieren, worauf ich Lust habe. Wenn das mit zunehmender Erfolgsquote gelingt, dann ist das Ergebnis höchst produktiv. Obschon ich es (selbstverständlich versehen mit einem Verweis auf die Gehirnforschung) hätte wissen müssen, bin ich immer wieder verblüfft angesichts meiner Produktivitätssteigerung, die ich zeitlebens mit allerlei Formen der Planung und des selbstverordneten Müssens vergeblich versucht hatte, zu erreichen. Und nun im Alter, derartig lustbetont, ist sie da. Sie kommt vom Spaß und der Freude und von der damit einhergehenden Freiheitsanmutung. Das macht allesamt gute Gefühle – und die sind produktiv. Ein Win-Win-Deal, der zwischen Emotion und Ratio verhandelt ist (wobei die Emotion den Lead hatte). Menschen empfinden das Ergebnis stimmig und reagieren mit Zufriedenheit. Und folgen dem Lustprinzip hoffentlich noch etwas konsequenter – auch in den kleinen Dingen des Lebens, die wir uns oft selbst zumuten und antun. Die das hinbekommen, kleiden sich womöglich, wie sie wollen und nicht mehr, wie sie denken, dass sie es wollen müssten. Sie führen keine Gespräche mehr, die sie früher geführt hätten, weil sie es für höflich oder der Situation angemessen hielten. Sie sprechen sich frei, alt genug zu sein für den höflichen oder auch mal sehr direkten Rückzug, nehmen auch mal Reaktionen und Zuschreibungen in Kauf, die sie früher gerne vermieden, weil … – oh je, was denken die denn von mir. Heute sagt die innere Stimme: „Sollen sie doch denken, was sie wollen. Für diesen geistigen Dünnpfiff ist mir meine Lebenszeit zu schade. Und wenn mich jemand für unempathisch und unachtsam hält, dann soll sie oder er gerne zum Achtsamkeitscoach gehen (ich wüsste da einen, der aber nur noch für sich selbst praktiziert ;-)“ Und ich habe meine Ruhe und Lust auf Begegnungen und Gespräche, die ich mir aussuche und gestalte, weil ich Lust darauf habe. Und die dann das entstehen lassen, was ich gerne mag. Weil ich tue, was ich mag. Manchmal erlaube ich mir auch, krass und undiplomatisch zu sein und nicht immerzu weichgespült und sauber gestylt daherzukommen. Und „die Wahrheit“ – oder das, was ich dafür halte – zu sagen. „Ich bin heute nicht in der Stimmung für ein Treffen, lass uns bitte was anderes ausmachen.“ Erkenntnis: Dankbarkeit für diese Offenheit, die manchmal auch als Qualitätsbewusstsein interpretiert wird. Prima, denn darauf habe ich Lust: auf qualitätsvolle Zeiten im Alter, die mir das bringen, was ich brauche und was ich mag. Unergiebiges und manchmal dumpfbackiges Mehr-Desselben ist genug passiert. Das führt auch zu einer gewissen Sparsamkeit. Will sagen: Ich bin weniger präsent in den erstverdächtigen Kreisen, weil ich mir vorher bei fehlender Lustanmutung die Wozu-Frage gestellt habe. Und klar, wissen die wichtigsten Menschen, wie ich denke und handle. Und warum – und wozu. Wer damit ein Problem hat, soll es haben. Muss es wohl haben. Aber ich nicht. So viel Freiheit muss 😉 sein.
Alt genug dafür bin ich. Und werde täglich älter mit dem guten Gefühl, dass ich meine Spielräume – die sind das Thema meines neuen Alter(n)sbuchs – gefunden habe, und mit der Zuversicht, dass es auch weiter gelingen wird, neue aufzumachen – auch wenn manche Begrenzungen mehr werden. Aber jedes Spielfeld hat auch seine Begrenzungen. Notwendigerweise.
Machen Sie, was Sie wollen und wie Sie es wollen. Wenn Sie es wollen. Und ohne, dass das zum Muss wird …
Um die Impulse dieses Textes für neue Spielräume zu nutzen, kann für die Alternden, die hier als Lesende zu Werke gegangen sind, eine Haltung hilfreich sein, die Lust und Vertrauen verbindet – das reimt sich auf Englisch griffiger: „Lust for life and trust in life.“ Die Kombination von Lebensfreude und Vertrauen in das, was geschieht, eröffnet neue Spielräume jenseits des Müssens. Oft bleibt unklar, was es denn konkret ist, allein das Gefühl ist deutlich spürbar. Hartmut Rosa hat es so in Sprache gebracht: „Irgendwas lockt mich ins Leben und ich denke mir: Wird schon gutgehen.“[4]
Bis es dann irgendwann – zum Glück und mit Glück, mal genug ist.
„Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden;
wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen.“
George Bernard Shaw[5]
[1] Ene, mene, muh – und alt bist du. Altern als Spielraum. Das Work-Life-Book. Das Manuskript ist fertiggestellt. Aber es kommt eben jeden Tag was dazu. Es ist nicht nur ein Thema, sondern auch eine aktuelle Lebenserfahrung – das Altern 😉
[2] Von Kürthy, Ildiko (2026): Alt genug. Ullstein Buchverlage, Berlin
[3] Jaud, Tommy (2015): Einen Scheiß muss ich. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main
[4] So zitiert ihn der Autor Alex Rühle in seinem Beitrag übers Trampen im „Buch Zwei“ der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 01. und 02. August 2026: Immer dem Daumen nach!
[5] Das Zitat wird manchmal auch Benjamin Franklin oder Oliver Wendell Holmes zugeschrieben. Alt genug ist es allemal. 😉
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