Mit dem Altern ist es so eine Sache: Alt werden wollen alle, alt sein aber dann doch nicht so viele. Und klar ist oft auch: „Alt sind immer die anderen.“[1]

Wenn wir mit der Alter(n)skategorie durchs Leben gehen, fällt der Blick der Beobachtenden allzu leicht auf die anderen, auf die wirklich Alten. Die es bereits sind, wo wir noch uns (weit) entfernt davon tummeln – oder betont jugendlich rumlümmeln. Das ist einerseits womöglich ein Stück Abwehr und Leugnung, andererseits schützt es uns auch vor allzu schockierender Erkenntnis aus der Selbstbeobachtung. Bei den anderen, den Alten, kann das eher angenommen werden – und dient fortan als Modellierung dafür, wie es bei einem oder einer selbst mal sein soll – oder wie nun wirklich nicht, keinesfalls. „Tatsächlich“ – heutiges Lieblingsmode- und Füllwort vieler Zeitgenoss*innen – nicht. Oder doch. Really?!

Die Einschätzungen, wer denn nun (wie) alt ist, hängen ab vom Lebensalter der Beobachtenden. Das zeigt die Zusammenfassung einer Studie von Susanne Wurm und Anna E. Kornadt: „Tatsächlich zeigten sich klare Unterschiede: die jüngere Gruppe der 18- bis 39-jährigen Personen bezeichnen im Durchschnitt Menschen ab einem Alter von 64 Jahren als alt. Dies entspricht dem aktuell typischen Ruhestandsalter in Deutschland. Die ältere Altersgruppe der 40- bis 85-Jährigen betrachtet Menschen jedoch im Mittel erst ab einem Alter von 72 Jahren als alt. Die Befragten definierten dabei das Alter, ab dem man als alt gilt, jeweils oberhalb ihres eigenen kalendarischen Alters. Auch hier zeigte sich ein Wendepunkt, allerdings erst im eigenen Alter ab 77 Jahren: haben Menschen dieses Alter erreicht, bezeichnen sie erstmals andere Menschen, die das gleiche Alter wie sie selbst haben, als alt. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass Menschen bis ins hohe Alter versuchen, sich von der Gruppe der alten Menschen abzugrenzen und unterstreicht damit, dass Menschen zwar lange leben, aber nicht alt sein wollen.“[2]

Dieser Befund deutet darauf hin, dass sich Dynamiker der Beschönigung bzw. der Abwertung des Alters entwickeln, kräftig medial befeuert und verstärkt auf allerlei Kanälen. Das scheint wenig angemessen, denn nach der zitierten Studie kann davon ausgegangen werden, dass das kalendarische Alter „wenig darüber aussagt, wie eine Person tatsächlich im Alter ist oder wie sie sich wahrscheinlich entwickeln wird“. Entscheidend ist das subjektiv konstruierte Altersbild. Das kommt tendenziell eher jugendlich durchgespült daher. Denn alt sind, Sie ahnen es, natürlich (nur) die anderen. Gerade kommen zur relevanten Altersgruppe die sogenannten geburtenstarken Jahrgänge hinzu, die die skizzierte Entwicklung sichtbar verstärken. Alles – mindestens – Best oder besser noch Golden Ager. Keineswegs „Senioren“, ich bitte Sie. Das kann für diejenigen, die sich das mit den best und golden und was weiß ich für mega tollen Agern gerne einreden (lassen), schwierig werden. Spätestens, wenn irgendwann (immer öfters mal) klar wird, dass es doch spürbare Veränderungen gibt, die was damit zu tun haben, was manche verlegenheitshalber „Alter“ nennen. Der Absturz ist manchmal ziemlich tief und der Aufprall schmerzt altersgemäß umso heftiger. Gesellschaftlich gesehen ist der Blick auf die reflexartige Glorifizierung der Jugend und der damit einhergehenden Vermeidung und Abwertung des Alterns zu richten. Sogenannter „Ageismus“ umfasst negative Gefühle, Haltungen, Gedanken und Verhalten bezogen auf Alter und ältere Menschen. Für das eigene gute Älterwerden ist das nicht förderlich. Als „alter Sack“ angemacht zu werden, macht keinen Spaß. Da macht Mann und Frau sich dann doch lieber mal bisschen jünger. Ein verständlicher, aber wenig hilfreicher Abwehrmechanismus mit begrenzter Mindesthaltbarkeit.

Das Thema wird auch dadurch anspruchsvoller, dass sich tradierte Zuschreibungen an den Begriff des Alters verflüssigen. Viele Menschen in meinem Alter – also die Ü-65-er – schwingen sich zu erstaunlichen Performances auf – nicht nur auf dem wenig spektakulären SUP, sondern Winters auf dem neuen Snowboard und Sommers mit der Unterbietung der persönlichen Triathlon-Bestmarke von vor 10 Jahren. Und nicht wenige jüngere Menschen fröhnen der Gartenleidenschaft im eigenen Schrebergarten – lange Zeit mutmaßlich eine Lieblings-Location der Alten. Verrückte Welt. Lebensbiografien werden „ver-rückt“, eigenwillig und eigentümlich, sind nicht mehr mit klassischen Zuschreibungen und Kategorien zu fassen. Das ist gut so und setzt den Fokus statt auf Schubladen auf höchst individualisierte, ganz besondere Lebensläufe – auch, aber nicht nur, im Alter.

Dessen Gelassenheit bestünde auch darin, gut etwas sein lassen zu können. Was ja Beobachtungs- und Hirnkapazitäten frei macht für Neues. Guter Deal – eigentlich (schwieriges Wort). Wäre da nicht die weit verbreitete Angst, etwas Mögliches zu verpassen – landläufig als „FOMO“ (Fear of missing out) unterwegs und schwer verbreitet bei den Best Agern, deren nicht selten vergoldetes Dasein auch dazu führt, dass es nicht nur bei der inneren Erwartungsüberforderung bleiben muss, sondern dem auch Taten folgen können. Die Auslastung von Wohnmobilstellplätzen und Kreuzfahrtschiffen steht dafür. Immer mehr, immer mehr, immer mehr. Solange es noch geht – und solange nur die anderen alt sind.

„Die Schönheit eines Buches hängt nicht von seinem Umfang ab.“ So der Psychotherapeut Alfried Längle aus Wien. Und um es zurückzuführen auf das Thema Alter: Auch ein kurzes Leben kann wunderschön wirken. Nach innen und nach außen.

Auch wenn manches Ratgeber*innen-Buch – manchmal auch mit religiösem Hintergrund, wie bei Joyce Meyer  – uns bereits im Titel verspricht, was wir innerlich ersehnen, so ist es doch hilfreicher als den Sehnsüchten blind zu folgen, auf die Kreativkraft neuer Wirklichkeiten zu setzen. „Das Alter bewusst genießen. Was du heute tun kannst, um dich morgen noch jung zu fühlen.“ Das hört sich erst mal gut an. Insbesondere wegen der Perspektive, sich morgen noch jung zu fühlen. Es produziert aber insbesondere enttäuschungsbereite Erwartungen. Denn es wird die Erwartung genährt, dass die anderen alt sind, und ich selbst mich jung fühlen kann. Nun ist das mit dem Fühlen so eine Sache. Schön, sich gut und positiv zu fühlen. Dies aber dann rationalisierend als „jung“ zu benennen … Na ja, gewagt. Denn es ist meist nicht von langer Dauer, sondern wird oft bald enttäuscht, weil sich das Etikett „jung“ mit Blick auf noch andere auftauchende Gefühle und vor allem körperliche Wahrnehmungen und Beschwernisse als nicht besonders nachhaltig erweist. Dann doch lieber sich mal gut, mal fit, unternehmungslustig, kreativ, klug, verspielt, albern, oder was auch immer zu finden, statt es gleich im jungen Aufkleber zu radikalisieren. Denn auch wenn immer die anderen alt sein mögen – jedenfalls für manche Beobachtende – dann tut das gefühlte junge, wenn es denn aus anderen Richtungen konterkariert wird, ganz besonders weh. Eine Enttäuschung, die wir uns ersparen können beim Altern.

Wenn wir es denn beim Wort nehmen – und dabei lassen können. Und es nicht nur den anderen unterjubeln.

Ja, ich bin alt. Wunderbar.

Und danke dafür, dass ich es werden konnte und durfte.

Dann mache ich mal weiter.

***

[1] Vgl. dazu die Studie von Susanne Wurm und Anna E. Kornadt. Übersicht dazu unter: https://www.hogrefe.com/de/thema/alt-sind-immer-die-anderen-altersbilder-im-generationenvergleich

[2] Vgl. https://www.hogrefe.com/de/thema/alt-sind-immer-die-anderen-altersbilder-im-generationenvergleich

 

Aktuell in Arbeit: Das Work-Life-Book Altern als Spielraum. Ene, mene, muh … und alt bist du …

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