Ich folge in diesem Beitrag aus dem gerade entstehenden, neuen Buch „Altern als Spielraum“ der These, dass Leben Zeitvertreib ist. Das hören nicht alle gerne, besonders nicht jene, die sich auf die Sinnseite schlagen und folglich im Leben immerzu neuen Sinn suchen und zu finden meinen. Wenn es denn für sie Sinn macht – und stimmig ist – dann ist es ja sinnig. Eine kleine Erhöhung der Flughöhe sieht die Sinn-Erzählung, die angesichts der Lage der Welt ohnehin etwas ins Rutschen geraten scheint, inmitten einer Gemengelage aus vielem anderen, das wir dazu bemühen, uns lebend, lebendig zu spüren. Wir sporteln, damit wir – so das Sinnkonstrukt – möglichst lange gesund bleiben (besonders im Alter), daddeln vor uns hin, damit wir – so das Sinnkonstrukt – uns möglichst immer up-to-date und immer dabei, gesehen und gehört usw. fühlen können. Wir optimieren uns, damit wir – so das Sinnkonstrukt – möglichst viel Anerkennung bekommen. Undsoweiter. Das lässt sich leicht fortsetzen. Böse gesprochen, schlagen wir unsere Zeit tot – oder lenken uns von ihr ab, sodass wir sie günstigstenfalls vergessen oder jedenfalls die Endlichkeit des Seins wirksam verdrängen. Sozialverträglich formuliert ist alles im Leben Zeitvertreib. Wir sind zum Sein in der Zeit verdammt. Das ist bis zum eher unwahrscheinlichen Meteoritentreffer oder einem wahrscheinlicheren Ende des Daseins unser Los. Da kommen wir nicht raus. Insofern finde ich das Wort vom „Zeitvertreib“ ziemlich lässig, weil es für beide Seiten Beschreibungswert hat: Einerseits ist es interpretierbar im Sinne von „die Zeit vertreiben“ und andererseits im Sinne von „sich die Zeit vertreiben“, sie also zu befüllen mit Sinnerleben oder was auch immer – und sie damit zu vergessen. Ohne das philosophisch zu vertiefen, lade ich ein, mir in die Perspektive zu folgen, dass Altern eine neue, eine andere Form des Zeitvertreibs ist. Die Andersartigkeit kommt daher, dass rein statistisch gesehen, die verfügbare Zeit im Alter und beim Altern immer weiter abnimmt. Das scheint die Kreativitäten der Alternden in ihren Zeitvertreiben anzuregen. Belege finden sich überall, wo alternde Beobachtende hinsehen. Viele Mit-Alternde schauen offensichtlich auf die Seite der Sehnsüchte und probieren etwas aus, was sie bisher noch nie gemacht haben – es aber wohl immer schon machen wollten. „Ich habe mich nie so gezeigt, wie ich wirklich bin.“ Sagt Greta Silver (78). Früher war sie Hausfrau, heute hat sie sich und ihre Bestimmung gefunden – im Alter von 78 als Key-Note-Speakerin und Bestsellerautorin: „Alt genug, um mich jung zu fühlen“ heißt der Buchtitel und das Motto.[1] Sie wähnt sich in der Blüte ihres Lebens – und hält weltweit Vorträge über positives Altern. Motto: „Machen, einfach machen.“ „Eigentlich kann ich gar nicht zeichnen.“ Meint die 84-jährige Dorothea Kathan, früher Grundschullehrerin, heute Comic-Zeichnerin, macht einfach und zeichnet einstweilen zur Freude der Kinder weiter ihre Eulen-Comics. Helga Lersch war früher Floristin und immer schon Elvis-Fan. Bis heute frönt sie dem Rock’n Roll gemeinsam mit Ihrem Mann. Die beiden feiern heuer ihre Diamanthochzeit. „Ich bin oft eine der Letzten auf der Tanzfläche.“ „Na und?“ So der Titel des Beitrags in der Süddeutschen Zeitung.[2]
Es gibt auch eher „konventionelle“ Formen des Zeitvertreibs. Spazierengehende Mitbürger*innen sind in meiner oberbayerischen Heimat keine Seltenheit. Oft gibt es Rituale („Jeden Morgen um 06.00 Uhr vor dem Zeitunglesen und Frühstücken“) oder immer wiederkehrende Strecken (die Dorfrunde, die Gewerbegebietsrunde oder die Reutbergrunde). Manche machen auch einfach weiter mit dem, was sie lebenslang schon immer gemacht haben. Sigrid Eichner ist fast ihr ganzes Leben lang Marathons gelaufen. Sie läuft einfach immer weiter und will demnächst den 2.500sten machen. Frau Eichner ist 85 Jahre alt. Es ist ihr „Lebenslauf“, so der mehrsinnige Titel des Beitrags im Magazin der Süddeutschen Zeitung.[3] Manche Lebensthemen tauchen auch im Alter wieder auf. Bei mir ist es die Musik. Mit acht Jahren habe ich begonnen Klavier zu spielen, mit zehn Kirchenorgel, ich war nebenamtlicher Kirchenmusiker und hätte es fast beruflich gemacht. Stattdessen sollte es ein Hobby bleiben, um den Spaß daran zu behalten (das war meine innere Begründung). War dann aber nicht so. Um Spaß zu haben reichte die Qualität dem ehemaligen Fast-Profi nicht aus. Und so wurden andere kompetitivere Themen wichtig – allen voran der historische Motorsport. Und seitdem – ein Corona-Gewinn – in eine der ehemaligen Rennwerkstätten eine Kirchenorgel und später – ein Altersgewinn zum 60sten Geburtstag – ein Cembalo eingezogen sind, ist wieder Musik drin im Leben. Es wird geübt, gespielt (nur für mich), die Instrumente werden gehegt, gepflegt, gestimmt und handwerklich erweitert und verbessert. Das Thema aus meinem Lebenslauf fasziniert und macht viel Freude. Andere geben den Zeiten im Alter andere Qualitäten aus ihren jeweiligen Lebensläufen. „Es gibt mir Energie und Freude, wenn ich in Techno-Clubs gehe“, berichtet der frühere Koch und heute begeisterte Raver Günther Krabbenhöft (81). „Da ist immer noch diese Energie der Jugend in mir, diese Lust aufs Leben.“[4] Überhaupt: Egal wie der Zeitvertreib ist, es soll ja schon sowas wie eine Qualitätszeitanmutung entstehen. Seit den 1970-er Jahren kursiert sie, die „quality time“ – in Abgrenzung zur „quantity time“. Letzteres bezeichnet diejenigen Zeiten, die lange, aber ohne besondere Ansprüche sind. Ältere nicken wissend … „Quality Times“ sollen im Alter hingegen Zeiten sein, die – unabhängig von der Länge – besonders gehalt- oder wertvoll sind. Klassischerweise ist Quality Time menschlichen Beziehungen und Aktivitäten im sozialen Kontakt und in der Begegnung gewidmet. Im Vergleich zum inhalts- und oft auch sinnfreien Rest, der allerdings in beträchtlichem Umfang daherzukommen scheint im Leben und beim Arbeiten. Das fand 2009 – der Zeitforscher in mir horchte damals auf – auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – und verfasste ein Memorandum für eine familienbewusste Zeitpolitik. Kernpunkt: „Qualitätszeit“. Das ist der Schlüssel zum „Zeitwohlstand“. Gemeint sind „verlässliche und selbstbestimmte Zeitoptionen, die Familien für gemeinsame Aktivitäten nutzen“ – und zwar „in bewusster Interaktion, Fürsorge und Zuwendung mit dem Ergebnis von Wohlbefinden“ (Bundesministerium 2009). So hieß das damals in ministerialer Sprachqualität. Na ja.
Wie auch immer: Qualität ist Konstruktion. Darauf läuft es hinaus. Und bei Konstruktionen ist die Frage, mit welchem Bezug ich konstruiere. Das zu klären, könnte weiterhelfen in der Beantwortung der Frage, welche Zeiten für mich im Alter wichtig, qualitätsvoll sein sollen – mit welchen ich mir meine Zeit vertreiben und welche ich lieber vertreiben möchte. Es hat sich bewährt, diesen Bezug aus emotionaler Sicht zu klären. Denn das ist die entscheidende Qualität – die Hirnforscher (und auch ich) werden nicht müde, uns das als einige der wirklich wichtigen gesicherten Erkenntnisse aus dem Hirn zu versichern. Wir sind emotionsgesteuert. Und was uns Lust und Freude macht, das macht uns froh und ist deshalb für uns stimmig und brauchbar. Und ja, das können wir dann „Qualität“ nennen. Oder Quality time. Wenn’s denn hilft, dann hilft’s. Wer es braucht, der soll es so nennen. Alle anderen sollen machen, was sie wollen. Das wäre doch auch schon mal so’ne Art Zeitwohlstand. Vermutlich. Oder ein persönlicher Mythos? „Er wusste, wenn er Qualität begreifen wollte, musste er den Mythos verlassen.“ (Pirsig 1993, S. 372/373)[5]
Um den Mythos hin zum Konkreten zu verlassen, biete ich im hier zu Grunde gelegten systemischen Fünfeck Richtungen an, in die es gehen könnte, damit die Zeitvertreibe im Alter denn auch als Qualitätszeiten wirken können. Je näher der jeweilige „Zeitvertreib“ den grundlegenden und aktuellen Bedürfnissen ist, desto wahrscheinlich ist es, dass Alterszeiten als „Qualitätszeiten“ wirken.
Abb: Qualitätszeitperspektiven und Bedürfnisse
Gute Gefühle macht es, die eigenen Zeitvertreibe autonom selbst zu bestimmen, sich in diesen Zeiten mit anderen verbunden zu fühlen, sie mit attraktiven – und gerne auch herausfordernden – Aufgaben zu verbringen, und das in stimmig wirkenden, entlastenden Strukturen. Das macht Sinn. Und wenn es nachhaltig wirkt, dann tut es wohl.
Spielen Sie mit!
Neues Spiel, neues Glück. Es geht um Ihre Qualitätszeiten im Alter.
Bereichernde Zeitvertreibe!
***
Aus: Orthey, Frank Michael: Altern als Spielraum. Das Work-Life-Book. Manuskript des Autors. Erscheint 2027
Anmerkungen
[1] Silver, Greta (2019): Alt genug, um mich jung zu fühlen. Rowohlt Verlag, Hamburg
[2] Süddeutsche Zeitung (2026): „Na und?“, protokolliert von Klara Roller. Nummer 139, vom 20./ 21. Juni 2026, S. 52
[3] Hill, Cyrille (2026): Lebenslauf. In: Süddeutsche Zeitung Magazin. Nummer 29, 17. Juli 2026, S. 8 – 12
[4] Süddeutsche Zeitung 2026/139, S. 52
[5] Pirsig, Robert M. (1993): Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
Gelingender Zeitvertreib beim Kunstwanderweg am Blomberg
Unser Train-the-Trainer-Buch steht auf der Shortlist des Deutscher Verband für Coaching und Training (dvct) e.V.. Im Rahmen der Vergabe des Coaching- und Trainingsbuches des Jahres 2025/2026 stellt die Jury eine Liste mit weiteren Buchempfehlungen zusammen, die Inspiration und Impulse für Coaching- und Trainingsinnovationen bieten. Zur dvct Shortlist 2025/2026 mit den Buchvorstellungen
Das Train the Trainer-Workbook bietet in fünf Loops zentrale fachliche Grundlagen, praxisorientierte Enrichments, bewährte Methoden und innovative Impulse für lebendiges Lernen.
Train the Trainer: Das Workbook. Kompetenzentwicklung für Trainerinnen und Moderatoren
Hier geht’s zur Leseprobe.
Und hier zur Bestellung.
Und … auf Facebook teilen.

0 Kommentare