Viele suchen einen (neuen) Fokus im und für das Alter. So sind es die Mitglieder einer Selbstoptimierungsgesellschaft gewohnt, so haben sie gelernt, sich zu justieren und so auf den Punkt zu bringen, dass allerlei Vorhaben des Lebens und Arbeitens produktiv und optimiert werden können. Das ist ein bekanntes, aber auch ein verbrauchtes Muster. Zudem ist es versehen mit der Frage, ob das denn ein alternstaugliches Modell ist. Oder ob es nicht Mehr-Desselben wie bisher ist und wird – und immer so weiter. Einen Fokus zu haben, bedeutet, konzentriert und damit auch begrenzt zu sein auf einen bestimmten, ausgewählten Ausschnitt dieser Welt. Das ist eine Form der Selektion: Nicht alles soll möglich sein, sondern das, was im Fokus steht. Und das dann aber gescheit! Das kann im (Arbeits-) Leben gescheit sein, aber mit Blick auf das Alter ist womöglich etwas anderes sinnig. Dies ist jedenfalls ein Plädoyer für die Entfokussierung. Ich habe zeitlebens als Berater, Trainer und Coach mit Klient*innen und Teilnehmenden versucht, einen Fokus zu finden, der angesichts der anstehenden Herausforderungen des Lebens und Arbeitens versprach, hilfreich werden zu können. In einem Artikel namens „Das Glück ist eine Wurstsemmel“ im Gesellschaftsteil der Süddeutschen Zeitung vom 28. und 29. März 2026 las ich: „Der Fokus muss raus in die Welt, weg von der Ich-Zentrierung und weg von den vielen Experten. Die Workshopisierung des Lebens und immer neue Optimierungsversprechen führen in die Unselbständigkeit. Es handelt sich um eigentümliche Auslagerungstendenzen, um eine freiwillige Selbstverzwergung: Coaches weisen den Weg, Experten sagen, wo es langgeht, und wer etwas ändern möchte, kann das nicht ohne Anleitung von außen.“ (SZ, 28/29.03.26, S. 41) Das fand ich gut. Nicht nur weil ich zeitlebens auch die kritische Seite gegenüber dem, was ich berufsmäßig machte, versucht hatte zu thematisieren und es in Artikeln und Büchern – „der große Zwang zur kleinen Freiheit“ (Geißler/Orthey 1998) beim „zwielichtigen Lernen“ (Orthey 2004)[1] – zum Thema gemacht hatte, mich also selbst in einer selbstgebastelten Tradition sah, mich (auch) über mich selbst lustig zu machen. Ich fand es auch nicht deshalb gut, weil ich – was natürlich möglich ist – in einem Anflug von Selbstbezichtigung das gerade entstehende Alternsbuch[2] in diesem Sinne verstanden wissen will (für den Fall gilt: Finger weg, Buch wegschmeißen, um einfach – ohne alles – alt zu werden), sondern weil ich es fürs Alter(n) eine wichtige Perspektive finde. „Mehr ich als mich gibt’s nicht“ ist nach Kabarettistenaussage nicht nur der Markus-Södersche Lieblingssatz, sondern auch das Etikett um den immer weiter anschwellenden Ich-Kult in Leben und Gesellschaft. Die ehemaligen „Egotaktiker“, wie sie in der Shell-Studie von 2002 genannt wurden, die bei allen persönlichen Gewinnen lebenslänglich „partizipativ an der Stabilisierung ihrer eigenen Entmündigung“ (Orthey 2007, S. 72/73)[3] mitgearbeitet hatten, sind nun älter geworden und als Best Ager reif für die Insel. Sie waren gut durchgecoacht und geguided unterwegs zwischen Selbstheldentum und Selbstverzwergung. Groß und heldenhaft: Tolle Typen, erfolgreich, gut versorgt, schön, durchgestylt, fit usw. Und zugleich klein und verzwergt: Abhängig von einem allgegenwärtigen System von Beratung und Expert*innen, ohne die nichts ging. Ratgeber waren das mindeste, Seminartourismus und Personal Coaches sorgten für permanente Umleitungen vom Fremd ins Selbst. Und wenn das Ich die ganzen Überforderungen nicht aushielt, sorgte eine Horde supervisorisch tätiger Coaches und Therpeut*innen für neue Ordnung auf höherem Niveau. „Was macht das mit Dir?“ Das ist die etwas karikierende Floskelfrage für dieses und jenes, was es da zu reflektieren gibt. Die Hintergrundstory hatte ich mal so zugespitzt: „Man macht den Menschen nur dadurch groß, indem man ihn klein macht. Nur der Zerknitterte kann sich neu entfalten. Helligkeit erlangt man durch den Marsch ins Dunkle.“ (ebd., S. 73). „Mein Coach meint auch …“ Sagen die klein gehaltenen und gut zahlenden Klient*innen im Stadium der Selbstverzwergung, wo Coaches und Expert*innen den Weg weisen und eine Änderung nur mit neuerlicher Begleitung und Anleitung möglich ist. Wer darauf keinen Bock mehr hat, die- oder derjenige kann im Alter mit diesen Mustern brechen. Und sich frei machen. Das meint vor allem den eigenen Geist – und die diesem vorgelagerten Emotionen sowieso. Das ist Freiheit und Befreiung von einer unfrei machenden Guidance, die gemeinerweise fein aufgemacht als Freiheitsbringer daherkam. Aber was wäre die Alternative?

Ich nenne es „schwebende Aufmerksamkeit“ – und meine, mit allen Sinnen frei und aufmerksam durchs Leben zu gehen oder ja: zu schweben. Unfokussiert und offen für das, was der Weg am Rand, an Abzweigungen, Steigungen, Biegungen, Kehren, Unebenheiten, Schlaglöchern und auch auf den Umwegen, die sich aus dem Unfokussierten ergeben, so bereithält an Angeboten und Möglichkeiten. Was auch immer das sein mag. Und sich dabei nicht durch vor-, mit- und nachreflektierte Einschränkungen (Fokus, Ziele und solche Sachen eben) gängeln zu lassen, sondern „sich gehen zu lassen“ und „auf den eigenen Bauch zu hören“. Auf dessen emotionale Kompetenz ist ohnehin am meisten Verlass. Sagen – natürlich – die dafür zuständigen Expert*innen, die Neurobiologen. Aber egal. Was hilft, das hilft. Was interessiert, das interessiert, was wurscht ist, kann Wurscht bleiben. Heißt nicht: Orientierungslos durch die Welt zu taumeln. Heißt hingegen: Von schwebender, interessierter, zugewandter Aufmerksamkeit geleitet, offen wahrzunehmen und „in der Schwebe“ zu bleiben. Abgeschaut habe ich den Begriff von Sigmund Freud, der damit beschrieben wissen wollte, wie unvoreingenommen der Psychoanalytiker dem Patienten zuhören solle. Der Therapeut – oder sie – sollen sich dazu in einen entspannten, aufnahmebereiten Zustand versetzen. Frei von Störungen. Der letzte Punkt ist auch fürs Altern ganz praktisch: Sich frei von Störungen halten. Das Spektrum der möglichen Gestörtheiten reicht von der ständigen Selbststörung durch die Glotzerei auf ein kleines Kästchen in der Hand bis zu den arrangierten Störungen durch Termine, Verabredungen und einen ganzen Wust vermeintlicher Verpflichtungen. Das sind oft Relikte von früher, wo solche Rituale zum erfolgreichen Leben dazugehörten. Das braucht es jetzt nicht mehr. Es sei denn, Sie hätten ein dazu passendes Bedürfnis … Stattdessen: Schwebende Aufmerksamkeit für ein erfülltes und erfüllendes Dasein in einer ziemlich interessanten Welt. Für mich als alternden Autor sind es die vier Prinzipien der Großgruppenform „Open Space“ nach Harrison Owen (2000)[4], die hilfreich sein können, um die passende Haltung für eine schwebende Aufmerksamkeit zu justieren:

  • Wer auch immer kommt, es sind die richtigen Leute. Einer oder wenige oder ganz viele, jede und jeder ist wichtig.
  • Was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen konnte. Ungeplantes und so nicht Erwartetes ist oft kreativ und wird nützlich.
  • Es beginnt, wenn die Zeit reif ist. Statt rigider Zeitdisziplin geht es los oder weiter, wenn die Energie es zulässt.
  • Vorbei ist vorbei. Wenn die Energie zu Ende geht, ist die Zeit um.

Dazu gibt es das „Gesetz der zwei Füße“. Es sorgt dafür, dass die Menschen nur so lange an einem Ort bleiben, wie sie es für sinnvoll halten, um etwas zu lernen oder beizutragen. Dieses Gesetz sorgt mit den vier Prinzipien dafür, nicht höflichkeits- oder anstandshalber oder weil es so üblich war und ist, zu verharren, sondern den Signalen der schwebenden Aufmerksamkeit woandershin zu folgen. Mal ehrlich: Wer hätte sich das in manchen superwichtigen Meetings im Berufsleben nicht schon mal gewünscht, dem Gesetz seiner zwei Füße zu folgen? Jetzt ist es möglich!

Das erlaubt eine optimistische Offenheit für die Welt und für das, was sie bereithält – und was oft etwas anderes ist als das Geplante oder Erwartete. Das macht das Leben spannend und interessant. Jenseits der angestaubten Muster, ihrer vermeintlichen Helden und subtilen Abhängigkeiten von den heutzutage üblichen Formen, „das Richtige zu machen“.

Die Schattenseite des Geschriebenen liegt im blinden Fleck: Es gilt nicht für alle Menschen der alternden Klientel. Es gilt für diejenigen, die es sich leisten können und wollen. Andere bleiben außen vor, weil sie Pfandflaschen sammeln müssen und in unterschiedlichster Weise bedürftig sind und sich ihnen andere Fragen und Aufgaben stellen als diejenigen eines begünstigten Alterns. Das sind übrigens oft ziemlich interessante Menschen für eröffnenden Begegnungen. Sie werden in schwebender Aufmerksamkeit entdeckt, gesehen, angesprochen. Es wird ihnen zugehört – und es entsteht: Neues.

Ein weiteres: Es ändert sich was in der Szene der „Menschenregierungskünste“ (Foucault), die ich hier anhand pädagogischer Formen ins Feld des Alterns eingeführt habe. Sie funktionierten bei aller Kritik sanft: „Gute Hirten führen sanft“, so das Motto, wie es in einem Sammelband zum Thema verdichtet wurde. Die Sanftheit besteht darin, die Selbststeuerungsfähigkeit der Schafe der Herde zu entwickeln. Bei aller subtilen Abhängigkeit, gefällt das den meisten Schafen. Die neuen Hirten, die uns heute – nicht immer sanft – führen, sind jederzeit zugänglich über unsere Displays. Für Fragen und das, was wir schon immer und jetzt gerade im Besonderen – und zwar sofort! – wissen wollten. Die Weisheit dieser „Hirten“ – ja, sie tun ziemlich nett und behütend – kommt aus den Serverfarmen der AI. Das kostet auch nichts oder nur wenig und ist nicht immer blöd. Zudem ist es ziemlich bequem, aber der Grad der Abhängigkeit ist auch ziemlich hoch. Statt selbst in sogenannter schwebender Aufmerksamkeit zu denken und Lust und Freude dabei zu haben, mal eben Chattie (eine Verniedlichung von ChatGPT) fragen. Der – oder die? – wird es schon wissen. Ein Schuft (oder sie!), wer dabei wieder an die Selbstverzwergung denkt. Abgesehen von der gesellschaftlichen Relevanz der Fragen, die sich hier stellen, geht es um die Bedeutung der Abhängigkeit von den neuen Mächten der AI und ihrer Herden im Alter. Es kann passend sein, es sich im Alter in Wissensfragen bequem zu machen und sich stattdessen mit dem Erleben zu beschäftigen. Schön, wenn es eine bewusste Entscheidung ist. Und es gibt ja auch ein Dazwischen und ein dieses und jenes. Keine Generalabrechnung also. Wenn es aber darum geht, im Sinne der Story des gerade entstehenden Buches zu neuen Spielräumen zu kommen, dann braucht es Autonomie und Unabhängigkeit. Und das in möglichst viel. Das ist, wenn Leserinnen und Leser es so wollen, ein abschließender Warn- oder Gebrauchshinweis. Damit die Aufmerksamkeit gut schweben kann. Damit das gelingt, braucht es keine neuen Tools und Techniken, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Es braucht keine Helden und keine Zwerge. Keine noch tiefgründigeren Reflexionen und Sinnsuchen. Sondern ein konkretes Handeln, das jenseits des gehypten und dabei überanstrengten Ichs „Sinn macht“. Im zitierten Artikel der Süddeutschen Zeitung: „Die Kunst des Lebens offenbart sich nicht durch den Blick in den Spiegel, sondern durch das Handeln an einer Sache, die wichtiger ist als das eigene Befinden.“ (SZ, 28/29.03.26, S. 41) Das kann auch mal zu Überraschungen führen. Nicht gerade auf der Poleposition der Erlebnis-Junkies steht es sicher, zusammen mit anderen zwangsverpflichteten beim Kindergartenfest Wurstsemmeln zu schmieren und Limo zu verkaufen. Überraschung stellt sich dann ein, wenn es, obschon die Tätigkeit weder neuen Sinn noch tiefen Erlebniswert vermittelt, zu schönen gemeinsamen Erfahrungen in bester Stimmung kommt. Auch – oder weil? – das Ich nicht so wichtig ist. Hier war es das mehr oder weniger erzwungene Gemeinsame (zusammen Wurstsemmeln schmieren und Limo verkaufen), das zu vielen lockeren Sprüchen und sich entwickelnder bester Stimmung (nebst sich einstellender Verkaufserfolge) führte. Konkretes Tun, gemeinsam mit anderen. Sich selbst weniger wichtig nehmen. Das kann auch klappen – und Freude machen. Ganz ohne Fokus. Stellt sich nur die Frage, wie ich eine solche Erfahrung in der Schwebe halten kann bis zum nächsten Mal.

Denk einfach nicht nach und mache …

Das eröffnet neue Spielräume. Dazu ist das Alter(n) gut!

Und als Nachsatz: Wenn eine Schraube locker ist, hat das Leben etwas mehr Spiel …

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[1] Geißler, Karlheinz A./Orthey, Frank Michael (1998): Der große Zwang zur kleinen Freiheit. Hirzel, Stuttgart und Orthey, Frank Michael (2004): zwielichtiges lernen. Gegenstimmen in der Weiterbildungsdiskussion. W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld

[2] Aktuell in Arbeit: Orthey, Frank Michael: Altern als Spielraum. Das Work-Life-Book. Ene, mene, muh … und alt bist du … Erscheint Anfang 2027

[3] Orthey, Frank Michael (2007): Beratung, Coaching & Co GmbH. Guidance mit beschränkter Haftung. In: Christof, Eveline/Ribolits, Erich/Zuber, Hannes: Führe mich sanft. Beratung, Coaching & Co. Die postmodernen Instrumente der Gouvernementalität. S. 64 – 74, schulheft 3/2007 (127)

 [4] Owen, Harrison (2000): Erweiterung des Möglichen. Die Entdeckung von Open Space. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart

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Im Fokus: Die schwebende Aufmerksamkeit 😉

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Kategorien: Zeitforschung

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