Manch eine oder einer gerät beim Altern in die Bequemlichkeitsfalle. Die New York Times hat gar eine „Tyrannei der Bequemlichkeit“ ausgemacht. Bevor sich Lesende es allzu bequem machen, noch dies, denn bequem ist es ja schon: Alles ist jederzeit und überall (wo es ein Netz gibt) zugänglich. Informationen, tiefgründige Recherchen, Partner*innen und all das, wofür es eine App gibt, sowieso. Das ist bequem. Und eine Gefahr. Unter anderem, weil es – die schlechte Form von – Langeweile macht. Die Visionen der Tech-Bosse sind klar: Wie Wasser und Strom soll Intelligenz zu einer Versorgungsleistung werden, die wir über einen Zähler beziehen und die dann abgerechnet wird. Was mit Blick auf die Einschränkungen des Alters verführerisch wirkt, weil es bequem, komfortabel und von vielen Anstrengungen entlastend zu sein scheint, hat uncharmante Schattenseiten, denn vieles geht oder ginge verloren, z.B. Geduld, Gefühle von Selbstwirksamkeit oder Toleranz und Empathie. Und auch die Spannung, die das Leben so lebendig und interessant macht, ginge und geht dahin. Es fehlt der Widerstand. Der ist unverzichtbar für ein gelingendes Leben. Das wissen all jene, die die Untiefen der Pubertät kennenlernen durften. Anstrengend und oft mühsam zwar, aber – meist im Nachhinein gesehen – unverzichtbar zur Entwicklung eigener tragfähiger Realitätskonstruktionen. Diese entstehen am Widerstand. Der kommt manchmal auch klein und bescheiden daher – z.B. als Skepsis oder Zweifel. So viel Freiheit muss sein. Denn diese wahrliche Freiheit besteht nicht darin, möglichst bequem zu leben. Vielmehr besteht sie darin, „sich bewusst auf jene Widerstände einzulassen, die das Leben erst interessant machen“, so Michael Moorstedt kürzlich in seinem Beitrag „Tyrannei der Bequemlichkeit“ in der Süddeutschen Zeitung. Und interessant soll es ja sein, das Alter. Insofern ist das ein ziemlich guter Gedanke für die Erhaltung und Verfeinerung von Lebensqualität im Alter: es sich nicht allzu bequem zu machen. Meint: Manchmal das Unbequeme zu suchen – und es zu nutzen für mehr oder neue Lebendigkeit. In Bewegung zu bleiben, innerlich, geistig und auch äußerlich sichtbar, körperlich. Nur eben nicht radikal. Das ist dann auch wieder zu bequem. Heutzutage wird in der vercoachten Welt oft reflexartig gefordert, doch (endlich!) „die Komfortzone zu verlassen“. Das finde ich zu einseitig – und wenn Sie wollen: zu bequem. Es macht eine gut/schlecht-Unterscheidung auf. Komfortzone: schlecht. Verlassen derselben: Gut. Das ist – wie so oft, wenn mit dieser Unterscheidung operiert wird – „schlecht“, weil zu undifferenziert. Es ist – nicht nur, aber besonders – im Alter wichtig, geschützte Räume zu haben, in der Unsicherheiten, Ängste, Knappheit und Verzicht minimiert sind. Das ermöglicht gute Gefühle des „Genug“. Es ergibt positive Emotionen, die von Sicherheit, Zuneigung, Anerkennung und Ressourcenhaftigkeit gekennzeichnet sind. Erst solche geschützten und deshalb meist geschätzten Räume ermöglichen es vielen Menschen im Alter, doch mal zu schauen, was da draußen in der wilden Welt so los ist und noch möglich ist. Um sich dann dort neu auszuprobieren, neue Spielräume zu entdecken – im Wissen, dass es einen sicheren Hafen gibt. Einen solchen zu haben ist im Alter besonders wichtig. Es braucht (je älter ich werde, so scheint es: mehr) Sicherheit, um sich auf Unsicherheiten einzulassen und ein neues Spiel zu spielen. Besonders „in Zeiten wie diesen“, die von sozialer, gesellschaftlicher und politischer Instabilität und Unberechenbarkeit geprägt scheinen, tut der sichere Hafen nicht nur gut, er ist auch funktional wichtig. Er ermöglicht es bestenfalls, mutig zu sein. Wenn alle sich in ihren Komfortzonen verkriechen, die Heizgeräte oder – nun eher öfters – angesichts der Temperaturentwicklung die Klimaanalagen hochjagen, Füße hochlegen und sich in den immergleichen medialen Kanälen mit „Mehr-Desselben“ verlustieren, dann wird’s gefährlich, zu einseitig, unlebendig, langweilig. Und so ist es eben nicht gemeint. Der Impuls geht in die Richtung einer Ausgewogenheit. Wenn es bequem genug ist, dann geht auch was anderes. Rein in die Komfortzone, raus aus der Komfortzone. Auf die Straße zur Klima-Demo, im Park schnell mal über die Slack-Line und abends auf ein etwas wilderes Konzert. Samstags dann zur Tafel, um Bedürftige zu unterstützen. Und dann ab ins geliebte Zuhause. Charmant: Dieses Hin-und-Her-Switchen erzeugt Widerstände, die ein gutes Altern braucht. Denn es stellt den Zweifel, verstanden als Prüfoperation, auf Dauer, um zu fragen, was denn nun passend ist – und was nicht (mehr). Das ist nicht sehr bequem. Denn es kontrastiert die jeweilige Erfahrung mit einer oft differenten anderen. Das bringt zum und es hält am Denken – in der Auseinandersetzung mit der Welt. Und auch wenn ich das auf meinem bequemen Lieblingsplatz nicht ganz unkomfortabel auf der einladenden Spätsommerterrasse als Komfortzone mache, verlasse ich dieselbe doch in meinen differenzierten Überlegungen, die den Widerstand nicht scheuen, sondern ihn nutzen. Damit dem dann andere Handlungen folgen können. Das führt nahezu zwangsläufig zu neuen Spielräumen, jedenfalls zu solchen, die es – derart vorbedacht – mal wert sind, ausprobiert und auf Lustgewinn und Brauchbarkeit hin getestet zu werden. Und wenn nicht, dann nicht. Versucht habe ich es jedenfalls. Ich bin an und womöglich über Grenzen gegangen, habe Widerstand gespürt – und mich dann entschieden. Dafür oder dagegen. So viel (Un-) Bequemlichkeit muss sein im Alter!
Work-Life-Blog: Wie bequem und komfortabel es (nicht) sein soll im Alter …
- Welche Bequemlichkeiten ich sehr schätze – und die ich keinesfalls im Alter aufgeben werde …
- Wie schaut meine Komfortzone aus? Wodurch ist sie gekennzeichnet? Was macht sie so komfortabel und bequem? Was schätze ich an ihr? Wozu brauche ich sie?
- Was reizt mich daran, meine Komfortzone mal zu verlassen (jedenfalls mal probehalber)? Wozu könnte das gut und nützlich sein?
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Dieser Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch von Frank Orthey, das 2027 erscheint: Altern als Spielraum. Das Work-Life-Book.
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