„Jetzt mach‘ mal keine Hektik.“ So hören wir die Appelle von anderen und manchmal auch von uns selbst, wenn wir drohen in selbige zu verfallen. Dann würden wir aus den üblichen Formen, unsere Zeit wahrzunehmen, herausfallen, in einen Zustand übersteigerter Betriebsamkeit, einen unguten Erregungszustand, der von Hast, Hetze und innerer Unruhe geprägt ist. Typisch für die Hektik ist die Abkoppelung vom äußeren Anlass. Hektik ist damit ein innerer fiebriger Zustand. Wir verzehren uns anhaltend innerlich. Das meinte auch das griechische hektikós (ἑκτικός). Wir geraten in einen blinden Aktionismus, in einen Zustand von Rast- und Ruhelosigkeit, fühlen uns getrieben – oft ohne den eigentlichen Anlass noch zu erinnern. Der durch einen äußeren oder inneren Anlass ausgelöste Zeitdruck wird auf alles andere, was geschieht oder geschehen wird, gleich mitübertragen. Hektik macht sich also vermutlich meist breit, wenn wir uns – sowieso schon – überfordert fühlen. Dann bringt uns ein kleiner Auslöser in eine ungute und überfordernde Rage. Das ist ein innerer Zustand, in den wir „verfallen“. Insofern passt auch die – ursprünglich auf die Schwindsucht bezogene – medizinische Bedeutung eines „verzehrenden Fiebers“. Dann „kommt Hektik auf“, „bricht aus“, „überkommt“ oder „überfällt“ uns oder „bricht herein“. Wir (ver-) fallen in – manchmal panische oder kurzatmige – Hektik und etikettieren sie als „unnötig“ oder „übertrieben“. Hektik bringt uns durcheinander, aus dem Rhythmus, lässt uns hastend umhertaumeln und –hetzen – meist ohne Sinn und Zweck.

Manchmal wird die Hektik auch fest mit üblichen Verdächtigen verbunden: Wer kennt nicht die „vorweihnachtliche“ Hektik? Mancher leidet in unserer „Hektomatik-Welt“ (STS) sogar „allmorgendlich“ an ihr. Auch die „großstädtische“ Hektik kommt vielen bekannt vor. All dem wollen und würden wir gerne entfliehen. Hektik mag kaum jemand. Sie ist kein guter Stresszustand, der das Überleben und höchste Aufmerksamkeit sichert, Hektik ist belastend, im echten Sinne „beunruhigend“. Unangenehm macht diesen Unruhezustand, dass er so abgekoppelt daherkommt, sich wie von selbst auf alles bezieht, uns lähmt und zugleich in höchste Erregung versetzt. In der Hektik entsteht deshalb kaum etwas wirklich Nützliches – außer vielleicht schrägen Zufallsgedanken, wie wir sie aus anderen Fieberzuständen kennen. Die werden aber gleich vergessen, gehen in der allgemeinen inneren Hektik unter und verloren. Was bleibt ist die Sehnsucht nach einem inneren Zustand der Ruhe. Bei manchen ist denn Hektik auch tatsächlich krankhaft. Seneca meint, Hektik weise auf ein krankes Gemüt. Hauptmerkmal eines „geordneten Verstandes“ sei demgegenüber „Beharrungsvermögen und die Fähigkeit, mit sich selbst umgehen zu können“. Die ist durch die Hektik eingeschränkt bzw. gedeckelt. Hektik lässt unsere gesunden inneren Stimmen verstummen – oder sie ticken aus, schreien rum und regen uns nur noch auf. Wir verlieren uns in bloßem und blindem Aktionismus. Insofern stimmt es schon, dass operative Hektik geistige Windstille ersetzt. Denn die ist zuvor durch Hektik ausgelöst worden. Denn Hektik blockiert. Legt uns in einem Zustand äußerster innerer Unruhe lahm. Deshalb: „Bloß keine Hektik!“ Das kann gelingen, wenn wir wissen, wie wir ticken – und das heißt auch, wenn wir wissen, welche Knöpfe bei uns gedrückt werden müssen, um in blinde und in – uns selbst und anderen gegenüber – blind machende Hektik zu verfallen. Wenn wir beispielsweise wissen, dass wir perfektionistisch veranlagt sind und es tendenziell allen äußeren Anforderungen Recht machen wollen/müssen, weil wir die Anerkennung brauchen, die uns das bringt, dann ist es möglich, sich zu bremsen und zur Ruhe zu kommen – und zwar bevor wir in eine plan- und lustlose Hektik verfallen. In diesem Wissen können wir wirkungsvoll wieder zur Ruhe kommen.

Und weil eine solche Klarheit Zeit braucht und eine angeleitete innere Auseinandersetzung erfordert, gilt als Sofortmaßnahme am hektischen Unfallsort: Aus der Situation heraus- und einige Schritte zur Seite treten, in Distanz gehen und sich mal die Frage stellen, welchen Nutzen die momentane Hektik denn eigentlich hat

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Wider der Hektik:

Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Haufe-Lexware.

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Kategorien: Zeitforschung

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