Unsere diesjährigen Weihnachts- und Neujahrskartenwünsche thematisieren die Vielfalt. Fokus der Wünsche ist der – so finden wir jedenfalls – schöne Satz: „Das Wesen der Vielfalt liegt in der Vielfalt der Wesen.“
Vielfalt ist eine in diesem Blog immer wieder genutzte sprachliche Figur. Wir wünschen beispielsweise oft die (Wieder-) Entdeckung der Vielfalt der Zeiten. Auf den ersten Blick wirkt das verlockend und charmant. Wenn der Blick dann weiter schweift, stellt sich manchmal verlegene Betretenheit, Ratlosigkeit, gelegentlich auch Wut und Ablehnung ein. Einerseits mit Blick auf die Einfalt, die Zeitgenoss*innen an vielen Orten ihrer Weltbeobachtungen zu erkennen meinen. Andererseits mit dem Zweifel daran, ob denn Vielfalt wirklich immer Ressource ist – oder womöglich doch manchmal too much, Zumutung, nicht zu handhaben, zu kompliziert, nicht praktikabel, kurzum: als Lösungskonzept unbrauchbar. Manchem und mancher macht sie auch Angst.
Zuallererst steckt hinter dem Motiv der Vielfalt die systemische Annahme, die uns in unserem Arbeiten und Leben als Überzeugung und Haltung immer geleitet hat, nämlich dass angesichts zunehmender Vielfaltsbeobachtungen Vielfalt nicht das Problem, sondern die Lösung ist. Vieler Orten hat sich diese systemtheoretische Annahme, die Komplexität als Lösung und nicht mehr als Problem sieht, durchgesetzt, z.B. in der Architektur komplexer Unternehmens- und Arbeitsformen. Gerade wenn die Umwelt von zunehmender Komplexität gekennzeichnet ist, sind triviale Ursache-Lösung-Konzepte begrenzt, meistens sind sie unbrauchbar. Dann braucht es komplexe Lösungen, um angemessen zu reagieren. So weit so schön mit der neuen Vielfalt, die wiewohl sie durchaus ihre Ressourcenseite zeigt und auf Erfolge verweisen kann, auch anspruchsvoll und immer herausfordernd bleibt, beispielsweise wenn es um Steuerungs- oder Leadershipkonzepte geht. Nun aber scheint es anders. Auch wird schon zurückgerudert angesichts der sich breit machenden machtvollen neuen Einheitserzählungen, die wir längst mit der dahinsiechenden Moderne verabschiedet glaubten. Offenbar hatten die systemischen und aufgeklärt pädagogischen Optimisten die Vielfalt überschätzt – und anderes, was aber immer auch Teil der Vielfalt ist, ausgeblendet: nämlich ihr Gegenteil. Die Rufe nach einfachen Lösungen gehören eben auch dazu. Und wenn die Rufe gehört werden und durch einfache, vermeintlich erst mal erfolgreiche Lösungsstrategien erhärtet werden, dann scheint – oh Schreck – für viele die schöne Welt der Vielfalt in die Einfältigkeit zurückzufallen. Ein Blick auf die neuesten Ideen des amerikanischen Präsidenten oder die Ausgeburten extremer politischer Ansichten und deren Folgen reicht in der Regel als glaubhafter Beleg für diese Behauptung. Aber ja: Auch das ist Teil der Vielfalt. Um diese Erkenntnis erträglich zu machen, hilft manchmal die Vergrößerung der Beobachtungsdistanz und die Einblendung eines weiteren Zeithorizontes.
Den Rest wird die Vielfalt selbst regulieren. Nebst Widersprüchen und Paradoxien, die auch zu ihr gehören. Jedenfalls ist dies Grund genug, die Vielfalt zu stärken und einen Blick auf das zu richten, was wir im Tolstoi-Zitat auf unserer Karte benannt haben: „Die ganze Vielfalt, der ganze Reiz, die ganze Schönheit des Lebens besteht aus Schatten und Licht.“ Unterlegt ist dies mit einem morgendlichen Blick aus unserem Küchenfenster auf den Sonnenaufgang. Mit solchen Bildern schaut die Welt doch gleich ganz anders aus. Vielfältig eben.
In diesem Sinne: Eine wunderbare Weihnachtszeit und ein friedliches neues Jahr 2026 mit Gesundheit und Zuversicht – und anregenden Entdeckungen bereichernder Vielfalt.
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