Wer mich kennt, weiß, dass ich mit dem närrischen Treiben, das dieser Tage wieder um uns herum in voller Fahrt zugange ist, wenig zu tun habe. Vermutlich Folge einer kindlichen Schädigung – oder irgendwas in der Richtung. Egal. Wobei die mit dem Narrenmodus verbundenen Deutungs- und Zeitperspektiven unter den gegenwärtigen Wahnsinns-Bedingungen nicht uncharmant sind. Wolle mer se reinlasse?
Ich bin mir nicht sicher, habe aber den Eindruck, meine Unsicherheit liegt daran, dass ich momentan schon genug reingelassen habe. Na ja, dann eben nur mal kurz umschauen, was da so reinkommt. „Man wird sich ja nochmal umschauen dürfen“ – das ist die Pointe eines auf Dirk Baecker zurückgeführten Beobachterwitzes, der an Fasching, Fassenacht oder Karneval gerne mal wiederholt werden darf. Auch wenn es natürlich hinreichend blödsinnig ist, den zu erzählenden Witz mit der Vorwegnahme der Pointe bereits verbrannt zu haben. Ist im Fasching egal. Merkt irgendwann eh keine/r mehr. Und bevor das passiert, gibt’s einen Tusch und es wird geprostet. Umso wichtiger, die ernsthafte Botschaft des Witzes, der die Beobachterabhängigkeit im Schilde führt, hervorzuheben. Das muss klar sein und bleiben in dieser Welt. Die Beobachterabhängigkeit, meine ich. Mit oder ohne Narrenkappe. Aber zurück zum Witz (ich kann keine Witze erzählen, deshalb ist es besser, wenn ich schreibe): „Ein Blinder kommt zum Rosenmontagszug und wirbelt seinen Blindenhund über seinem Kopf herum. Ob dieses tierquälerischen Tuns wird er zur Rede gestellt. Worauf er antwortet: „Man wird sich doch wohl noch mal umsehen können.“
Tusch.
Wenige lachen enthemmt, manche schmunzeln etwas gequält und sich womöglich fremdschämend, andere reagieren gar nicht und kochen innerlich. Denen geht sowas selbst im Karneval zu weit. Tierschutz und so. Irgendwas muss doch heilig bleiben, auch wenn sonst gar nix mehr heilig ist. Kein Anstand, keine Partnerschaften, kein Klima, nix. Andererseits können Klagen drohen, wie eine gegen einen Putin-Wagen in Düsseldorf anhängig ist. Vorwurf: Verunglimpfung der russischen Staatsorgane. Keine Klagen. Bitte verschonen Sie mich – und überlassen dies den allmächtigen Präsidenten dieser Welt. Auch wenn Sie voller Scham schon eine orangene Birne bekommen haben. Tusch. (Keiner prostet) Und in die entstehende betretende Stille hinein dies: Der Hund aus dem Witz wurde vorher gefragt, ob er einwilligt. Er hat ja gesagt (gebellt) und das unterschrieben (nur ein ja ist ein Ja). Der Witz wurde auch mehrfach mit ihm besprochen und selbstverständlich trainiert. Er erhält zudem eine extra Portion veganer Knochen (die er sehr mag). Es wurde alles getan, damit der Witz geschrieben werden kann und darf. Und dennoch finden es einige Beobachtende nicht witzig. Tja, das ist sie, die Beobachterabhängigkeit. Die einen sagen so, die andere sagen so. Die einen lachen so, die anderen gar nicht. In der närrischen Zeit wird dieses systemische Konzept zum Spiel. Dessen Sinn ist der Un-Sinn. Aber stopp, kurz jedenfalls, bevor ich mich im Unsinn vertiefe und verliere. Bevor Sie sich abwenden, weise ich ordnungshalber auf die (nicht nur) systemtheoretische Spitzfindigkeit im Witz hin – das ist bezogen auf das Thema „Beobachterabhängigkeit“ wichtig: Hier beobachtet ein Beobachter (ich als Schreiber) einen Beobachter (den Blinden), der sich – jetzt wird’s interessant – einer Beobachtungshilfe (Blindenhund) bedient. Bitte jetzt keinen Tusch, sondern etwas Zeit zum Überlegen einplanen (die wird sonst vom Tusch eingeebnet – das ist Konzept). Beobachtende, die Beobachtende beim Beobachten beobachten (ich verweise hier auf Dierk Baeckers beobachtenswertes Buch[1]). Und erkennen, dass sie selbst nicht „pur“ beobachten, sondern es mittels einer Hilfe tun. O.k., das ist nicht so aufregend heutzutage, weil es ja im Grunde genommen alle machen. Kaum jemand, der pur beobachtend durch die Welt latscht. Irgendeine Hilfe spielt meistens eine Rolle. Kaum jemand, der sich auf sich selbst verlässt. Fast alle schauen erst mal, was die anderen so sehen und sagen. Fragen Dr. Google oder die KI – und beobachten dann (anders). Ob es dadurch besser wird? Egal. Da steckt jedenfalls jetzt schon viel diagnostisch verdächtiges Material drin, das ich einstweilen liegen lasse, weil eben Karneval ist. Tusch (der im Ansatz erstickt wird und kläglich endet – es hätte sowieso niemand gelacht). Jetzt kommt zu alledem noch der närrische Un-Sinnsmodus hinzu, der (und das auch noch im Witzemodus 😉 durch die drei beteiligten Beobachter-Optiken gedreht wird.
Unabhängig von der Wahl der Optik ist bald eine 11 zu sehen, die Zahl nach den 10 Geboten. Die „Narrenzahl“ ist das Symbol, dass es jetzt eine Ausnahmezeit ist. Und zwar jenseits der (heiligen!) 10 Gebote und anderer Regelhaftigkeiten. Die Narren deklinieren das mit der 11 noch weiter auf 11.11. um 11.11 Uhr. Klar. Die kennen sich aus mit Unsinn, der (neuen) Sinn macht. Mit dieser Jahrhunderte alten Tradition ist jedenfalls deutlich markiert, dass der Sinnhorizont nicht mehr der übliche oder der alltägliche (Wahn-) Sinn ist, sondern einer jenseits der üblichen Sinnhorizonte. So war das eben jedenfalls mal gedacht mit dem unsinnigen Konzept. Daraus entstand eine Zeit, in der möglich war, was sonst nicht gestattet und erlaubt war. Das waren zum Beispiel die Büttenreden, die im 19. Jahrhundert in heimlichen Versammlungen das Verbot politischer Äußerungen der Besatzer im Rheinland umgingen, wo alles gesagt werden konnte, was in den üblichen Diskursen nicht möglich war. Ich merke aber gerade, dass diese klassische närrische Idee heutzutage ganz anders daherkommt. Weil das mit dem Sinn sich ja etwas anders entwickelt hat einstweilen. Im üblich gewordenen Modus ist ja quasi jederzeit jeder Blödsinn möglich und mittlerweile auch jenseits der Karnevalszeit allerorten und -zeiten erwartbar. Das hebt den Anspruch an den närrischen Unsinn auf ein neues Niveau. Wenn das funktionieren soll mit dem närrischen Sinnesmodus, dann muss der schon ganz schön klug daherkommen. Purer Unsinn reicht dann nicht mehr. Wenn jemand ohnehin als Witzfigur beobachtet wird, reicht es nicht aus, ihn als Witzfigur darzustellen. Eher wäre ein subtiler Meta-Unsinn angesagt. Da ist es vielleicht ganz günstig, dass sich die zugrundeliegende Beobachtung durch drei Optiken drehen lassen muss (Beobachter, Blinder, Blindenhund). Da kann ja nur ein Unsinn herauskommen, den keiner mehr checkt. Denkste. Ich hoffe, wir erleben es in dieser Session, dass der Unsinn klug wird. Das wäre dann mehr als die „Trumpisierung“ der Kostümierung und Motivwagen. Nicht bloß orange Schwellköpfe. Sondern solche, die mit einem subtilen Sinn für diesen Unsinn verbunden werden. O.k., die können angesichts der anspruchsvollen intellektuellen Kost solcher (Hirn-) Windungen schon mal kurz vor dem endgültigen Kollabieren kräftig anschwellen. Aber vielleicht gibt es eine kleine Botschaft dazu, die sich Beobachtenden anbietet – oder gar aufdrängt. Also nicht wider dem tierischen Ernst der etablierten Systemlogiken, sondern wider dem todtraurigen Ernst des blödsinnigen, menschenverachtenden, abwertenden und gnadenlos narzisstischen undsoweiter widerwärtigen Geschehens. Und das mit Raffinesse. Der Motivwagen in Köln, der den gesicherten Trumpschen Ausspruch „Sie küssen meinen Arsch“ aufgreift, fährt in diese Richtung. „Man möge ihn am Arsche küssen!“ Den „König von Amerika“. Wer das ist, steht hinten drauf. Mit Platz für Ergänzungen. „Du mich auch.“ Schließen wir uns – potenziell – Selesky an. Aber womöglich schmeckt der Arsch ja auch. Die Köllner Zugmacher geben jedenfalls an: „Mer dun et för dr jode Geschmack“ – tun es also für den guten Geschmack.[2]
Diese Kölner Persiflage spielt mit der Beobachtung. Der Jeck am Straßenrand – und sie auch – wird diesen orangen Menschen beobachten, der in einen Spiegel schaut – und mit diesem Beobachtungsmittel nur sich selbst zu sehen bekommt. Der dadurch entstehende blinde Fleck ist ziemlich groß. Der Blick auf den eigenen Arsch ist verstellt. Das ist blöd, weil er doch da die Küsse wollte, die er gar nicht zu sehen bekommt. Das ist für den Arsch.
(Pause, Nachdenken, Tusch, Zuprosten)
Foto: DW[3]
So geht Karneval in diesen Zeiten. Geht am Arsch vorbei – im besten Sinne. Hoffentlich wirkt es für das vorherrschende Zeitgefühl entlastend, bringt verloren gegangene Leichtigkeit im „Jammermonat Februar“ zurück. Alaaf! Letzteres soll übrigens „nichts geht über“ oder „über alles hinaus“ heißen. Unsinn über alles hinaus! In diesem Sinne: Genießen Sie schöne „unsinnige“ Zeiten im Karneval und im Fasching. Schwach- und Wahnsinn gibt es dann wieder früh genug.
(Und Tusch bitte)
[1] Baecker, Dirk: Beobachter unter sich. Eine Kulturtheorie. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013
[2] https://www.koeln0221.de/mottowagen-sind-da-trump-wird-der-hintern-gekuesst/
[3] https://www.dw.com/de/koeln-rosenmontagszug-karneval-donald-trump-satire-wagen-wladimir-putin-tilly-v2/a-75798348
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Vielleicht eine Lektüre für nach der Karnevalszeit: Das Train the Trainer-Workbook von Theresia Amelang und Frank Orthey für Menschen, die moderierend und leitend mit Vielfalt und den Folgen umzugehen haben. Das Buch bietet in fünf Loops zentrale fachliche Grundlagen, praxisorientierte Enrichments, bewährte Methoden und innovative Impulse für lebendiges Lernen.
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