Der Jahreswechsel verleitet wohl nicht wenige von uns dazu, zurück- und vorauszuschauen. Zurück womöglich im Sinne von „ach Du Graus, jetzt ist hoffentlich aus“, voraus nicht weniger wahrscheinlich und nicht unerheblich besorgt im Sinne von „was soll das denn wohl werden?“ Resignierte Rückschau verbunden mit Sehnsüchten nach längst verschwundenen Tagen einerseits und bange, oft verzweifelte Ausblicke, bestenfalls versehen mit einem kleinen Fünkchen Hoffnung. So oder so ähnlich, oder krasser.
Kein Wunder bei dem ganzen Wahnsinn. Wobei: Die Zuschreibung von „Wahnsinn“ als solches ist schon gewagt. Auch wenn sie gerade – offenbar in Ermanglung anderer Steigerungsoptionen – gerne genommen wird. Interessanter ist die Frage, welche Beobachtende die Kategorie verwenden. Und welchen Sinn diese Einschätzung vom Wahnsinn für sie oder ihn macht. Sie bemerken: Wir folgen wieder mal der systemtheoretischen Grundannahme, dass jede Erkenntnis beobachterabhängig ist. Auch ein Wahnsinn – so gesehen 😉
Interessant ist diese Annahme – gerade angesichts der ganzen Wahnsinnsdiagnosen unsere Zeit – insbesondere deshalb, weil sich Folgefragen stellen: Welcher Beobachter/welche Beobachterin beobachtet wie, in welcher Weise? Mit welcher Referenz? In welchem Kontext? Wer schaut wohin? Wer blendet was aus? Das machen notwendigerweise ja alle. Das Leben ist ein Selektionsproblem. Beobachtungen sind insofern vielfältig, weil jeweils etwas ausgeblendet wird – und insofern anderes beobachtet. Und das wird dann anders beschrieben, anders gedeutet und anders in die Welt gebracht. Und es machen andere den Haken dran, andere liken oder teilen es – oder was heutzutage gerne schnell mal mit diesem und jenem, was Beobachtende in die Welt bringen, gemacht wird. Wenn es Beobachtetes gibt, dann gibt es auch Nichtbeobachtetes. Das ist der Preis der Selektionsannahme – und der wird durch die Vielfalt der Beobachtungen potenziert. Und dann entsteht (immer mehr) Wahnsinn. Angehörige von Organisationen, Firmen oder auch Familien nicken womöglich wissend mit Blick zurück auf das Ende des Arbeitsjahres oder das, was da so „zwischen den Jahren“ erlebt werden konnte. Aber statt das interessant zu finden, insbesondere die Unterschiede interessant zu finden, die sich aus der Vielfalt der Beobachtenden ergeben, winken derzeit häufig viele – verständlicherweise – ab, wenden sich ab, verschließen Augen und Ohren, um sich selbst zu schützen (und nicht wahnsinnig zu werden). So scheint es mir jedenfalls. Zu gewaltig und gewalttätig kommt der Wahnsinn daher. Blöderweise hilft das zeitweilige Abwenden wenig. Denn hinter den Kulissen toben die Algorithmen der künstlichen Intelligenzen munter weiter. Sprich: Sie beobachten, wie sie es gelernt haben, es zu sollen. Wie sie es weiters gelernt haben, verstärken die personalisierten KI-Agenten das, was ihre „Klienten“ mit einiger Wahrscheinlichkeit gerne verstärkt haben möchten. Und aktivieren dazu ein unübersehbares Netzwerk anderer KI-Agenten. Sicher ist sicher. Ziemlich sicher ist das Ergebnis, dass das auch den Wahnsinn verstärkt. Das hören und lesen ja viele gerne, dass sie nicht allein sind auf dieser Welt mit ihren Wahnsinnsansichten. Spotify tut ja auch den Teufel und bietet uns Gedudel an, das wir nicht mögen, sondern es gibt immer „Mehr-Desselben“ – oder jedenfalls so ähnlich. Ähnlich schaut es auf den Social-Media-Kanälen aus, wo wir eifrigst dorthin bugsiert werden, wo wir bekommen, was wir wahrscheinlich und mit zunehmender Zeit ziemlich sicher hören und lesen wollen. Die sind ja auch nicht blöd. Dazu kommt noch die zunehmende Medienkompetenz, die dazu beiträgt, auch userseitig dahin zu gehen und da zu beobachten, wo es das gibt, was gerade gebraucht wird, um die eigenen Ansichten zu verstärken, einschließlich der mitgeführten Abgrenzung, die oft mit Pauschalisierungen ausreichend befeuert erscheint („in diesem Land“ und so eben). Das gibt Sicherheit. Grundbedürfnis. Und je mehr ich mich aufgehoben fühle unter meinesgleichen, umso größer werden Schutz und Stabilität. Die Zugehörigkeitsgefühle wachsen – und die Communities unserer- und ihrergleichen versorgen das Bedürfnis nach Anerkennung. Mit welchen floskelhaften Banalbotschaften das erreichbar ist („so wahr“, „wow, toll gemacht“, „genau“, „das sehe ich auch so“) mag bitter sein, aber auch da ist die Frage, welcher Beobachter das bitter findet – und wozu 😉
Blöderweise betrifft diese Wahnsinnsdynamik uns alle. Solange wir beobachten jedenfalls. Wenn wir Opfer eines Meteoritentreffers werden, schaut es freilich anders aus. Anderer Wahnsinn. Den die wenigsten anstreben. Alle sind dabei – auch wenn sie lauthals tönend leugnen und die anderen umso heftiger beschuldigen, abwerten oder angreifen. Es ist also nicht nur die Rede vom gerne zitierten Wahnsinn der wahnsinnigen politischen Führer, sondern auch von denjenigen, die den Anklagewahnsinn dagegen immer weiter eskalieren. Immer mehr desselben allerorten. Ein Wahnsinn.
Interessant ist hingegen die Beobachtungsposition, die die Vielfalt der Wahnsinnigen im Blick hat. Die hat notwendigerweise Distanz, vermag (gemeinsame) Muster zu erkennen, Hypothesen und Perspektiven für einen übergeordneten Sinn auf einer anderen Flughöhe zu formulieren. Das könnte in die Richtung gehen, dass in der Nähe von Entscheidungen und Abzweigungen die Ausschläge größer werden. Sagen Hypothetisierende, wenn sie der Chaostheorie folgen. Sie könnten zur Perspektive neigen, dass das Durchstehen dieses Wahnsinns die gesellschaftliche, die politische und individuelle Resilienz stärken kann. Andere distanziert Beobachtende, die nicht den Wahnsinnigen anheimgefallen sind, könnten darauf verweisen, dass Unterschiede und Differenzen Bildungswert haben. Das sind pädagogische Optimisten (wie ich). Die mussten zwar in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder ziemlich tief fallen, wenn beispielsweise trotz der großartigen Aufklärung und fortgeschrittener Reflexivität Massenvernichtungen und Kriege zu beobachten waren, sie rappeln sich aber gottlob immer wieder auf. Und verweisen auf Lern- und Entwicklungschancen. Ohne die tatsächlichen Opfer der Wahnsinnigen schönzureden, versteht sich. Das hat allerdings oft Zumutungscharakter – und ist mediativ und praktisch wenig hilfreich. Das gilt auch für Versuchungen, das Wahnsinnsszenario für psychologische oder andere intellektuelle Tiefenbohrungen zu nutzen. Auch wenn die klug sein können, gilt auch hier der ernst zu nehmende Anfangsverdacht, dass es bei den in Umlauf gebrachten Ergebnissen eher um die Eitelkeiten der Diagnostiker*innen geht als um den Wahnsinn, den sie da schlau zu durchschauen scheinen. Also auch nix, weil eskalierend. Und damit mehr (neuer, anderer) Wahnsinn. Der entsteht – der Verdacht steigt nun auf – in uns selbst. In uns als Beobachtende, im Sinne der Veränderung von Wahrnehmungen und dadurch entstandener Verfestigungen. Und ja, wer so will: Die Welt wird so wahnsinnig erst durch unsere je eigenen Wahnvorstellungen.
Da kann die Hoffnung leicht schaden nehmen. Sie könnte den Wahnsinn erträglich machen. Insofern gilt es sie zu stärken – höchstpersönlich erst und dann gesellschaftlich. Neben pragmatischen Tools und Selbstüberlistungstricks, die heute fast alle kennen – also z.B. sich nicht jeden Wahnsinn sofort und dann noch einen und noch einen anzuschauen, sondern es auch mal genug sein zu lassen -, neben solchen Pragmatiken zeigt die distanzierte Beobachtung auch das Nicht-Beobachtete, das Ungesehene, das sich im blinden Fleck verkriecht. Es ist das, was zu Herzen geht, das Gefühl, die Emotion, die Bedürfnisse oder deren Verletzungen. Alles, was fast ganz ohne Rationalisierung auskommt. Das könnte eine Umjustierung der Beobachtung sein und zugleich eine Nische, um mit dem Wahnsinn auf den zu Luxus-Resorts („Gaza Phoenix“, natürlich „war time resilient“) umgedealten Schlachtfeldern dieser Erde zurecht zu kommen, ohne das unfassbare Leid auszublenden. Die Handlungsperspektive, die gottlob viele Helfende praktisch machen, ist eine Sprache des Herzens und eine der Liebe. Und ein Verhalten, das dieser Sprache folgt. Die derart hoffnungsvoll bleibenden, erwägen auch, welche Rolle Religionen angesichts des ganzen Wahnsinns einnehmen könnten. Ein durchgängiges religionsübergreifendes Muster ist das der Liebe. Ein Abgrenzungs- und Alleinstellungsmerkmal, das viele Chancen bietet, die den Wahnsinnigen verstellt sind (und ja: übrigens auch den religiös Wahnsinnigen). Denn aus Religion und ihren Grundannahmen kann sich „Resonanz“ und auf dieser Basis dann eine „gelungene Praxis“ ergeben (Rosa 2023). Denn darum geht es: Um Resonanz im Sinne einer Beziehung nach innen und nach außen zugleich. Das verlockende dieser (hier nur angedeuteten) Perspektive ist, dass es möglich ist, drei Resonanzachsen gleichzeitig zu aktivieren: „die zwischen Menschen, von Menschen zu Dingen und zum umgreifenden Anderen – da entsteht communio, eine Beziehung zwischen den Menschen und eine Beziehung zum umfassenden Ganzen“ (ebd., S. 73/74).[1] Das wäre das Hoffnungsvolle: Beobachtende in Resonanz zu sich selbst, zu den Menschen und zu den Themen/Inhalten und zur Umwelt. Vertreter*innen der Themenzentrierten Interaktion würden das als dynamische Balance von Ich, Wir und Es unter bestimmten Bedingungen des Globe formulieren – und bestenfalls nach innerer Stimmigkeit streben. Anspruchsvoll genug. Wie auch immer: Ein solcher Wechsel zum Jahreswechsel hätte ein Wahnsinnspotenzial. Wäre Grund zur Hoffnung. Dem Wahnsinn zum Trotz in Liebe – und von Herzen gesprochen. Was auch immer daraus neues Wahnsinnige werden mag. „Liebe ist die Entdeckung der Wirklichkeit.“ (Iris Murdoch)
Mit solcher Haltung kann es gelingen, Wirklichkeiten (neu) zu beobachten, zu beschreiben und zu interpretieren. Also: Statt Wahnsinn mit noch mehr Wahnsinn zu parieren, sich in neu gewonnener Distanz Fragen zu stellen, z.B. diejenige nach zugrundeliegenden Interessen (oder gar Bedürfnissen) für ein völkerrechtswidriges Verhalten, statt empört Regelverletzungen zu reklamieren. Oder diejenigen, die sich aus dem Verlust von sicher geglaubten Geltungsbedingungen für von derartigen wahnwitzigen Unterlaufungen betroffene Systeme ergeben könnten – und dann (ja: liebevolle) Verständigung gestalten statt (noch mehr) Krawall im Sinn und im Herzen haben.
In diesem Sinne: Ein wahnsinnig gutes neues Jahr 2026!
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[1] Rosa, Hartmut: Demokratie braucht Religion. München, Kösel-Verlag, 8. Auflage 2023
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ORTHEYs heute am Kirchsee in Sachsenkam. Ein Paradies. Wahnsinn!
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