Immer mehr zu tun …

Immer mehr zu tun … Ist es denn die Möglichkeit?

Je mehr wir haben, desto mehr haben wir zu tun. Das ist doch klar, oder? PartnerIn, Kinder, Familie, Freunde, Haus und Hof, Autos, Hobbies, diverse Freizeitgeräte, PC, Laptop, Tablett, Smartphone, Klamotten, Schmuckstücke, Vorhaben – lokal und global. Und virtuell: Facebook-Likes vergeben, you-tube-Filme glotzen, Twittern, bei Instagram vorbeischauen, berufliche Vernetzungen über XING und LinkedIn aktuell halten, Mailfluten abarbeiten, auf den Lieblingsportalen und den interessanten Foren vorbeischauen, kurz was online shoppen, mal eben was googlen, sich ständig bestens informieren auf Spiegel und Fokus online, der Tagesschau und bei heute.de. Und so weiter, immer heiter. „Just do it!“ (Nike) Mehr zu tun, was (mehr) Zeit braucht. Weil alles seine Zeit hat, die es eben auch braucht. Das ist er, der „Möglichkeitsüberschuss“, der auch zeitliche Auswirkungen hat. Anscheinend mögen wir das nicht gerne sehen und wahrhaben, was da so klar erscheint. Viele versuchen das Erlebnisvorkommen pro Zeiteinheit über Zeitverdichtung und Vergleichzeitigung zu optimieren und zu steigern. Und produzieren sich damit das Gefühl, nicht alles untergebracht zu haben, was da möglich gewesen wäre. Aktuell tut der Selbstoptimierungswahnwitz das Seine dazu. Digital bearbeitete Models in der allgegenwärtigen Werbung und auf den Zeitschriftencovers, immer neue Ratgeber ohne Ende, Trends und Moden, die sich überholen, must-haves, ohne die es wirklich nicht mehr geht, Körperkult und Gesundheitswahn, eine Ästhetik der Fehlerlosigkeit und Perfektion führen uns mit hoher Dramatik ständig die eigenen Defizite vor Augen. Wir bringen uns unter Druck – und lassen uns unter Druck bringen. Mit zeitlichen Auswirkungen. Dadurch wird Zeit immer als knapp, als zu knapp empfunden. Reflexartig wollen wir dennoch mehr. Es ist „Mehr-desselben“ (Watzlawick). Gegenstände, Tätigkeiten, Beschäftigungen, Denkoptionen, die uns nicht nur erfüllen, sondern uns in der schieren Menge immer mehr überfüllen. Wir wollen mehr Möglichkeiten und erhalten damit auch mehr Möglichkeitsfolgen, die uns zeitlich immer mehr überfordern.

Den Umkehrschluss, die (nicht nur) zeitliche Selbstüberforderung durch Selbstbeschränkung zu begrenzen, den ziehen nur wenige. Und noch weniger verwirklichen ihn, indem sie Gegenstände, Möglichkeiten, Tätigkeiten und Denkoptionen reduzieren. Und somit neuen „Zeitwohlstand“ (un-) möglich machen. Erfolgsmodelle, die in die ersehnten kontemplativen Zustände führen, gäbe es genug. Mönche, Einsiedler, Müßiggänger und andere schräge Vögel stehen für Lebensformen, die auf Begrenzung setzen. Wer sich nicht begrenzt und für alles offen ist, der- oder diejenige kann nicht ganz dicht sein. Logisch oder? Mit allen Folgen und Nebenwirkungen. Begrenzung und Beschränkung ist eine weitgehend vergessene Möglichkeit in einer Welt, die die Steigerung des Möglichkeitsüberschusses präferiert. Es sei denn zeitlich begrenzt – und weil es gerade schick und angesagt ist. Mal ein bisschen fasten oder mal zur Kontemplation ab ins Kloster. Auch eine Möglichkeit, klar. Eine zusätzliche, versteht sich, die das Problem eher verschärft als es zu lösen. Ist es denn die Möglichkeit?

Wer es gerne biblisch mag, der kann die Nutzung aller Möglichkeiten, nur weil es sie gibt und weil sie gerade da sind, wahlweise auch als Teufelszeug deklarieren. Wegen der Sache mit dem Apfel und der Vertreibung aus dem Paradies. Diese war unmittelbare Folge der Nutzung einer (verbotenen) Möglichkeit, nur weil sie so verlockend da hing. Dieser verhängnisvolle Einzelfall, den uns die alttestamentarische Schrift beschert, ist heute ein Dauerzustand. „Dem Teufel entsagen“, das würde etwas weniger theologisch bedeuten, nicht nach jedem Apfel zu greifen, nur weil er da ist und verlockend wirkt. Auch das wäre ja eine Möglichkeit. Vielleicht ja sogar eine verlockende.

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