Tage der Arbeit

Wie schnell man aus dem Paradies zur Arbeit kommt, das zeigt eine tragisch endende Liebesgeschichte: „Adam und Eva wurden nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben und mussten fortan mühselige Arbeit verrichten.“ So Andrea Maurer in ihrem Buch „moderne Arbeitsutopien“. Seither hat sich die Arbeit verändert.

Wenn heute von Veränderungen der Arbeit die Rede ist, dann geht es meist um

  • Veränderungen aufgrund technologischer Innovationen,
  • Veränderungen des gesellschaftlichen Stellenwertes der Arbeit (man erkennt das u.a. an der ständigen Zunahme der sogenannten Arbeit des Alltags),
  • Veränderungen der Organisation und Formgebung von Arbeit (Team-, Gruppen-, Projektarbeit, Arbeit in Netzwerken und in virtuellen Arbeitswelten),
  • die Koppelung von Arbeitstätigkeiten mit Lern- und Veränderungsprozessen.

Über alledem liegt die Koppelung von Arbeit mit vorwiegend ökonomisch motivierten Bedingungen. Arbeit hat sich offenbar gegenüber der feudalen, parasitären Faulheit, der Muße oder der Kontemplation durchgesetzt und ist zu einem nahezu durchgängig positiv besetzten Begriff geworden. Und alle, die können und dürfen, arbeiten daran feste mit. Deren Arbeit ist heute nicht mehr die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur zur unmittelbaren Selbsterhaltung, sondern eine gezielte Aktivität zur Herstellung gewünschter Wirklichkeiten. So verstandene Arbeit vermittelt die „Machbarkeit menschlicher Geschichte“, so der Wiener Pädagoge Erich Ribolits in seiner Streitschrift „ein Hoch der Arbeit“.

Arbeit ist damit das Erfolgsmodell gegen die natürliche Beschränkung unseres Daseins, das Steigerungsmodell des technischen und ökonomischen Fortschrittes und der Selbstverwirklichungsansprüche der arbeitenden (und natürlich nicht der faulenzenden!) Menschen. Ich bitte Sie – selbst wenn Sie heute am Tag der Arbeit auf der faulen Haut liegen sollten. Sollte Ihnen das peinlich sein, dann können Sie diese Lektüre innerlich auch als Bildungsarbeit (na ja …) verbuchen. Klingt doch gleich ganz anders.

Arbeit als „Garant für Fortschritt, Vernunft und Aufklärung, für gesellschaftliches und individuelles Glück“ (Ribolits) wird zum Zentrum des Lebens. Sie wird verausgabt gegen geldliche Ersatzleistungen, die über Existenzsicherung, soziale Statusverteilung und gesellschaftliche Integration sinnhaft wirken. Zudem fördert Arbeit den Aufbau von persönlicher Identität. Ich arbeite, also bin ich. Auch gesellschaftliche und soziale Zugehörigkeit wird über Arbeit definiert. Wer keine Arbeit hat, ist draußen – oft im wahrsten Sinne des Wortes, und zwar unter der Brücke. Und wird dort zum Fall für die Sozialarbeit.

Arbeit ist Leistung von arbeitenden Menschen für Systeme, die an der ökonomischen Verwertung der Arbeit interessiert sind (Betriebe) und für Systeme, die einen Bedarf an Integration und an Stabilität haben (soziale Systeme, Gesellschaft). Arbeitende Menschen werden in der Terminologie des alten Griechenland zu „Banausen“ – das waren freie Bürger, die im Gegensatz zur Oberschicht neben den Sklaven Arbeit verrichteten. Sie werden zu denen, die das tun, was dem Adel des Mittelalters einst als unedel galt. Jetzt adelt hingegen die Arbeit. Dass es zu einer solchen Form von Arbeitsgesellschaft kommen konnte, sicherten die christlichen Lehren zusätzlich ab: Gott arbeitete schließlich auch die ganze Woche über in der planvollen Absicht, die Erde zu erschaffen. Dass das nur gut sein kann bestärkten später Luther, den wir heuer – nicht nur dafür – feiern und Calvin. Arbeit wird damit auch noch zum höchsten sittlichen Wert. Dank der Zuarbeit der Religionen. Die „vita activa“ dominiert über die „vita contemplativa“ (Hannah Arendt). Alle Tätigkeit ist Arbeit. Denn: „Nur wer arbeitet, ist unter Kontrolle. Nur wer arbeitet, hat Anrecht auf ein anderes Leben.“ So der Soziologe Dirk Baecker. Die scheinbare Beziehung zwischen erledigter und ertragreicher Arbeit und dann möglicher (und erlaubter) Kontemplation entlarvt Heinrich Böll 1963 in seiner „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“: Der in seinem Boot dösende Fischer kann den Touristen, der ihn zur Arbeit (und zum Profit-Machen) überreden will, damit er endlich in Ruhe im Hafen dösen könne, belehren, dass er eben das, nämlich im Hafen dösen, jetzt auch schon tue …

Der Zeitaufwand für Arbeit steigt bei dieser Erfolgsgeschichte zunächst an. Das liegt nicht nur an der Koppelung von Arbeit und Zeit über Geld, also der Zeitökonomisierung, sondern auch an der technischen Errungenschaft und der flächendeckenden Ausdehnung der künstlichen Beleuchtung, die die Ablösung der Arbeitszeit von natürlichen Licht-Rhythmen zuließ. Im 16. Jahrhundert betrug die jährliche Arbeitszeit eines Arbeitnehmers etwa 2000 Stunden und kommt damit der heutigen Arbeitszeit (z. Zt. durchschnittlich ca. 1650 Stunden) deutlich näher als eine jährliche Arbeitszeit von 3500 bis 4000 Stunden vor etwa hundert Jahren. Dann sank die Arbeitszeit, wöchentlich von deutlich über 80 Stunden bis auf das Rekordtief von 35 Stunden in der Druck-, Metall- und Elektroindustrie im Jahr 1995. Heute ist Arbeit und Arbeitszeit natürlich flexibler angelegt. Die Organisation der flexiblen Arbeitszeit wird zur (zusätzlichen) Arbeit für die Arbeitenden.

Inhaltlich wird Arbeit immer mehr zur abstrakten Arbeit. Arbeit, die in Produktionssysteme und in differenzierte und komplexe, häufig virtualisierte Arbeitszusammenhänge integriert ist, löst sich immer mehr von ihren natürlichen Voraussetzungen und von Gegenständlichkeit. Es entsteht kein sicht- und greifbares Produkt mehr nach der Arbeit am Tagwerk, zu sehen sind nur noch schnell wechselnde Bildschirmansichten. Solche Arbeit ist abstrakte Arbeit in Systemen – mit Leistungen für eben diese Systeme. Dies findet häufig über eine Benutzeroberfläche statt. So sieht (fast) alle Arbeit heute gleich aus. Ihr individueller Nutzen wird schwerer bestimmbar, ihre Sichtbarkeit verschwindet in vielen Fällen mit dem Herunterfahren eines Gerätes in den Standby-Modus. Nur damit die gegenstandslose Arbeit jederzeit und schnell wieder aufgenommen werden kann. Individuelle Arbeit wird schwieriger beschreibbar, denn sie löst sich vom Gesamtprodukt (dem handwerklichen Ideal) ab und erbringt Einzel- und Teilleistungen für ein Produkt (in Produktion, in der Administration, im Einkauf, im Marketing, in der Personal- oder Bildungsarbeit usw.).

Die Produktivität der individuellen Arbeit geht zudem in der Produktivität eines Teams oder eines Produktionssystems auf. Sie wird zur ständigen Zuarbeit in komplexen Prozessen, die vielen Zuarbeitern gar nicht mehr klar sind. Die Arbeit verliert ihren Ganzheitscharakter, wird ständiges Fragment. Für den Durchblick haben die Arbeitenden selbst zu sorgen. Die werden zudem mit zusätzlichen Arbeiten behelligt. Damit sind viele Arbeiten gemeint, die die Organisation anschafft. Praktisch bedeutet das für Arbeitende, dass immer neue Tabellen und Tools zu pflegen sind, die die Organisation braucht, damit sie die Arbeit weiter – und vermeintlich besser – organisieren kann. Das macht viel Arbeit, aber nur wenigen Spaß. Der Sinn erscheint oft fragwürdig oder schwer verdünnt.

Und dann muss die Arbeit heutzutage meist noch in Teams getätigt werden – auch wenn diese Arbeitsform nicht immer zur Aufgabe passt. Und auch die Teams machen Arbeit: Da muss vieles geklärt werden, es muss kooperiert und ohne Ende kommuniziert werden – mit tausenden von Mails und nicht enden wollenden Besprechungsmarathons. Das ist zusätzliche Beziehungsarbeit, die für manche als Belastung wahrgenommen wird. Ob sie immer produktiv – oder gar kreativ, was sie auch noch sein soll – für die eigentliche inhaltliche Arbeitsaufgabe ist, bleibt offen. Die organisationale und soziale Arbeit, die zusätzlich in die Arbeit hineinkopiert wird, dominiert oft auch vom Zeitaufwand her die eigentliche Sacharbeit.

Ein weiteres: Arbeit wird zunehmend reflexiv. Seit Jahrzehnten gibt es Formen und Verfahren, in denen in der Arbeit auf die Arbeit reflektiert wird: Zertifizierungen, Qualitätsmanagement und -sicherung, Audits – früher waren das Qualitätszirkel, Lernstattmodelle oder das betriebliche Verbesserungs- und Vorschlagswesen. Diese reflexive Arbeit an der Arbeit soll der eigentlichen Arbeit und ihrer Qualität zu Gute kommen. Strukturen und Prozesse sollen optimiert werden, Kommunikation und Kooperation sollen verbessert werden – und den Arbeitenden soll das alles angeblich auch zu Gute kommen. Wer sie fragt, wird häufig eines besseren belehrt. Sie stöhnen eher auf, wie und wann sie das alles nun denn auch noch machen sollen. Und hören nicht auf zu arbeiten, quetschen jegliche verfügbare Arbeitszeitnische aus – und arbeiten den Rest abends von zuhause aus ab.

Auch dort gibt es viel zu arbeiten: Hausarbeit, Erziehungsarbeit, Mütter- und Väter- oder Elternarbeit, Beziehungsarbeit, Nachbarschafts- und Friedensarbeit, Freizeit- oder Flüchtlingsarbeit usw. Hinzu kommen je nach Anlass und Neigung Trauerarbeit, Bibelarbeit, Partnerarbeit, Phantasiearbeit, Seelenarbeit, Schamarbeit, Erinnerungsarbeit, Verdrängungs- und Versöhnungsarbeit. Da kommt womöglich bei manchen die Entspannungsarbeit zu kurz.

Dass die Zukunft eine Zukunft ohne Arbeit sein könnte, was einige Visionsarbeiter kolportieren, das erscheint angesichts der arbeitslastigen Wortgewalt zweifelhaft. Und wem das jetzt zu viel Lesearbeit wird, der mache Schluss damit und genieße den Tag der Arbeit mal ganz ohne. Oder vielleicht doch mit ein bisschen Gartenarbeit.

Wer diesen Beitrag hingegen an einem der – zwangsweise – folgenden Tage der Arbeit liest, dem- oder derjenigen sei gute Deutungsarbeit an einem anregenden Arbeitstag gewünscht. Auch das gibt’s ja noch!

 

Ein Blogbeitrag auf Basis einer Passage zum Thema Arbeit und Beruf aus meiner Dissertationsschrift „Zeit der Modernisierung“ (Orthey 1999).

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