Stau

… macht schlau. Das gilt vielleicht für diejenigen, die die (ein-) geschenkte Zeit im Stau für Fortbildungsaktivitäten nutzen. Oder für die Kinder auf der Rücksitzbank, die dank der pädagogischen Ambition der Eltern nicht auf Videobildschirme in den Kopfstützen der Vordersitze glotzen, sondern sich einem der „133 Spiele und Knobeleien für Grundschulkinder unterwegs“ widmen, die es unter dem Titel „Stau macht schlau“ gibt. Neben diesen statistisch wohl zu vernachlässigenden Bildungsressourcen im Stau, gibt es wenige Zeitgenossinnen, die den Stau schätzen. Eher wird er als etwas Lästiges, Überflüssiges – aber zunehmend auch Unumgängliches – betrachtet. Sei es auf dem Weg in den Urlaub – besondere Vorsicht ist hier am Pfingstwochenende angesagt – oder auf dem Weg in die Arbeit. Stau, so scheint es, ist zur Standarderfahrung einer Beschleunigungsgesellschaft geworden, die in der Zwangsentschleunigung endet. Diese Aussage ist jedenfalls ein Klassiker der Zeitdiskurse. Ob sie die täglichen Stauopfer tröstet?

Einer Studie zur Folge verbrachte der durchschnittliche Autofahrer im Großraum München 2016 allein während der Stoßzeiten insgesamt 49 Stunden mit Warten im Stau[1]. Dass es durchaus schlimmer kommen kann, zeigen die Mega- oder Rekordstaus, von denen angesichts der überschaubaren Zumutungen hier zu Lande mit unverhohlener Anerkennung berichtet wird. Wie etwa jener Stau im Jahre 2014 in Sao Paulo, der stattliche 344 km Länge erreichte und der den bisherigen Rekord von 309 Kilometern im Jahre 2009 deutlich toppte – oder der neuntägige Stau auf einem chinesischen Express-Highway im Jahre 2010. Das sind Staus! Da ist der tägliche Stau am mittleren Ring in München pillepalle. Ebenso wie die 932 Staus, die der ADAC 2016 während der Sommerzeit an den zwölf überprüften Wochenenden zählte. Staus für Warmduscher. Mehr nicht. Die richtige Stauerfahrung beginnt erst bei mehreren Stunden „Zeitverlust“ – so nennen die Verkehrssender die Folgen – oder bei dreistelligen Kilometer-Ausdehnungen der „Autoschlange“ (so hieß das früher mal). Ja!

Über 50 % aller Staus entstehen durch Überlastung des Straßennetzes. Den Rest steuert der Lenker oder die Lenkerin bei. Etwa durch abruptes Bremsen, Ein- oder Ausscheren. Dadurch entstehen oft viele Kilometer dahinter Staus. Durch ein einziges Fahrzeug wohlgemerkt. Ein solches kann „Schmetterlingseffekte“ produzieren, wie das die Stauforscher nennen. Das sind Kettenreaktionen, die zu Staubildungen führen. Einstweilen hat der Verursacher längst das Weite gesucht – ohne die Folgen auch nur zu erahnen. „Bei einer Untersuchung der Universität Köln wurden vier menschliche Fehlerursachen festgestellt:

  1. Zu dichtes Auffahren, was ein abruptes Abbremsen des ersten und aller folgenden Autos auslösen kann,
  2. zu schnelles Aufschließen und dadurch bedingtes ebenso schnelles Abbremsen und
  3. eine geistige Unterforderung in zähfließendem Verkehr ständig einen ausreichenden Abstand einzuhalten, weil die Autofahrer mit ihren Gedanken abschweifen.
  4. kontraproduktives Fahren, um auf der Spur mit vermeintlich fließenderem Verkehr schneller voranzukommen.“[2]

Besonders hervorzuheben sind die „geistige Unterforderung“ und die dadurch „abschweifenden Gedanken“. Die derart im Stau abgelenkten und sich in Gedanken – endlich mal wieder – verlierenden Stauopfer produzieren eben dadurch neue Staus. Und sind von Stau zu Stau unterwegs. Da kann man sich schon mal verlieren. Bei der ganzen gewonnen Zeit. Und macht dadurch sich selbst und anderen neue Stauerfahrungen möglich.

Würden übrigens alle Verkehrsteilnehmer kontinuierlich mit gleichbleibender Geschwindigkeit auf Fahrbahnen ohne Verengungen fahren, dann gäbe es das Stauproblem nicht. Aber …, ja aber, wir wollen halt keine Zeit verlieren! Und dafür geben wir auch mal richtig Gas wenn es denn mal zu laufen scheint und treten dann notwendigerweise auch mal hart in die Eisen. Und bekommen dafür das, was wir eigentlich doch gar nicht wollten: Stau. Und Zeit für uns, Zeit zum Warten. Zeit, um das zu genießen, was uns eigentlich doch eine tiefe Sehnsucht ist: die Ruhe. Endlich nicht mehr durch die Landschaft rauschen, die vorbeiwischt ohne wahrnehmbar zu sein, nicht mehr in höchster Konzentration an anderen, unerkannten Menschen vorbeirasen. Sondern nun: Zeit, die Unterschiede wahrzunehmen, in der Umgebung, der Natur, in den anderen Autos, in den Gesichtern der Menschen. Zeit für Muße.[3] Haben wir ihn etwa im Grunde unseres gehetzten Herzens doch gewollt, den geschähten Stau? Das alljährliche Geschenk auf dem Weg in den Urlaub – und das tägliche auf dem Weg zur Arbeit. Endlich Zeit. Womöglich treiben solche Sehnsüchte auch unbewusst die Stauverursacher an. „Stau“ kommt wohl vom Niederdeutschen stouwen: „stehen, stellen“. Beim kindlichen Spiel hat es uns sehr gereizt, Rinnsale zu stauen, Dämme zu errichten, damit sich das Wasser staut. Wenn das klappte, waren wir stolz und betrachteten das Werk mit Freude. Und heute?

Genießen Sie den nächsten Stau. Soviel Zeit muss sein.

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Mehr zum Thema Zeit finden Sie bald in:

Frank Michael Orthey: Zeitumstellung. Für einen guten Umgang mit der Zeit. Erscheint am 21.06.2017 bei Haufe-Lexware.

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[1] http://www.sueddeutsche.de/muenchen/verkehrsprobleme-keiner-verschwendet-mehr-zeit-im-stau-als-die-muenchner-1.3387523, abgerufen am 07.06.2017

[2] Zitiert nach: http://www.zukunft-mobilitaet.net/3344/strassenverkehr/wie-entstehen-staus-phantomstau/ abgerufen am 07.06.2017

[3] Vgl. die zehn Gründe, warum Stau in Wahrheit toll ist unter: http://www.sueddeutsche.de/auto/glueck-im-stau-stau-stellt-euch-nicht-so-an-1.3533446, abgerufen am 07.06.2017

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