Dieser Blogbeitrag wehrte sich aus mir unerfindlichen Gründen monatelang gegen eine sofortige Arbeitsaufnahme und Fertigstellung. Erst heute, als ein Handwerker mir sein Leid klagte, dass die Kunden die Arbeit innerhalb kürzester Frist und auch angesichts derzeit dreimonatiger Vorlaufzeit möglichst sofort erledigt haben wollten, tauchten Begriff und Thema wieder bei mir auf. Und nun denn eben sofort auf dem Bildschirm.

Sofort, das bedeutet laut Duden: ohne irgendeine Verzögerung, auf der Stelle! Oftmals wohl versehen mit einem nonverbalen Ausrufungszeichen und entsprechend knapp und hart akzentuiert. „Schicke mir sofort das Manuskript zu!“ Da wird oft schon auf das obligatorische und höfliche „bitte“ verzichtet. Bei „sofort“, so scheint es, sind andere zeitliche Erwartungen im Spiel als bei direkt, gleich, schleunigst, schnell oder umgehend. Bei „sofort“ ist emotional Ungeduld im Spiel. Aufschub ist nicht nur nicht erwünscht, sondern ganz und gar nicht mehr akzeptabel! Durch Anfügung des englischen –ness wurde der Begriff substantiviert – erstmalig wohl 2007 durch einen Artikel von Peter Glaser in der Technology Review, dem Magazin für Innovation. Glaser meinte mit Sofortness die Erwartungshaltung, „sofort bedient zu werden bzw. eine Reaktion in medialer Echtzeit zu erhalten“. Nachdem wir an die Grenzen der Immer-weiter-Beschleunigung geraten sind und uns nun mit der Vergleichzeitigung daran verlustieren, die Grenzen des „je schneller, desto besser …“ (ja was ist eigentlich besser?) doch noch ein bisschen weiter zu verschieben, ist jetzt „sofort“ Schluss mit lustig. „Alles gleichzeitig – und zwar sofort.“ (Karlheinz Geißler) Es wird Sofortlieferung erwartet und von vielen kundenorientierten Onlinehändlern auch garantiert. Das Kind stapft ungeduldig, fast bockig mit dem Fuß auf und schreit, dass es sofort ein Eis will – und die gesamte Umgebung wuselt von dannen, um das derart drastisch artikulierte Bedürfnis innerhalb kürzester Frist zu befriedigen. Und zwar sofort! Sonst kommt es zum nicht so gerne gehörten Schreikrampf. Diese kindliche Erwartungen nach zeitlich unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung wird im Begriff der Sofortness für das (erwachsene) Netzpublikum als fixe Erwartung eingefroren. Die damit verbundene „digitale Ungeduld“ hat sich mittlerweile auch auf andere Lebensbereiche ausgedehnt. Offenbar auch auf die zeitlichen Erwartungen bezüglich handwerklicher Dienstleistungen. Das wird natürlich – nicht nur im Internet – gleich bewertet. Die Zeitlichkeit der Lieferung scheint oft eine höhere Bedeutsamkeit zu haben als die Qualität der Ware oder der Dienstleistung. Hauptsache schnell, nein, Hauptsache „sofort“! Was das bedeutet, zeigt so manche Alltagsbeobachtung von Paketzustellern und ihrer Fahr- und Parkweise – die eigentlich zu einer zeitnahen Sofortmaßnahme für eine in den meisten Fällen verlangsamende Reaktion Anlass gäbe … Stattdessen wird weiter kräftig an der Sofortness-Uhr gedreht. Möglichst zeitnah sollen hier auch Lieferdrohnen ins Versofortigungsspiel kommen. Sofortlieferung heißt bei prime-Kunden in verfügbaren Regionen Same-Day-Lieferung, prime-now-Kunden können ausgewählte Produkte bereits nach zwei Stunden erwarten. Schade eigentlich um die Vorfreude, die früher das Warten vermittelte. Die ist deutlich geschrumpft. Aber das war ja auch früher. Heute gibt es ein anderes zeitliches Paradigma, das auf die immer weitere Verkürzung der Zeitspanne zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung gerichtet ist. Das ist weniger Vorfreude, aber – hoffentlich – schnellere Freude am Ereignis oder Produkt.

Die Prognose ist für Freunde wie auch für Kritiker der Immer-weiter-Beschleunigung klar: Bald wird es Lieferungen geben, die ausschließlich den Berechnungen oberschlauer Algorithmen entspringen. Und zwar bevor das Bedürfnis artikuliert wurde. Die Ware ist bereits unterwegs. Die Zeiten auf der „Rückseite der Cloud“ haben dafür gesorgt. Die Produktangebote, die uns zwischenzeitlich aufpoppend im Netz erreichen, werden sicherstellen, dass wir gerade noch rechtzeitig bestellen können, um an der Tür zu sein und das Paket sofort in Empfang zu nehmen. In Marc Uwe Klings Zukunftsroman „QualityLand“ ist das weiter gesteigert: Wer bei „TheShop“ angemeldet ist, bekommt alles, was er bewusst oder unbewusst haben will, automatisch zugeschickt. Eine Entscheidung braucht es nicht mehr dazu. Die wurde bereits getroffen. In QualityLand lautet die Antwort auf alle Fragen: o.k. Aber sofort! In QualityLand gibt es natürlich reichlich QualityTime [1]. Vermeintlich jedenfalls. Aber sofort. Und nicht für jede/n gleich. So viel Gerechtigkeit muss sein. Schließlich geht’s um Qualitätszeit.

Vorab der aus meiner Sicht empfehlenswerten Lektüre von QualityLand: die dort gezeichnete Perspektive scheint eher düster, fremdgesteuert, manipulierend und entmündigend. Nichtsdestoweniger setzen einstweilen noch die allermeisten auf Sofortness. Jedenfalls lässt die Alltagsbeobachtung der Smartphone-Nutzer diese Folgerung zu. Das Smartphone ist die Vergleichzeitigungstechnologie, eine Hier-und-Jetzt-Maschine, die wir brauchen, um sofort in Kontakt zu treten, sofort irgendwas zu checken, sofort zu kommunizieren, sofort zu konsumieren, sofort dies und das hin oder weg zu wischen.

Abgesehen von dem, was wir da sofort erledigen, tun, öffnen, schließen oder erleiden, lenken wir uns damit auch ab. Das macht uns dieses immer und überall und zu allen Zeiten sofort verfügbare Gerät ja auch ganz leicht. Wir lenken uns mit der Versofortigungsmaschine nicht nur ab von kritischen Gedanken zu so viel Sofortness (das könnten wir aber schnell mal googlen …), sondern womöglich auch von einer ganzen Horde blinder Flecke, die uns den Blick verstellen oder trüben.

Ohne ideologisch zu werden, denn ich plädiere ja für zeitliche Vielfalt und nicht grundsätzlich für Langsamkeit oder für die Rückkehr zu den guten alten Zeiten (die sich ja viele ersehnen), ist es womöglich doch interessant, das eigene zeitliche Verhalten daraufhin zu untersuchen, was gerade ausgeblendet wird, was ich also gerade nicht sehe, wenn ich mal wieder sofort aufs Display starre und darüber wische. Durch diese sofortige Handlung nutze ich den Augenblick in einer bestimmten Art und Weise. Andere Wahrnehmungen können nicht stattfinden, z.B. die Beobachtung unserer Umwelt, der Natur, der echte Kontakt in Blicken und Worten usw. Was treibt uns dazu, soviel zu verpassen, wenn wir uns entscheiden, sofort so viel zu checken, zu machen, zu wischen? Es scheint da eine Sehnsucht zu geben, die wir über die Versofortigungs-Hard- und Software (unbewusst) meinen bedienen zu können. Das könnte die Sehnsucht nach Nähe sein. Ob wir die allerdings mittelfristig oder gar sofort im Möglichkeitsüberschuss der virtuellen Welten finden, ist in den – hoffentlich nicht zur Gänze abgelenkten – Blick zu nehmen. Damit wir nicht beklagenswerte Opfer der Sofortness werden. Ohne wirklich Nähe gespürt oder erfahren zu haben.

„Das trifft nach meiner Kenntnis …, ist das sofort, unverzüglich“, stammelte Politbüromitglied Schabowski am 9. November 1989. Und damit war es geschehen.

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[1] http://www.marcuwekling.de/werke/

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Kategorien: Zeitforschung

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