Fastenzeit

Alljährlich geht sie im Rhythmus des Kirchenjahres dahin, die wogende, tobende, brausende Karnevals- oder je nach Region Faschings- oder Fassenachts-Zeit. Sie hat viele Menschen andere eher belastende Zeitqualitäten vergessen lassen. Sie sind untergegangen im Trubel des ausufernden Hier-und-Jetzt, das es einmal im Jahr zulässt, eine kleine Dosis von „eigentlich bin ich ganz anders, nur komm‘ ich so selten dazu“-Augenblicken zu praktizieren. So gesehen ist diese Zeit ein Biotop für all jenes, was sonst in den Bereich unserer nicht nur zeitlichen Sehnsüchte verwiesen wird. Ausgenommen des Verzichts versteht sich – es sei denn des Verzichts auf Ruhe- und Schlafzeiten. Exzess und Befreiung ist angesagt – jedenfalls kann man und frau ja mal so tun als ob.

Damit ist jetzt erst mal Schluss.

Was kommt, das ist die Fasten-Zeit. Zeit des selbst auferlegten Verzichts. Zeit der Reduktion, Zeit des Weglassens und der Besinnung auf das Wesentliche. Zeit der Reinigung und Zeit für Abstinenz und Begrenzung. Es lebe die Differenz der in diesen Tagen möglichen Zeiterfahrungen. Einer zeitlich ausufernden satten Genusssymphonie der Andersartigkeit steht nun eine zeitlich beschränkte und beschränkende, streng angelegte Kunst der Fuge gegenüber. Festlegung auf ein einfaches Motiv, das dann stetig und kontinuierlich weitergetragen und sich wiederholend, strengen Regeln folgend ein feinsinniges Kunstwerk und -gefühl entstehen lässt.

Ist der Karneval die Überspitzung des Möglichkeitsüberschusses, für den es heute ja eigentlich überhaupt keinen Karneval mehr braucht, weil er zur Alltagserfahrung entgrenzter Realitäten geworden ist, so ist die Fasten-Zeit die Wahrnehmung der selbstbestimmten Selektion. Sie ist ein traditioneller und ritueller Rahmen für andere Zeitformen. So gesehen ist die Fastenzeit eine großangelegte Pause. Das erschöpfte oder gar kranke Selbst kann sich von der Last des Möglichen (Ehrenberg) entlasten, indem es sich selbst verpflichtet, Möglichkeiten weg zu lassen. Die Benediktsregel, die in dem Kloster, wo dieser zeitgeistige Text entstanden ist, ausliegt, fordert dazu auf, „alle anderen Nachlässigkeiten der anderen Zeiten“ in diesen Tagen zu tilgen.

Der Fasten-Zeit-Vertrag mit sich selbst über das Weglassen kann eine alternative Erfahrung zugänglich machen, die zu mehr gefühltem Zeitwohlstand beiträgt.

Der nächste Karneval kommt ja ganz bestimmt.

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